Interview mit Markus Kirchhoff, SVP Sales & Accounts EMEA und MD Swisslog

„Zwischen Hype und Nutzen unterscheiden“

Steigende Kosten, Fachkräftemangel, volatile Lieferketten, Cybersecurity-Anforderungen und weitere Entwicklungen verändern die Welt der Intralogistik. Im Gespräch erläutert Markus Kirchhoff, wie sich die Erwartungen der Kunden gewandelt haben – und warum er KI als Werkzeug und den Menschen weiterhin in der Verantwortung sieht.

6 min
KI, Fachkräftemangel und volatile Lieferketten – in der Logistik ist mehr denn je in Bewegung.
KI, Fachkräftemangel und volatile Lieferketten – in der Logistik ist mehr denn je in Bewegung.

Redaktion: Die Intralogistik steht derzeit vor zahlreichen Herausforderungen. Steigende Kosten, Personalmangel und volatile Lieferketten zählen sicherlich zu den wichtigsten. Mit welchen Problemen beschäftigen sich Ihre Kunden aktuell besonders intensiv?

Markus Kirchhoff, SVP Sales & Accounts EMEA und MD Swisslog
Markus Kirchhoff, SVP Sales & Accounts EMEA und MD Swisslog

Markus Kirchhoff: Tatsächlich sind es genau diese drei Themen, die derzeit den Markt dominieren. Vor allem die Volatilität hat in den vergangenen Jahren enorm an Bedeutung gewonnen. Viele Unternehmen mussten ihre Strategien grundlegend überdenken. Geopolitische Ereignisse, die Auswirkungen der Corona-Pandemie oder die extremen Schwankungen im E-Commerce-Geschäft haben gezeigt, wie schnell sich Rahmenbedingungen verändern können. Vor fünf Jahren erlebten wir einen regelrechten E-Grocery-Boom, heute sieht die Situation bereits ganz anders aus.

Für unsere Kunden stellt sich daher zunehmend die Frage, wie sie ihre Geschäftsmodelle nicht nur skalierbar, sondern vor allem resilient gestalten können. Sie möchten widerstandsfähiger gegenüber externen Einflüssen werden und ihre Logistikstrukturen entsprechend absichern.

Auch beim Thema Personal geht es längst nicht mehr allein um die Anzahl der verfügbaren Mitarbeitenden. Entscheidend ist zunehmend die Qualifikation: Wie gut sind die Mitarbeiter eingearbeitet? Welchen Erfahrungsschatz bringen die einzelnen Schichten mit? Selbst in hochautomatisierten Logistikzentren bleibt der Mensch eine entscheidende Komponente. Deshalb stehen heute die Stabilität der Belegschaft und die Qualifikation der Mitarbeitenden deutlich stärker im Fokus als noch vor einigen Jahren.

Redaktion: Welche Anforderungen stellen Kunden in der Folge heute an Intralogistiklösungen, die vor einigen Jahren vielleicht noch kaum eine Rolle gespielt haben?

Verfügbare Fläche war und ist ein kritischer Faktor – entsprechend entscheidend ist ihre effiziente Nutzung.
Verfügbare Fläche war und ist ein kritischer Faktor – entsprechend entscheidend ist ihre effiziente Nutzung.

Kirchhoff: Früher standen in erster Linie Durchsatz und Flächeneffizienz im Mittelpunkt. Besonders in Europa war und ist die verfügbare Fläche ein kritischer Faktor. Anders als beispielsweise in Nordamerika sind Industrieflächen hier deutlich knapper. Zudem gibt es politische Zielsetzungen, die vorsehen, künftig deutlich weniger neue Flächen zu bebauen. Dadurch gewinnen Brownfield-Projekte zunehmend an Bedeutung.

Dazu kam jetzt die Flexibilität als zentrale Anforderung. Denn die Geschwindigkeit, mit der sich Märkte verändern, hat massiv zugenommen. Kunden benötigen Systeme, die sich schnell an neue Rahmenbedingungen anpassen lassen. Hinzu kommt das Thema Transparenz: Kunden erwarten heute deutlich mehr Einblick in Prozesse, Kostenstrukturen und langfristige Entwicklungen.

