Humanoide Roboter zwischen Vision und industrieller Praxis

Wann kommen die Humanoiden?

Auf der Automation Next Conference 2026 sprach Alexander Mühlens, Vice President Low Cost Automation bei Igus, über den praktischen Einsatz humanoider Roboter. Sein Vortrag war dabei bewusst kein Zukunftsmärchen, sondern eine Bestandsaufnahme aus Sicht eines Unternehmens, das humanoide Roboter sowohl entwickelt und vertreibt als auch selbst einsetzt.

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Während zweibeinige Systeme noch vor großen Herausforderungen stehen, eröffnen mobile Roboter mit humanoidem Oberkörper bereits konkrete Einsatzmöglichkeiten in der Logistik und Kommissionierung. Entscheidend sind dabei Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und zuverlässige Sensorik.
Während zweibeinige Systeme noch vor großen Herausforderungen stehen, eröffnen mobile Roboter mit humanoidem Oberkörper bereits konkrete Einsatzmöglichkeiten in der Logistik und Kommissionierung. Entscheidend sind dabei Wirtschaftlichkeit, Sicherheit und zuverlässige Sensorik.

Sein Kurzfazit vorangestellt: Vieles funktioniert bereits erstaunlich gut – gleichzeitig liegen zwischen spektakulären Social-Media-Videos und industrieller Realität noch erhebliche Unterschiede.

Low Cost Automation als Leitmotiv

Alexander Mühlens während seines Vortrags auf der Automation Next Conference 2026.
Alexander Mühlens während seines Vortrags auf der Automation Next Conference 2026.

Und nun der Reihe nach: Zu Beginn machte Mühlens deutlich, dass seine Perspektive stark von den wirtschaftlichen Zwängen mittelständischer Unternehmen geprägt sei. Der Elektroingenieur arbeitet seit mehr als 22 Jahren bei Igus und beschäftigt sich seit Beginn seiner Laufbahn mit der Frage, wie Automatisierung günstiger werden kann.

Bereits eines seiner ersten Projekte bei Igus zeigte die Problematik klassischer Automatisierungslösungen: Für einen Montageautomaten kalkulierte er seinerzeit Kosten von rund 67.000 Euro. Integratoren riefen für vergleichbare Lösungen dagegen Preise zwischen 300.000 und 500.000 Euro auf. Für viele Unternehmen seien solche Summen schlicht nicht darstellbar.

Heute arbeiten in der Automatisierungsabteilung von Igus rund 250 Mitarbeiter. Das Unternehmen zählt weltweit etwa 6.500 Beschäftigte und verfolgt eine klare Investitionsregel: Automatisierungsprojekte müssen sich innerhalb eines Jahres amortisieren.

Vom Komponentenhersteller zum Robotik-Anbieter

Während Igus vielen Branchen vor allem als Hersteller von Energieketten bekannt ist, hat sich das Unternehmen in den vergangenen Jahren zu einem ernstzunehmenden Robotik-Anbieter entwickelt. Neben einem Marktplatz für Automatisierungslösungen produziert das Unternehmen eigene Roboter vollständig selbst, inklusive Software, Firmware und Elektronik.

Nach Angaben von Mühlens wird Igus im Jahr 2026 rund 20.000 eigene Roboter weltweit in Verkehr bringen. Hinzu kommen etwa 5.000 weitere Robotiklösungen. Durch die internationale Präsenz in 52 Ländern kann das Unternehmen dabei auf bestehende Vertriebs- und Serviceinfrastrukturen zurückgreifen.

Trotzdem ordnet Mühlens die Größenordnung der Branche nüchtern ein: Weltweit werden laut den von ihm zitierten Zahlen jährlich rund 500.000 neue Industrieroboter installiert, während im selben Zeitraum rund 12 bis 13 Mio. Mähroboter verkauft.

„Das ist super viel, sagen wir immer. Aber im Vergleich zu vielen Konsumprodukten ist das unglaublich wenig.“

Humanoide Robotik wächst mit enormer Geschwindigkeit

Besonders dynamisch entwickelt sich derzeit die humanoide Robotik. Laut der International Federation of Robotics (IFR) wurden zuletzt rund 7.000 humanoide Roboter verkauft. Die Zahl erscheine zunächst gering, müsse aber vor dem Hintergrund betrachtet werden, dass sich der Markt erst seit etwa zwei Jahren mit dem Thema in größerem Umfang beschäftige.

