Prozessoptimierung im Schaltschrankbau

Erst standardisieren, dann digitalisieren

Digitale Assistenzsysteme entfalten im Schaltschrankbau erst dann ihre volle Wirkung, wenn Prozesse zuvor konsequent analysiert und standardisiert wurden. Wertstromanalyse, Lean-Methoden und die aktive Einbindung der Mitarbeitenden schaffen die Basis für effizientere, ergonomischere und fehlerärmere Abläufe.

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Mitarbeitereinbindung als Erfolgsfaktor: Gemeinsam werden Abläufe im Schaltschrankbau analysiert, Verschwendung sichtbar gemacht und Verbesserungen für eine effiziente, standardisierte und anschließend digital unterstützte Fertigung entwickelt.
Mitarbeitereinbindung als Erfolgsfaktor: Gemeinsam werden Abläufe im Schaltschrankbau analysiert, Verschwendung sichtbar gemacht und Verbesserungen für eine effiziente, standardisierte und anschließend digital unterstützte Fertigung entwickelt.

Die Digitalisierung spielt in all ihren Facetten eine bedeutende Rolle in der industriellen Fertigung und verändert diese grundlegend. Auch der Schaltschrankbau ist hier keine Ausnahme. Geprägt von überwiegend manuellen Prozessen, einer individuellen Planung der Projekte und Stückzahlen in Losgröße 1, bieten sich durch die digitale Transformation der Fertigung neue Potenziale für die Steigerung der Effizienz und der Qualität sowie zur Senkung von Kosten. Grundsätzliche Themen wie der Fachkräftemangel verstärken den Bedarf nach einer optimierten Fertigung zusätzlich. Die Voraussetzungen für das Digitalisieren der Fertigung sind dabei sehr gut. Denn im Engineering wird bei der Erstellung von Schaltplänen ohnehin mit CAE-Systemen wie Eplan gearbeitet, die Datenbasis ist in der Regel vorhanden. Für das Gelingen einer erfolgreichen Umsetzung der Digitalisierung im Schaltschrankbau ist jedoch die vorherige Standardisierung von Prozessen maßgeblich.

Sind die analogen Prozesse von nicht wertschöpfenden Tätigkeiten geprägt und werden diese 'blind' digitalisiert, bleibt eine Optimierung der Fertigungsprozesse aus oder sie werden im schlimmsten Fall ineffizienter. Daher kann 'Die Digitalisierung der Fertigung' nie das eigentliche Ziel einer Optimierung sein, sondern lediglich ein Werkzeug für eben diese. Methoden aus dem Lean-Management können hier helfen, analoge Prozesse zu standardisieren und Verschwendung zu reduzieren und somit fit für eine effiziente digitale Schaltschrankfertigung zu machen.

Visuelle Darstellung der Material- und Informationsflüsse
Visuelle Darstellung der Material- und Informationsflüsse

Phoenix Contact bietet hier erprobte Methoden, die dem Schaltschrankbau den Weg zu einer effizienten digitalen Fertigung ebnen können. Der komplexe, von vielen Einzelschritten und oft handwerklich geprägte Prozess bis zum fertigen Schaltschrank lässt sich so systematisch analysieren und nachhaltig optimieren.

Die Wertstromanalyse als Grundlage zur Prozessoptimierung

Die Wertstromanalyse durchleuchtet Informations- und Materialflüsse im Schaltschrankbau von der Planung bis zur Auslieferung des Schaltschrankes und macht Verschwendungen im Prozess durch Visualisierung sichtbar. So entsteht eine fundierte Grundlage für die Erarbeitung einer Optimierungsstrategie im Schaltschrankbau. Diese beinhaltet die Projektziele sowie die Erfolgskennzahlen zur systematischen Überprüfung der Ziele. Außerdem werden der Projektzeitraum und die weiteren Methoden zur Umsetzung von Optimierungsmaßnahmen festgelegt. Besonders wichtig: Wer ist an den Prozessschritten beteiligt? Die Einbeziehung der am Prozess beteiligten Mitarbeiter ist sowohl für die tiefergehende Analyse der zu optimierenden Prozesse als auch für die Erarbeitung der Optimierungsmaßnahmen selbst von großem Wert. Nicht zuletzt steigert dieses Vorgehen die Akzeptanz und Bereitschaft, die Veränderungen umzusetzen und auch dauerhaft zu leben.

