Kommentar von Jérôme Laplace zu Robotik, KI und Sicherheit
„Europäische Souveränität lässt sich nicht verordnen – sie muss aufgebaut werden“
Der CEO von Running Brains Robotics, Jérôme Laplace, ordnet ein, warum technologische Souveränität in Europa nicht allein durch politische Vorgaben entsteht. Entscheidend seien eigene Entwicklungskompetenzen, industrielle Wertschöpfung und eine Beschaffung, die europäische Technologien gezielt berücksichtigt.
Jérôme Laplace ist CEO von Running Brains Robotics, einer Marke der NGX Robotics Group, die auf autonome Sicherheits- und Inspektionsroboter für sensible Standorte spezialisiert ist. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Mérignac in der französischen Region Nouvelle-Aquitaine.
Running Brains Robotics
Die Art und Weise, wie Europa heute über technologische Souveränität spricht, ist von einem tiefen Widerspruch geprägt. Wir haben sie zu einem Leitmotiv gemacht, beinahe zu einem Schlagwort, das auf jedem Gipfeltreffen und in jeder Roadmap bemüht wird. Doch vor Ort, in Industrieanlagen, kritischen Infrastrukturen und Überwachungszentren, sieht die Realität ganz anders aus. Nach Angaben der Europäischen Kommission stammen mehr als 50 Prozent der Technologien, die in europäischen kritischen Infrastrukturen zum Einsatz kommen, von außerhalb des Kontinents. Und bei der Künstlichen Intelligenz, die die Grundlage für die nächste Generation industrieller Systeme bildet, entfallen fast 80 Prozent der weltweiten Investitionen auf die USA und China.
Diese Zahlen sind keine statistischen Abstraktionen. Sie beschreiben eine konkrete Abhängigkeit: die eines Kontinents, der mehr Technologie konsumiert, als er selbst produziert, und der sich bei inzwischen lebenswichtigen Funktionen auf andere verlässt.
Souveränität ist kein Etikett
Zu häufig wird „europäisch einkaufen“ mit „souverän sein“ gleichgesetzt. Doch das ist nicht dasselbe. Ebenso falsch ist allerdings die gegenteilige Annahme: Souveränität bedeutet keine Autarkie. Kein Hersteller, weder in Europa noch anderswo, produziert jedes einzelne Bauteil, das er in seine Systeme integriert. Ein Sensor kann durchaus von einem ausländischen Lieferanten stammen. Entscheidend ist, was damit geschieht.
Wahre technologische Beherrschung zeigt sich in der Konstruktion, in den Algorithmen, in der intern entwickelten Elektronik und Mechanik, in der Montage im eigenen Land sowie in der Integration all dieser Elemente zu einem kohärenten System. Genau darin liegt der Unterschied zwischen einem reinen Systemmontierer und einem echten Hersteller.
Diese Kompetenz lässt sich nicht verordnen. Sie muss über Jahre hinweg aufgebaut werden – durch Investitionen in Entwicklungsabteilungen, in hier ausgebildete Ingenieurinnen und Ingenieure und in proprietäre Algorithmen, die im eigenen Unternehmen entwickelt werden. Dafür muss man eine einfache Wahrheit akzeptieren: Souverän wird man nicht, indem man die eigene technologische Intelligenz an andere auslagert.
Sicherheit sensibler Standorte als entscheidendes Beispiel
Der Schutz sensibler Standorte – etwa in den Bereichen Energie, Öl und Gas, Chemie, Rechenzentren, Verkehr, Lagerung, Verteidigung oder Militärbasen – verdeutlicht diese Herausforderung besonders deutlich. Genau dort birgt technologische Abhängigkeit die größten Risiken. Wenn ein Roboter permanent auf dem Gelände eines Kohlenwasserstofflagers, rund um ein Rechenzentrum, entlang des Perimeters einer Militärbasis oder auf einem Chemiegelände patrouilliert, erfasst er kritische Daten. Die Algorithmen, die diese Daten verarbeiten, die Server, auf denen sie gespeichert werden, und die Sensoren, die sie erfassen, bestimmen unmittelbar mit, inwieweit ein Land seine eigenen Einrichtungen schützen kann.
Diese grundlegenden Komponenten ausländischen Technologien anzuvertrauen bedeutet im besten Fall, eine wirtschaftliche Abhängigkeit zu akzeptieren. Im schlimmsten Fall entsteht dadurch eine potenzielle Eintrittsstelle. Dabei geht es nicht darum, in Paranoia zu verfallen. Vielmehr gilt es, die Lehren aus 15 Jahren Debatten über Telekommunikationsausrüstung, Cloud-Dienste und kritische Komponenten zu ziehen. Immer wieder hat Europa zu spät erkannt, welche Kompetenzen und Funktionen es aus der Hand gegeben hatte.
