Michael Mayer-Rosa, Senior Director Industrial Automation bei Delta, im Interview

„Deutschland kann einen Teil des Kuchens zurückgewinnen“

Hat Deutschland das Potenzial, bei KI, Robotik und Automatisierung wieder aufzuholen? Ja, sagt Delta-Manager Michael Mayer-Rosa. Im Interview spricht er über das neue Robotics & Automation Center in Stuttgart, digitale Zwillinge, Humanoide und Innovationshemmnisse in Europa.

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Michael Mayer-Rosa, Senior Director Industrial Automation bei Delta
Michael Mayer-Rosa, Senior Director Industrial Automation bei Delta

Redaktion: Herr Mayer-Rosa, Delta hat gerade ein Robotics and Automation Center in Stuttgart eröffnet. Was war ausschlaggebend für die Entscheidung, dieses Themenfeld gerade hier zu verwurzeln?

Mit Stuttgart wurde für das Robotics & Automation Center ein Standort gewählt, der nicht nur in unmittelbarer Nähe zur wichtigen Automobilindustrie liegt, sondern auch über eine gute internationale Anbindung verfügt.
Mit Stuttgart wurde für das Robotics & Automation Center ein Standort gewählt, der nicht nur in unmittelbarer Nähe zur wichtigen Automobilindustrie liegt, sondern auch über eine gute internationale Anbindung verfügt.

Michael Mayer-Rosa: Delta verfügt bereits über mehrere Standorte in Deutschland. In Teningen sitzt das Stromversorgungen für Industrie und Medizin Geschäft und Ladesysteme. In Bruchsal befinden sich die Entwicklungen rund um E-Motoren und Antriebstechnik. In Soest Entwickelt Delta Stromversorgungen für KI-Rechenzentren, Elektromobilität. Hinzu kommt Frankfurt als Standort für Telekommunikations-Stromversorgung nach der Übernahme von Eltek ASA in 2015.

Was uns noch gefehlt hat, war ein Standort, der nahe genug an den wichtigen Automobilregionen und gleichzeitig zentral für unsere Kunden in Süddeutschland liegt. Unser Standort ermöglicht uns, München, Stuttgart und den gesamten Umkreis von rund 200 km schnell zu erreichen.

Zudem profitieren wir von der guten internationalen Anbindung: Kunden aus Europa können bequem anreisen. Vom Flughafen aus ist unser Büro innerhalb kurzer Zeit erreichbar. Das hilft uns enorm dabei, hier regelmäßig Gäste zu empfangen.

Redaktion: Welche Rolle spielte das Innovationsumfeld in der Region – etwa mit Initiativen wie dem Cyber Valley – bei der Entscheidung für Stuttgart?

Mayer-Rosa: Baden-Württemberg ist gemeinsam mit Bayern definitiv eine der stärksten Regionen im Bereich Automotive und industrielle Innovation; hier entstehen viele KI- und Robotikinitiativen. Das macht die Region attraktiv, weil sich dort Kompetenzen bündeln und wir von diesem Umfeld profitieren können.

Redaktion: Neben diesen beiden Bundesländern gilt ja ganz Deutschland traditionell als Ingenieurnation. Gleichzeitig entsteht aber seit einigen Jahren der Eindruck, dass wir bei Zukunftsthemen wie Digitalisierung, KI oder Robotik nicht mehr führend sind. Sehen Sie Chancen für Deutschland, hier wieder Boden gut zu machen?

Mayer-Rosa: Ja, ich glaube schon, dass Deutschland einen Teil des verlorenen Vorsprungs zurückgewinnen kann. Das Know-how ist auf jeden Fall vorhanden.

Ein Problem ist allerdings der Abfluss von Talenten. Wer im Silicon Valley ein Vielfaches des hiesigen Gehalts verdienen kann, geht häufig ins Ausland. Gleichzeitig beobachten wir bei jungen Menschen durchaus großes Interesse an Digitalisierung und Programmierung. Das Potenzial ist also schon einmal da. Um es zu realisieren, sind meiner Meinung nach drei Punkte entscheidend:

Erstens müssen wir Talente im Land halten.