Je nach Ergebnis der Wertstromanalyse und Festlegung der Optimierungsstrategie kommen dann weitere Methoden aus dem Lean-Management zur Standardisierung von Prozessen und Beseitigung von Verschwendung zum Einsatz.

Die 5S-Methode

Suchaufwände wie beispielweise die Suche nach der richtigen Abisolierzange oder dem passenden Schraubendreher zum Anschließen der Leiter sind typische Situationen beim Verdrahten eines Schaltschranks. Oftmals befinden sich deutlich mehr Werkzeuge und Hilfsmittel im Zugriff, als für diesen Prozessschritt erforderlich wären. Die 5S-Methode hilft bei der Fokussierung auf das Wesentliche, um Verschwendungen wie Platzmangel oder die beispielhaft beschriebenen Suchaufwände im Schaltschrankbau zu reduzieren. Ziel ist es, dauerhaft für Ordnung, Sauberkeit und Effizienz am Arbeitsplatz zu sorgen und diese zu erhalten.

Die 5S stehen dabei für:

  • Sortieren: Das Entfernen nicht benötigter Dinge aus dem Arbeitsbereich.

  • Systematisieren: Arbeitsmittel haben ihren festen Platz.

  • Säubern: Die Arbeitsumgebung wird regelmäßig gereinigt.

  • Standardisieren: Standards für Ordnung und Sauberkeit werden festgelegt und dokumentiert.

  • Selbstdisziplin: Die Regeln werden dauerhaft eingehalten.

Insbesondere der Punkt Selbstdisziplin ist besonders schwer umzusetzen. Für eine dauerhaft erfolgreiche Implementierung in Produktion und Büros sollten daher alle Mitarbeiter nach der 5S-Methode geschult werden.


Fabrikplanung

Das Kommissionieren der benötigen Bauteile für den Schaltschrank findet an einem Ende der Halle statt, die Montage der Bauteile im Schaltschrank am anderen Ende, dazwischen steht die Druckerstation für die benötigten Betriebsmittel-Kennzeichnung und Klemmenmarkierungen. Dieses Beispiel für ein Fertigungslayout ist möglicherweise historisch gewachsen oder baulich bedingt. Tendenziell bedeutet es vor allem eines: Verschwendung durch Transport von Material beziehungsweise Wege der Mitarbeiternden, die bei einem optimierten Fertigungslayout reduziert werden können.

Im Lauf der Zeit entsteht oft eine gewisse Betriebsblindheit, bei der diese Probleme kaum sichtbar werden. Durch eine objektive Betrachtung von Aaußen lassen sich Arbeitsplätze, die Maschinenanordnung und auch die Materialflüsse optimieren sowie Wege und Wartezeiten reduzieren. Dies gilt für bestehende Fertigungsstätten ebenso wie für eine neue Fertigungshalle, bei der es im besonderen Maße Sinn macht, sich über die strukturierte Planung der Fertigung Gedanken zu machen.