Ein weiterer entscheidender Aspekt ist die Partnerschaft. Wer sich für ein automatisiertes Logistiksystem entscheidet, investiert nicht für zwei oder drei Jahre. Solche Anlagen begleiten Unternehmen oft über ein, zwei oder mehr Jahrzehnte. Deshalb geht es nicht mehr nur um die Technologie, sondern auch um die langfristige Zusammenarbeit.

Stark an Bedeutung gewonnen hat außerdem die Integration von Software. Kunden erwarten heute, dass neue Lösungen flexibel an bestehende IT-Landschaften angebunden werden können. Schnittstellen und Integrationsfähigkeit sind zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor geworden.

Besonders dynamisch entwickelt sich derzeit das Thema Cybersecurity. Gesetzliche Anforderungen nehmen zu, ebenso die Sensibilität der Kunden. Viele Unternehmen erkennen inzwischen, dass ein nicht abgewehrter Cyberangriff existenzbedrohende Folgen haben kann. Denn wenn ein Unternehmen im schlimmsten Fall für mehrere Wochen keinen Zugriff auf seine Systeme hat, kann dies das gesamte Geschäftsmodell gefährden. Entsprechend hoch ist der Stellenwert, den Sicherheitskonzepte heute besitzen.

Daneben rückt auch Nachhaltigkeit stärker in den Fokus. Kunden möchten zunehmend wissen, wie hoch der Energieverbrauch von Anlagen ist und welchen CO2-Fußabdruck Betrieb und Herstellung verursachen. Das steht zwar noch nicht bei jedem Projekt an erster Stelle, die Nachfrage wächst jedoch kontinuierlich.

Redaktion: Im Maschinenbau, so höre ich immer wieder, gibt es bei der Cybersecurity, vor allem mit Blick auf die Anforderungen des CRA noch recht hohen Nachholbedarf. Wie gut ist die Intralogistikbranche Ihrer Einschätzung nach hier vorbereitet?

Kirchhoff: Wer diesem Thema in den vergangenen anderthalb bis zwei Jahren keine Aufmerksamkeit geschenkt hat und jetzt erst damit beginnt, dürfte den Anschluss bereits nahezu verpasst haben.

Als Master Solution Integrator betrachten wir nicht nur unsere eigenen Systeme, sondern auch die Komponenten unserer Partner. Gerade bei kleineren Unternehmen beobachten wir noch erhebliche Herausforderungen. Ich erinnere mich beispielsweise an ein Gespräch mit einem namhaften Hersteller, dem die Bedeutung eines Penetrationstests nicht vollständig klar war. Es fehlte das grundlegende Verständnis dafür, warum Testangriffe durchgeführt werden und welche Erkenntnisse sie liefern sollen.

Die großen Marktteilnehmer sind heute meist deutlich besser vorbereitet. Dafür sorgt allein schon der Druck großer Kunden. Viele unserer Auftraggeber betreiben systemkritische Infrastruktur und versorgen beispielsweise ganze Regionen mit Lebensmitteln. Dort werden höchste Anforderungen an Sicherheit gestellt.

Redaktion: Mit dem Stichwort Innovation sind wir ja im Grunde auch gleich wieder beim Thema KI. Welche konkreten Anwendungen sind hier heute bereits möglich?

Kirchhoff: Wenn über künstliche Intelligenz gesprochen wird, muss man zunächst zwischen Hype und tatsächlichem Nutzen unterscheiden. Die hierfür nötigen Daten sind bei den meisten Unternehmen längst vorhanden. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, diese Daten sinnvoll auszuwerten, Zusammenhänge zu erkennen und daraus konkrete Maßnahmen abzuleiten.

Ein sehr praktisches Beispiel ist hier die Vermeidung ungeplanter Stillstände. Mithilfe von KI lassen sich große Datenmengen analysieren und Muster erkennen. Dadurch können Unternehmen frühzeitig Hinweise erhalten, wann Engpässe auftreten könnten, etwa bei Schichtwechseln, Feiertagen oder außergewöhnlich hohen Warenaufkommen. Auf dieser Basis lassen sich Abläufe deutlich zuverlässiger planen.