Eine industrielle Frage – nicht nur eine politische
Technologische Souveränität wird meist als politische Frage behandelt. In erster Linie ist sie jedoch eine industrielle Herausforderung. Es reicht nicht aus, Vorschriften, Taxonomien oder Investitionsprogramme zu verabschieden. Es braucht Unternehmen, die diese Ziele in der Praxis umsetzen können: kleine und mittlere Unternehmen, mittelgroße Unternehmen und Forschungslabore, die die langwierige Arbeit in Entwicklung, Produktion und Implementierung leisten.
Bei Running Brains Robotics haben wir uns vor mehr als 18 Jahren für diesen Weg entschieden. Unsere autonomen Sicherheitsroboter werden von unseren Teams in Mérignac in Frankreich konzipiert, entwickelt und produziert. Unsere Navigations- und Wahrnehmungsalgorithmen werden von unseren Ingenieuren entwickelt und kontinuierlich verbessert. Auch unsere Überwachungsplattform, das Running Brains Operations Center (RBOC), entsteht im eigenen Haus. Die dort verarbeiteten Daten werden in Frankreich gehostet und aus naheliegenden Gründen der Cybersicherheit Ende-zu-Ende verschlüsselt.
Das ist weder ein Marketingargument noch eine aktivistische Position. Es ist eine notwendige Voraussetzung dafür, dass Betreiber kritischer Infrastrukturen tatsächlich die Kontrolle über die Systeme behalten, die sie an ihren Standorten einsetzen. Wir sind damit nicht allein. In den Bereichen Robotik, angewandte KI, Sensorik und industrielle Plattformen entsteht derzeit eine neue Generation europäischer Anbieter. Viele von ihnen sind noch wenig bekannte KMU, die Schritt für Schritt ein glaubwürdiges europäisches Technologie-Ökosystem aufbauen.
Was weiterhin fehlt: Nachfrage
Was heute am meisten fehlt, ist nicht Innovation. Es ist Nachfrage. Öffentliche und private Einkäufer in Europa bevorzugen noch zu häufig Lösungen aus anderen Regionen – aus Gewohnheit, aus Bequemlichkeit oder weil diese kurzfristig weniger riskant erscheinen. Auch der Preis wird regelmäßig als Argument angeführt. Dabei handelt es sich weitgehend um eine Fehleinschätzung. Bei vergleichbarem Leistungsumfang sind die Preisunterschiede häufig deutlich geringer als angenommen. Sie relativieren sich zusätzlich, wenn die Gesamtkosten betrachtet werden – einschließlich Integration, Wartung, Support und der Abhängigkeit vom jeweiligen Lieferanten.
Doch ohne Absatzmärkte kann keine Souveränität bestehen. Kein Ökosystem kann wachsen. Technologische Souveränität erfordert daher auch eine schlüssige Beschaffungsstrategie: Bei vergleichbarer Qualität sollten Lösungen bevorzugt werden, die in Europa entwickelt wurden. Und mitunter muss man bereit sein, einen europäischen Hersteller zu unterstützen, bevor er die Größe seiner amerikanischen oder chinesischen Wettbewerber erreicht hat. Technologische Souveränität entscheidet sich nicht allein daran, ob Roboter in Frankreich produziert werden können. Sie basiert auch auf Kundennähe und auf einer industriellen Agilität, die strategische Bedeutung erlangt hat.
Wenn französische Unternehmen die gesamte Wertschöpfungskette beherrschen – von der Konstruktion über die Software bis hin zum Kundendienst –, können sie ihre Lösungen wesentlich schneller an die Anforderungen vor Ort anpassen, Funktionen gezielt auf spezifische Rahmenbedingungen zuschneiden und einen schnellen Support gewährleisten.
Eine gesellschaftliche Entscheidung
Hinter technologischer Souveränität steht letztlich eine gesellschaftliche Entscheidung. Die Entscheidung für ein Europa, das Technologie nicht nur konsumiert, sondern selbst produziert. Für eine Industrie, die ihr strategisch wichtigstes Know-how nicht aus der Hand gibt. Und für Sicherheit im weitesten Sinne – die Sicherheit von Standorten, Daten und qualifizierten Arbeitsplätzen –, die auf Grundlagen basiert, die wir selbst kontrollieren.
Diese Entscheidung fällt nicht in großen Reden. Sie fällt bei Ausschreibungen, in Forschungs- und Entwicklungsbudgets und bei Investitionsentscheidungen. Auftrag für Auftrag. Letztlich hängt sie von unserer gemeinsamen Fähigkeit ab, den eigenen Ingenieurinnen und Ingenieuren, den eigenen Unternehmerinnen und Unternehmern und den eigenen Herstellern zu vertrauen.
Souveränität lässt sich nicht verordnen. Sie muss aufgebaut werden. Die Frage ist, ob wir wirklich bereit sind, sie aufzubauen.