Arbeitsplatzgestaltung mit Cardboard-Engineering

In Kürze: Optimierung von Prozessen im Schaltschrankbau

Am Beginn steht eine fundierte Wertstromanalyse, die Transparenz über Material- und Informationsflüsse schafft und Verschwendungen sichtbar macht. Darauf aufbauend werden konkrete Optimierungsstrategien entwickelt, die sowohl Projektziele als auch Erfolgskennzahlen und Umsetzungsmaßnahmen definieren. Die Einbindung der Mitarbeitenden spielt dabei eine zentrale Rolle – sie fördert nicht nur die Qualität der Analyse, sondern auch die Akzeptanz für Veränderungen. Methoden wie die 5S-Methode, eine durchdachte Fabrikplanung und individuell gestaltete Arbeitsplätze mittels Cardboard-Engineering tragen wesentlich zur Effizienzsteigerung bei. Nach der Standardisierung analoger Prozesse entfaltet die Digitalisierung ihr volles Potenzial: Digitale Assistenzsysteme wie Clipx Engineer und Clipx Wire assist unterstützen Mitarbeitende gezielt und ermöglichen eine teilautomatisierte, fehlerarme Fertigung. So entsteht ein ganzheitlicher, nachhaltiger Verbesserungsprozess, der den Schaltschrankbau zukunftsfähig macht.

Die Fertigung ist oft handwerklich geprägt. Viele Arbeitsschritte sind speziell und finden sich so in keinem anderen Bereich wieder. Herkömmliche Arbeitsmittel von der Stange sind nur teilweise geeignet. Individuell gestaltete Arbeitsplätze sind eine gute Lösung, um in Hinblick auf Effizienz, Ergonomie und Mitarbeitereinbindung bei Veränderungen die Fertigung weiter zu optimieren. Phoenix Contact bietet mit Workshops zur Arbeitsplatzgestaltung die Möglichkeit, mit einfachen Hilfsmitteln wie Karton oder Styropor Arbeitsplätze durch die eigenen Mitarbeitenden als Prototyp entwickeln zu lassen. Mit diesen Prototypen lassen sich Arbeitsabläufe in realer Umgebung simulieren und kontinuierlich optimieren, bis eine Lösung gefunden ist, die den Ansprüchen hinsichtlich Ergonomie und Effizienz gerecht wird. Diese Lösung wird dann in einem Rohrsystem aus Metall umgesetzt und standardisiert.

Mitarbeiter entwickeln Arbeitsplatzprototypen aus Papprohr und Karton
Mitarbeitende entwickeln Arbeitsplatzprototypen aus Papprohr und Karton.

Weiterhin besteht die Möglichkeit, diese Arbeitsplätze bei veränderten Rahmenbedingungen anzupassen und so in der Fertigung flexibel zu bleiben. Die Akzeptanz für die neuen Arbeitsplatzsysteme ist in diesem Fall besonders groß, da die Entwicklung durch die eigenen Mitarbeitenden erfolgt und auch fortlaufend weiterentwickelt wird. Durch den kostengünstigen Einsatz von Karton und Papprohr bei der Entwicklung lassen sich zudem teure Fehlinvestitionen von der Stange vermeiden.

Digitalisierung folgt auf Standardisierung

Die Fertigung wurde nach Lean-Prinzipien optimiert, und in den analogen Prozessen sind Verschwendungen reduziert sowie Standards etabliert. Digitale Helfer können nun ihre volle Wirkung entfalten. Hier bietet Phoenix Contact verschiedene Anwendungen, die den Mitarbeitenden die richtigen Informationen zur richtigen Zeit am entsprechenden Arbeitsplatz bereitstellen.

Mit der Engineering-Software Clipx Engineer ist es für die Mitarbeitenden im Engineering möglich, über eine einfach zu installierende Schnittstelle, zum Beispiel aus Eplan heraus, Daten für die Fertigung zu erzeugen. Auch andere gängige Systeme ermöglichen über eine Exportfunktion den Datenaustausch in den Clipx Engineer. Die Software übernimmt alle Bauteile und Komponenten und ergänzt auf Wunsch minimal erforderliches Zubehör an Phoenix-Contact-Artikeln. So kann diese zeitraubende Tätigkeit automatisiert und sichergestellt werden, dass beispielsweise eine Klemmenleiste korrekt beschrieben ist. Neben vielen weiteren nützlichen Funktionen stellt der Clipx Engineer auch die Brücke zur Bereitstellung von Fertigungsdaten dar.