Im Vergleich zur Entwicklung der Cobots verlaufe das Wachstum deutlich schneller, kommentierte Mühlens: „Bei Cobots haben wir über zwölf, dreizehn Jahre gesprochen, bis die auf 50.000 Stück pro Jahr kamen. Ich denke, das wird bei Humanoiden schon nächstes Jahr der Fall sein.“

Warum Unternehmen nach Humanoiden fragen

Die meisten Unternehmen gehen davon aus, dass der Einsatz humanoider Roboter innerhalb der nächsten 3 bis 10 Jahre realistisch ist.
Die meisten Unternehmen gehen davon aus, dass der Einsatz humanoider Roboter innerhalb der nächsten 3 bis 10 Jahre realistisch ist.

Häufig sei die Neugier bezüglich humanoider Roboter groß, die Kunden wollten von Igus wissen, was solche Systeme heute bereits leisten können. In den meisten Fällen landeten Projekte am Ende jedoch bei einer anderen Automatisierungslösung, etwa einem mobilen Roboter oder einem klassischen Cobot.

Der Grund dafür ist einfach: Für die meisten Produktionsaufgaben gibt es heute technisch bessere und wirtschaftlichere Alternativen. „Ich kenne kein einziges Projekt, bei dem es um ROI geht und am Ende ein Humanoider die beste Lösung ist.“

Viele der derzeit gezeigten Demonstrationen seien unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten wenig sinnvoll. Als Beispiele nannte Mühlens Anwendungen, bei denen Roboter lediglich leere Kisten von einem Ort zum anderen transportieren oder umstapeln. Technisch funktioniere das durchaus. Wirtschaftlich seien klassische Industrieroboter oder Cobots in den meisten Fällen überlegen.

Die entscheidende Frage: Braucht es Ortsflexibilität?

Für die Bewertung humanoider Robotik stellt Mühlens eine zentrale Frage in den Mittelpunkt: „Brauchen Sie überhaupt einen ortsunabhängigen Roboter?“ Denn wenn ein Roboter dauerhaft denselben Arbeitsschritt an derselben Position ausführt, sei ein humanoider Roboter fast nie die optimale Lösung. Interessant werde die Technologie dort, wo ein System unterschiedliche Aufgaben an wechselnden Orten übernehmen müsse.

Humanoide Roboter spielen ihre Stärken vor allem dort aus, wo bestehende, für Menschen konzipierte Infrastrukturen weiter genutzt werden sollen.

Erste reale Anwendungen entstehen

Anders als noch vor wenigen Jahren sieht Mühlens mittlerweile konkrete Einsatzmöglichkeiten, die sich in den nächsten Jahren durchsetzen könnten. Ein Beispiel stammt aus der Logistik: Gemeinsam mit einem Verantwortlichen der DHL beobachtet er Anwendungen, bei denen Pakete automatisch bearbeitet werden. „Das funktioniert wirklich schon so. Das hätte ich vor zwei Jahren noch nicht so beurteilt.“

Besonders großes Potenzial sieht er in der Kommissionierung. So könnten humanoide Roboter künftig nachts Material für Produktionslinien vorbereiten, damit Mitarbeiter morgens sofort mit der Arbeit beginnen können. Gerade in bestehenden Lagerstrukturen seien humanoide Systeme im Vorteil, weil sie mit Regalen, Paternostern und sonstiger für Menschen ausgelegter Infrastruktur umgehen können.

Sicherheit bleibt die größte Herausforderung

Ein zentrales Thema des Vortrags war die Sicherheit. Mühlens widersprach der häufig geäußerten Vorstellung, humanoide Roboter müssten zwangsläufig direkt neben Menschen arbeiten. Aus seiner Sicht erhöhen Menschen die Fehlerwahrscheinlichkeit in automatisierten Prozessen. Daher sei es oft sinnvoller, Mensch und Roboter durch Schutzeinrichtungen zu trennen.

Für reale Industrieanwendungen kommen häufig mobile Roboterplattformen mit Lidar-Sensorik (Light Detection and Ranging) zum Einsatz, auf denen ein humanoider Oberkörper montiert wird. Solche Systeme kosten laut Mühlens ab etwa 82.000 Euro aufwärts.

