Die Hilscher Gesellschaft für Systemautomation mbH feiert in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen. Am Rande der Jubiläumsfeier in Hattersheim sprachen Firmengründer Hans-Jürgen Hilscher und sein Sohn Sebastian Hilscher, der seit 2020 die Geschäftsführung verantwortet, über die Anfänge des Unternehmens, die aktuelle strategische Ausrichtung und die Herausforderungen der kommenden Jahre.
Philip BittermannPhilipBittermannEditor-in-Chief neue verpackung / Automation NEXT
5 min
Zwei Generationen Hilscher und ein Chefredakteur: (v.l.) Sebastian Hilscher, Hans-Jürgen Hilscher und Philip Bittermann auf der Jubiläumsfeier bei Hilscher in Hattersheim.Hilscher
Anzeige
Das Unternehmen, das heute rund 450 Mitarbeitende beschäftigt und über eigene Chip-, Hardware- und Softwareentwicklung sowie eine eigene Produktion verfügt, startete 1986 mit überschaubaren Dimensionen und klaren Ambitionen. „Ein Ingenieurbüro mit 10, 15, 20 Leuten, alles überschaubar, das war damals meine Vision für das Unternehmen bei seiner Gründung“, erinnert sich Hans-Jürgen Hilscher. Zunächst beschäftigte sich das junge Unternehmen mit Automatisierungs- und Steuerungstechnik – bis sich eine strategische Weichenstellung durch einen Kundenauftrag ergab: Es war der Anbruch des Zeitalters der industriellen Kommunikationstechnik. Von diesem Punkt an wuchs das Unternehmen schrittweise mit der Technologie.
Die Übergabe an die nächste Generation
Anlässlich der 40-Jahres-Feier pflanzten Sebastian und Hans-Jürgen Hilscher einen Baum auf dem Firmengelände.Redaktion
Zum 1. Januar 2020 übernahm Sohn Sebastian Hilscher offiziell die Geschäftsführung – vorbereitet wurde der Schritt allerdings bereits gut ein Jahr zuvor. Klar war dabei früh, dass er das Unternehmen nicht nach dem Führungsstil des Vaters weiterführen würde, sondern eigene Akzente setzen würde. Hans-Jürgen Hilscher erinnert sich an den entsprechenden Dialog mit einem Schmunzeln: „Er hat gesagt: aber ich mache das nicht so wie du. Sag ich: wie meinst du das? Ah ja, abends um 9 bis 12 Uhr in die Firma und Samstag, Sonntag, so geht es bei mir nicht. Sag ich: du, das ist dann deine Firma, wenn du das anders kannst, dann mach das.“
Anzeige
Der Umbau von der klassischen One-Man-Show zu einer breiter aufgestellten Führungsstruktur funktionierte dann nicht von heute auf morgen, erinnert sich Sebastian Hilscher: „Es hat mich jetzt gute fünf Jahre gekostet, um das aktuelle Managementteam aufzubauen.“ Heute steht ihm ein vierköpfiges Führungsteam zur Seite: Thomas Rauch verantwortet als CTO den gesamten Technikbereich von IT über Chip-, Software- und Hardwareentwicklung bis zur kundenspezifischen Entwicklung. Christian Tepper hat als CSO nach dem Ausscheiden des bisherigen Interims-Vertriebsleiters zum Jahresende 2025 zusätzlich zu Produktmanagement und Marketing auch den Vertrieb übernommen und verantwortet damit den gesamten marktseitigen Bereich und Fabian Debus ist als COO für Operations verantwortlich – Produktion, Lieferkette, Einkauf, Qualitätsmanagement und Infrastruktur. HR und Finance hat CEO Sebastian Hilscher nach eigener Aussage bewusst direkt bei sich angesiedelt, nachdem zwei frühere Anläufe mit einer eigenen kaufmännischen Leitung nicht zum Unternehmen gepasst hätten.
Zurück zum Standard, getrieben von Security
Strategisch richtet sich Hilscher nach eigenen Angaben aktuell wieder stärker auf Standardprodukte und Technologieentwicklung aus – nachdem das Unternehmen zwischenzeitlich auch verstärkt applikationsspezifische Projekte verfolgt hatte.
Anzeige
Treiber ist vor allem das Thema Sicherheit: „Neben neuen Produkten fallen auch solche, die auf Technologien basieren, die wir bereits seit vielen Jahren einsetzen, künftig unter den Cyber Resilience Act“, so Sebastian Hilscher. Dabei ist Cybersecurity für Hilscher kein neues Thema, bereits 2018 habe man im NetX90 Hardware-Beschleuniger für Security verbaut – „da hat noch keiner über CRA oder sonstige Themen gesprochen“. Die entsprechenden Zertifizierungen nach ISO 27001 und IEC 62443 würden aktuell nachgeholt beziehungsweise seien teils bereits erreicht und veröffentlicht.