Zweitens müssen Regularien und bürokratische Hürden vereinfacht werden. In Europa diskutieren wir oft sehr lange über Zulassungen, Zertifizierungen und Sicherheitsfragen, bevor etwas ausprobiert werden darf.

Drittens braucht es mehr Unterstützung für Start-ups und Innovationen. Deutschland sollte mehr in eigene Unternehmen und Technologien investieren.

Wenn diese Punkte erfüllt werden, sehe ich gute Chancen, dass Deutschland einen Teil des Kuchens zurückgewinnt. Unternehmen wie Neura Robotics und viele weitere Start-ups zeigen bereits, dass genügend Innovationskraft für einen Platz auf der Weltbühne vorhanden ist.

Redaktion: Gibt es denn Technologien, die Delta bewusst außerhalb Deutschlands entwickelt, weil die regulatorischen Anforderungen hier zu hoch sind?

Mayer-Rosa: Bei unseren kollaborativen Robotern nicht, hier findet die komplette Entwicklung unserer Cobot-Technologie hier in Baden-Württemberg statt.

Anders sieht es bei manchen Technologien aus, die wir ausschließlich für unsere eigenen Fabriken nutzen. Dort verfügen wir teilweise über Lösungen, die in Europa durchaus interessant wären, die sich aufgrund regulatorischer Anforderungen aber nur schwer einführen ließen.

Besonders deutlich wird das im Bereich humanoider Robotik: Hier sehen wir, dass viele Tests und Entwicklungen bewusst außerhalb Europas stattfinden, da dort teilweise andere regulatorische Rahmenbedingungen bestehen. Ziel ist es häufig, diese Technologien zu einem späteren Zeitpunkt auch auf den europäischen und deutschen Markt zu übertragen.

Redaktion: Ungeachtet regulativer Einschränkungen bei Humanoids: Was können Unternehmen heute konkret mit Robotik und KI erreichen?

Mayer-Rosa: Sehr viel. Allerdings hängt es von der Unternehmensgröße und dem Reifegrad ab.

Ein kleiner Betrieb mit fünf Mitarbeitern beispielsweise benötigt keine vollständig digitalisierte Fabrik. Dort können ein oder zwei Roboter bereits einen großen Mehrwert bringen.

In größeren Unternehmen sieht das anders aus. Einige unserer Werke sind bereits vollständig digitalisiert und erzeugen pro Sekunde enorme Mengen an Daten und Bildinformationen. KI hilft uns dabei, diese Daten dann auszuwerten und daraus Optimierungen abzuleiten.

Viele andere Unternehmen haben aber heute noch keinen vollständigen Überblick über ihre eigenen Produktionsprozesse. Digitalisierung schafft diese Transparenz, KI ermöglicht im Anschluss eine Senkung der Kosten und eine Steigerung der Produktivität.

Natürlich erfordert das zunächst Investitionen, deren Amortisierung je nach Anwendung und Ausgangssituation mehrere Jahre dauern kann. Das schreckt manche Unternehmen zunächst ab. Gleichzeitig erhöhen steigende Kosten und der internationale Wettbewerbsdruck den Handlungsdruck. Automatisierung und Digitalisierung werden deshalb für viele Unternehmen zunehmend zu einem entscheidenden Faktor, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.

Wir analysieren gemeinsam mit Kunden deren Prozesse und prüfen, welche Technologien tatsächlich einen wirtschaftlichen Nutzen bringen. Dabei geht es nicht darum, möglichst viel Technik einzubauen, sondern die passenden Bausteine zu kombinieren.

Redaktion: Einer der Schwerpunkte Ihres Centers ist der digitale Zwilling. Welche Rolle spielt dieser in diesem Kontext?