Fertigungsunterlagen werden digital am Arbeitsplatz bereitgestellt.
Fertigungsunterlagen werden digital am Arbeitsplatz bereitgestellt.

Über die Werkerassistenz-Software Clipx Engineer assemble werden alle relevanten Informationen aus dem Clipx Engineer an einen Arbeitsplatz zur Bestückung von Tragschienen bereitgestellt. Dieser Arbeitsplatz kann vorab in einem Workshop gestaltet oder aus den Arbeitsplatzsystemen der Clipx Basic line konfiguriert worden sein. Die bereitgestellten Informationen werden als Arbeitsanweisung über einen Bildschirm zur Verfügung gestellt und unterstützen bei der Bestückung einer Tragschiene mit Komponenten, Zubehör und Markierungsschildern. Wird zudem ein Pick-by-Light-System angeschlossen, welches die Bauteile für den nächsten Arbeitsschritt anzeigt, entfällt das aufwendige Sichten und Interpretieren der Fertigungsunterlagen.

Im Prozessschritt Leitervorbereitung kann ebenfalls ein Arbeitsplatz in Kombination mit dem Werkerassistenzsystem Clipx Wire assist die Mitarbeitenden entlasten und die Drahtsatzerstellung beschleunigen. Nach vorherigem Drahtrouting lässt sich durch eine einfache Datenübernahme aus den gängigen CAE-Programmen ein Drahtsatz teilautomatisiert erstellen.

Die Software bindet dabei Werkzeugautomaten zum Ablängen, der Leiterendbehandlung und Drucksysteme von Phoenix Contact ein und führt den jeweiligen Mitarbeiter Schritt für Schritt durch den Prozess der Leitervorbehandlung bis zum fertigen Drahtsatz. Grundsätzlich ermöglichen die Werkerassistenzsysteme auch den Einsatz von fachfremden Mitarbeitenden, die die Fachkräfte zusätzlich entlasten, sodass diese sich auf wertschöpfende Tätigkeiten wie Verdrahtung oder Prüfung von Schaltschränken konzentrieren können.

Was Sie zur Prozessoptimierung im Schaltschrankbau wissen müssen

Warum sollte im Schaltschrankbau zuerst standardisiert und dann digitalisiert werden?
Wer ineffiziente analoge Prozesse lediglich digitalisiert, übernimmt bestehende Verschwendung in die digitale Fertigung. Erst standardisierte und optimierte Abläufe schaffen die Grundlage dafür, dass digitale Lösungen ihre Wirkung entfalten können.

Welche Rolle spielt die Wertstromanalyse bei der Prozessoptimierung?
Sie macht Material- und Informationsflüsse transparent und zeigt Verschwendung im Fertigungsprozess auf. Darauf aufbauend lassen sich Optimierungsziele, Kennzahlen und konkrete Maßnahmen definieren.

Wie unterstützt die 5S-Methode den Schaltschrankbau?
Die 5S-Methode reduziert unter anderem Suchzeiten und unnötige Arbeitsmittel am Arbeitsplatz. Durch Sortieren, Systematisieren, Säubern, Standardisieren und Selbstdisziplin sollen Ordnung und Effizienz dauerhaft verbessert werden.

Wie können Arbeitsplätze ergonomischer und effizienter gestaltet werden?
Beim Cardboard-Engineering entwickeln Mitarbeitende zunächst Prototypen aus Karton oder Styropor. Arbeitsabläufe lassen sich damit praktisch testen und so lange optimieren, bis eine ergonomische und effiziente Lösung entsteht.

Wie unterstützen digitale Assistenzsysteme die Schaltschrankfertigung?
Lösungen wie Clipx Engineer, Clipx Engineer assemble und Clipx Wire assist stellen Fertigungsinformationen digital bereit, führen Mitarbeitende durch Arbeitsschritte und ermöglichen teilautomatisierte Abläufe etwa bei Bestückung und Leitervorbereitung.