Sein Argument für die eigene Positionierung im Sicherheitsmarkt: „Security ist kein Chip-Thema, Security ist auch kein Software-Thema. Security ist eine Kombination aus Hardware, Software und Chip. […] Wer ist da besser geeignet als wir? Wir schieben die Verantwortung nicht weg zum Softwareanbieter oder zu einem Chipanbieter. Wir sind verantwortlich, dass Kommunikation sicher ist.“
KI als Skalierungshebel – und als Herausforderung bei der Ausbildung
Anzeige
Neben Security setzt Hilscher zunehmend auf künstliche Intelligenz, um die eigene Entwicklungskapazität zu vervielfachen. Aus Unabhängigkeitsgründen plant das Unternehmen dafür mit einer eigenen, lokalen KI-Infrastruktur im Haus: „Wir setzen unsere Businessmodelle auf den KI-Modellen auf, und da wollen wir nicht von Anbietern wie OpenAI oder Anthropic abhängig sein“, erklärt Sebastian Hilscher. Der Ausbau der nötigen Infrastruktur beginnt buchstäblich bei der Stromversorgung: „Das Erste, was wir machen müssen, ist eine eigene Trafostation hier aufs Haus zu setzen, weil wir mehr Power für die KI-Rechenzentren brauchen.“
Den Effekt auf die Entwicklungsleistung beschreibt er drastisch: „Künftig kann ein Entwickler mit Hilfe von KI vielleicht das leisten, wofür wir früher 10, 15 oder 20 Experten gebraucht haben.“ Voraussetzung dafür sei allerdings vorhandenes Fach-Know-how im eigenen Haus – genau das sieht Sebastian Hilscher zugleich als kommende Herausforderung für die gesamte Branche: Wenn Routineentwicklung zunehmend von KI-Agenten übernommen wird, fehlt Nachwuchskräften der klassische Weg, um selbst zu Experten heranzuwachsen. „Ich habe darauf ehrlich gesagt heute noch keine Antwort, aber das ist etwas, mit dem wir uns beschäftigen müssen“, so Hilscher. Er rechnet mit deutlich längeren, gezielteren Ausbildungszyklen, weil das bisherige „Learning on the Job“ durch KI-gestützte Entwicklung zunehmend wegfalle.
Auf dem Shopfloor selbst erwartet Sebastian Hilscher KI-Funktionen dagegen eher nicht: Die Rechen- und Kühlanforderungen seien etwa für Sensorik und Feldgeräte schlicht zu hoch. KI-Anwendungen sieht er vor allem auf Edge- und Cloud-Ebene – etwa im Rahmen der eigenen NetFIELD-Plattform für Shopfloor-Device-Management, bei der Edge-Gateways Softwarestände im Feld überwachen, Schwachstellen erkennen und Updates anstoßen.
Zu OPC UA FX äußert sich Sebastian Hilscher abwartend, aber grundsätzlich zuversichtlich: Der Standard werde kommen, aber „es wird nicht alles ersetzen, was es gibt“. Themen wie KI, Security, Weltwirtschaft und Zölle hätten dem Standardisierungsprozess zuletzt spürbar Tempo genommen.
Bei den globalen Märkten sieht Hilscher aktuell vor allem in Asien Wachstum – während Europa sich nach Jahren voller Lager erst langsam erhole. Besonders Korea habe das Unternehmen 2025 positiv überrascht, getrieben von Investitionen in Robotik. Und auch China gewinnt als Absatzmarkt für Sensorik, Remote-I/O und Antriebe an Bedeutung, die zunehmend auf Hilscher-Technologie zur Kommunikation setzen. Die USA beschreibt Sebastian Hilscher als stimmungsabhängig und politisch getrieben, Indien als vielversprechend, aber noch nicht im Stückzahlenmarkt angekommen.
Anzeige
Bei Chips selbst sieht sich Hilscher aktuell vergleichsweise gut aufgestellt, da die eigenen NetX-Chips mit Strukturgrößen um 22 bis 90 nm nicht in den besonders knappen Fertigungssegmenten für KI-Speicherchips liegen. Spürbar sei der Preisdruck dagegen bei Edge-Gateways: Hier hätten sich die Kosten aufgrund von Speicherengpässen nahezu verdoppelt – „wo vorher so ein Gerät rund 200 Euro gekostet hat, sind wir jetzt bei locker 400 Euro“. Auch bei Leiterplatten registriert das Unternehmen längere Lieferzeiten, unter anderem, weil deutsche Hersteller ihre verbleibenden Kapazitäten verstärkt in den Verteidigungssektor lenken und ein bisheriger Lieferant Insolvenz angemeldet habe.
Neue Anwendungsfelder im Blick
Über die klassische Fertigungsautomation hinaus beobachtet Hilscher Chancen in der Prozessautomation, wo Technologien wie APL zunehmend mit Ansätzen aus der Fabrikautomatisierung verschmelzen. In der Gebäudeautomation dagegen tut sich das Unternehmen nach eigener Aussage schwerer, da die eigene Spezialisierung auf harte Echtzeitanforderungen dort nicht in erster Linie gefragt sei. Perspektivisch sieht Sebastian Hilscher zudem Potenzial in der Medizintechnik, etwa im Bereich robotergestützter Systeme, die sich technologisch stark an der Fabrikautomatisierung orientieren dürften.
Anzeige
Blick nach vorn: Chancen statt Risiken
Zum Abschluss des Gesprächs richtete sich der Blick auf die kommenden zehn Jahre – wenn Hilscher also 50 wird. Hans-Jürgen Hilscher benannte dabei geopolitische Abhängigkeiten, insbesondere rund um die Chipfertigung bei TSMC in Taiwan, als zentralen Risikofaktor, den es bei alternativen Lieferszenarien für europäische Unternehmen mitzudenken gelte.
Sebastian Hilscher hält für die kommenden Jahre eine klare Haltung für entscheidender als jede Prognose: „Ich glaube nicht, dass wir eine langsamere Entwicklung sehen werden. Was Hilscher schon immer ausgezeichnet hat war, das Thema Technologie nicht als Risiko, sondern als Chance zu sehen.“ Sein Wunsch darum für das 50-jährige Jubiläum: „Dass wir dann sagen können: Wir waren mutig, wir waren neugierig und wir haben den technologischen Wandel genutzt, um Dinge zu verändern.“