Mayer-Rosa: Der digitale Zwilling ist ein wichtiger Baustein, allerdings nicht für jeden Kunden gleichermaßen.

Das Robotics & Automation Center in Stuttgart soll künftig Menschen für Robotik und KI begeistern.
Das Robotics & Automation Center in Stuttgart soll künftig Menschen für Robotik und KI begeistern.

Der große Vorteil besteht darin, dass Prozesse simuliert und getestet werden können, ohne die laufende Produktion zu beeinträchtigen. Voraussetzung dafür ist allerdings eine ausreichend digitalisierte Produktionsumgebung.

Mit einem digitalen Zwilling lassen sich beispielsweise neue Produktionsabläufe oder Produktwechsel vorab simulieren. Durch die Kombination aus digitalem Zwilling, Robotik und KI können Varianten so millionenfach getestet werden, bevor Änderungen in die reale Produktion übertragen werden.

Gerade in Kombination mit Robotik kann hier ein enormer Mehrwert entstehen.

Redaktion: Werden in solchen Fabriken dann auch Humanoide in größerem Umfang zum Einsatz kommen?

Mayer-Rosa: Das hängt stark von der jeweiligen Region ab.

China investiert massiv in dieses Thema und könnte deutlich schneller vorankommen. In den USA sehen wir ebenfalls starke Aktivitäten.

Für Europa sehe ich kurzfristig größere Chancen bei mobilen Robotern und autonomen Transportlösungen. Dort beobachten wir bereits heute eine steigende Nachfrage. Besonders spannend wird die Kombination aus mobilen Robotern und Cobots.

Humanoide Roboter werden in Europa vermutlich langsamer eingeführt, weniger wegen technischer Probleme als wegen regulatorischer Anforderungen. Technologisch sind bereits viele Lösungen vorhanden.

Bis 2031 halte ich einen Anteil im niedrigen einstelligen Prozentbereich bei neu installierten Robotiklösungen in Europa grundsätzlich für realistisch. Vieles hängt allerdings davon ab, wie Europa und Deutschland mit Innovationen umgehen.

Redaktion: Es gibt derzeit viele unterschiedliche Definitionen von Humanoiden. Wie sehen Sie das?

Mayer-Rosa: Genau das ist ein wesentliches Problem. Jeder definiert den Begriff anders.

Für manche ist bereits eine mobile Plattform mit zwei Roboterarmen ein Humanoid. Für andere muss ein Humanoid dem Menschen möglichst vollständig ähneln, also mit zwei Armen, zwei Beinen und der entsprechenden Beweglichkeit.

Ich habe kürzlich selbst die Frage gestellt, ob es überhaupt sinnvoll ist, den Menschen eins zu eins zu kopieren. Der Mensch ist schließlich nicht perfekt. Warum sollte ein Roboter nicht vier Arme haben oder andere Eigenschaften besitzen, wenn dadurch Aufgaben effizienter gelöst werden können?

Oft wird argumentiert, dass Fabriken für Menschen gebaut wurden und deshalb menschenähnliche Roboter benötigt werden. Das stimmt teilweise. Gleichzeitig sollten wir auch darüber nachdenken, Produktionsumgebungen künftig gezielt für Roboter zu optimieren.

Viele der derzeit gesammelten Daten werden uns zeigen, welche Konzepte sich langfristig durchsetzen und wo die Grenzen heutiger Ansätze liegen.

Redaktion: Blicken wir zum Abschluss noch einmal ins Jahr 2031: Woran werden Sie erkennen, dass sich die Investition in das Robotics and Automation Center gelohnt hat?

Mayer-Rosa: Für mich wäre Erfolg erreicht, wenn das Gebäude zu klein wird und wir zusätzlichen Platz benötigen.

Noch wichtiger ist aber, dass möglichst viele Menschen zu uns kommen, Robotik ausprobieren und anschließend mit dem Gefühl nach Hause gehen: Robotik ist einfach, Robotik macht Spaß und Robotik tut nicht weh.