Warum viele Humanoide noch auf Rädern unterwegs sind

Besonders kritisch äußerte sich Mühlens zur Vorstellung, zweibeinige Roboter im produktiven Industrieeinsatz zu betreiben: „Aktuell geht nur auf Rollen.“

Denn Humanoide auf Rädern seien deutlich robuster, sicherer und wirtschaftlicher als bipedale Systeme. Deshalb würden viele reale Anwendungen auf mobile Plattformen setzen, obwohl diese deutlich weniger spektakulär wirken als laufende Roboter.

Der Flaschenhals Sensorik

In der anschließenden Diskussion rückte ein Thema besonders in den Fokus: die Sensorik. Auf die Frage, warum humanoide Roboter trotz beeindruckender Fähigkeiten noch Schwierigkeiten in der Interaktion mit ihrer Umgebung haben, verwies Mühlens auf die enorme Leistungsfähigkeit der menschlichen Sinne.

Menschen seien keineswegs besonders präzise, ein Roboter arbeite deutlich genauer. Aber die Stärke des Menschen liege darin, taktile Rückmeldungen, Kräfte, Reibung und andere Sinneseindrücke permanent zu interpretieren. Genau dort fehle heutigen Robotern noch sehr viel.

Das gelte insbesondere für Roboterhände. Während frühe Greifersysteme noch rund 75.000 Euro kosteten, seien heute deutlich leistungsfähigere Roboterhände bereits für etwa 700 Euro erhältlich. Dennoch reiche die vorhandene Sensorik vieler Systeme noch nicht an die Fähigkeiten menschlicher Hände heran.

Fehlende Daten bremsen die Entwicklung

Neben der Sensorik sieht Mühlens die Datenbasis als zweite große Herausforderung und zitierte dabei den Robotikforscher Ken Goldberg von der University of California, Berkeley. Demnach stehen Robotiksystemen lediglich rund 10.000 Stunden nutzbarer Trainingsdaten zur Verfügung. Große Sprachmodelle dagegen basieren auf Wissensbeständen, die etwa 100.000 menschlichen Lebensjahren entsprechen.

Deshalb werde die Robotik künftig massiv von zusätzlichen Trainingsdaten profitieren. Mühlens verwies dabei auf Video-Plattformen wie Tiktok oder Youtube, die enorme Mengen an Bewegungs- und Handlungsmustern bereitstellen könnten.

Akzeptanzfragen bleiben

Ein weiteres Thema war die gesellschaftliche Akzeptanz humanoider Systeme. Auf Fragen aus dem Publikum zur Altenpflege und zu menschenähnlichen Robotern verwies Mühlens auf das sogenannte „Uncanny Valley“: Menschen reagierten häufig irritiert, wenn Roboter fast, aber eben nicht vollständig menschlich wirken. Persönlich hält er es deshalb für sinnvoll, wenn Roboter auch als solche erkennbar bleiben.

Zudem verwies er auf die Bedeutung von Betriebsräten und Change Management. Die technologische Entwicklung verlaufe derzeit so schnell, dass viele Menschen kaum noch mitkämen, was dann zu Ablehnung führen könne. Deshalb müsse die Einführung neuer Systeme aktiv begleitet werden.

Fazit: Die ersten Nischen entstehen jetzt

Während humanoide Roboter heute noch weit von einer flächendeckenden Nutzung entfernt sind, sieht Mühlens die Technologie trotzdem gerade an einem Wendepunkt. Die spektakulären Social-Media-Videos seien häufig wenig aussagekräftig, aber es entstünden gerade erstmals reale Anwendungen, erste Flottenprojekte und belastbare Geschäftsmodelle.

Der Weg zur Massenverbreitung wird nach Einschätzung des Igus-Managers dennoch länger dauern, als viele aktuelle Schlagzeilen vermuten lassen. Fehlende Sensorik, Sicherheitsanforderungen und die geringe Datenbasis stellen weiterhin erhebliche Herausforderungen dar. Trotzdem hat sich seine persönliche Einschätzung in den vergangenen Jahren deutlich verändert: Humanoide Robotik sei weniger eine Frage des Ob als vielmehr des Wann – und in welchen Anwendungen sie sich zuerst durchsetzen wird.