Wenn wir es schaffen, Berührungsängste abzubauen und Menschen für Robotik und KI zu begeistern, dann haben wir unser Ziel erreicht.

Idealerweise wird das Center zu einem Ort, an dem neue Ideen entstehen und Innovationen entwickelt werden. Wenn wir das schaffen, dann war die Entscheidung für Stuttgart genau richtig.

Automation NEXT Conference 2026

Datum: 30. September 2026

Ort: CU.BE Ulm by Bosch Rexroth, Ulm

Die Automation NEXT Conference ist die Fachkonferenz für industrielle Automatisierung, Digitalisierung und KI im Maschinen- und Anlagenbau.

Sie richtet sich an Entscheider, Produktions- und Automatisierungsverantwortliche sowie Entwickler, die ihre Fertigung zukunftsfähig aufstellen möchten. Im Fokus stehen praxisnahe Vorträge, Best Practices und der Austausch zwischen Industrie, Technologieanbietern und Forschung.

Themenschwerpunkte:

• Künstliche Intelligenz und generative Copilots im Engineering und in der Produktion

• Cobots und kognitive Robotik zur Bewältigung des Fachkräftemangels

• Smart Factory, IIoT, Industrial Networks und MES-Systeme

• Energieeffizienz, Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit

Teilnehmer:

Fach- und Führungskräfte aus industrieller Automatisierung, Produktion und Maschinenbau sowie Expert:innen aus Forschung und Technologieunternehmen.

Besonderheiten:

• Hochkarätige Speaker aus Industrie und Forschung

• Ein kompakter Konferenztag mit starkem Praxisbezug

• Intensives Networking und direkter Austausch auf Augenhöhe

Weitere Informationen & die Möglichkeit zur Anmeldung gibt es hier.

Delta auf einen Blick

Vom Power-Electronics-Spezialisten zum globalen Technologie- und Automatisierungskonzern

Delta ist ein weltweit agierendes Technologieunternehmen mit Wurzeln in der Leistungselektronik und einem heutigen Fokus auf Power Management und Smart Green Solutions. Das Unternehmen erzielte 2025 einen Umsatz von rund 17,9 Mrd. US-Dollar, nach rund 13,1 Mrd. US-Dollar im Jahr 2024. Das starke Wachstum wird unter anderem durch die steigende Nachfrage nach Lösungen für Rechenzentren und die zugehörige Infrastruktur getragen.

Delta entwickelt und produziert Technologien für zahlreiche Anwendungen und Branchen. Dazu gehören unter anderem Stromversorgungslösungen für Mobilfunknetze und Rechenzentren sowie Lösungen für führende globale Technologieunternehmen.

Darüber hinaus ist Delta in verschiedenen Technologiefeldern aktiv, darunter:

  • Power- und Energiemanagement

  • Infrastruktur für 4G- und 5G-Mobilfunknetze

  • Elektromobilität und Antriebstechnik

  • Industrieautomation

  • Robotik

  • Digitale Fabriken und intelligente Produktionslösungen

Automation ist seit vielen Jahren ein wichtiger Bestandteil der technologischen Entwicklung von Delta. Das Unternehmen nutzt dabei sein Know-how aus Leistungselektronik, Steuerungs- und Antriebstechnik, Automatisierung und Digitalisierung, um zunehmend integrierte Lösungen für moderne Produktionsumgebungen anzubieten.

Heute verfügt Delta über 55 Produktionsstandorte weltweit und beschäftigt rund 85.000 Mitarbeitende. Die Produktionsstandorte sind vielfach mit eigener Automatisierungs- und Robotiktechnik ausgestattet.

Im Bereich Robotik setzt Delta unter anderem auf kollaborative Robotik mit den sogenannten D-Bots. Die D-Bots werden in Deutschland produziert. Die Entwicklung wird durch internationale Teams unterstützt, unter anderem in Deutschland und Taiwan.