Ein weiteres Anwendungsfeld ist die präventive Wartung. Durch Sensorik und intelligente Auswertungsverfahren können Anlagen heute bereits erkennen, wenn sich ein technisches Problem ankündigt. Das System kann beispielsweise melden, dass innerhalb der nächsten tausend Betriebsstunden ein Fehler auftreten könnte. Das ist keine Vision mehr, sondern nah an der Praxis.

Wir profitieren dabei stark von der Zusammenarbeit innerhalb der Kuka Gruppe. Die Entwicklung moderner KI-Anwendungen erfordert enorme Investitionen und Ressourcen. Selbst für ein Unternehmen unserer Größe wäre es schwierig, diese Entwicklungen allein in der notwendigen Geschwindigkeit voranzutreiben. Die enge Vernetzung mit Robotik-, Software- und Visualisierungsspezialisten eröffnet deshalb völlig neue Möglichkeiten. Unser Ziel ist letztlich eine durchgängige End-to-End-Automatisierung, die über die reine Logistikautomation hinausgeht.

Gleichzeitig darf man die Risiken nicht ausblenden. KI darf niemals unkontrolliert agieren. Der Mensch muss jederzeit die Möglichkeit haben, Prozesse zu überprüfen, Plausibilitätskontrollen durchzuführen und im Bedarfsfall einzugreifen. Wer sich blind auf KI verlässt, läuft Gefahr, Fehlentscheidungen nicht rechtzeitig zu erkennen.

Redaktion: Werden wir künftig vollständig autonome Lager erleben?

Kirchhoff: Wir sind überzeugt, dass der Mensch dauerhaft die Kontrolle behalten muss. Es gibt durchaus Bereiche, in denen Teilautonomie sinnvoll ist. Beispielsweise bei der Lagerplatzoptimierung, der Puffersteuerung oder der Aufgabenverteilung innerhalb eines Systems. Solche Funktionen werden heute bereits softwaregestützt umgesetzt.

An ein vollständig autonomes Warehouse, in dem sämtliche Prozesse ohne menschliche Kontrolle ablaufen, glauben wir derzeit jedoch nicht. Die Verantwortung sollte weiterhin bei Menschen liegen. Der Leitstand muss in der Lage sein, Regeln zu definieren, Grenzwerte festzulegen und im Bedarfsfall einzugreifen.

Redaktion: Der wirtschaftliche Nutzen von KI-Projekten wird inzwischen deutlich kritischer bewertet. Welche Rolle spielt der Return on Investment heute?

Kirchhoff: Eine sehr große Rolle. Das betrifft allerdings nicht nur KI-Projekte, sondern grundsätzlich alle Automatisierungsvorhaben. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, Kunden die jeweils modernste Technologie zu verkaufen, sondern die für ihre Anforderungen wirtschaftlich sinnvollste Lösung.

Wenn beispielsweise klassische Regalbediengeräte den besseren Return on Investment bieten als momentan sehr populäre 4-Wege-Shuttle-Lösungen, dann sprechen wir das offen an. Die finale Entscheidung trifft selbstverständlich der Kunde, aber wir hinterfragen solche Themen sehr kritisch.

Für uns beginnt jede Bewertung mit den Prozessen und den verfügbaren Daten. Anschließend folgen Pilotprojekte und deren systematische Auswertung. Heute arbeiten wir intensiv mit Simulationen und digitalen Zwillingen, um bereits vor der Umsetzung eines Projekts möglichst realistische Aussagen über spätere Ergebnisse treffen zu können.

Gerade aufgrund der hohen Volatilität wird das immer wichtiger. Denn zwischen der ersten Projektidee und der Inbetriebnahme können fünf Jahre vergehen. In dieser Zeit können sich dann Produktportfolios und Marktbedingungen massiv verändern. Deshalb müssen moderne Logistiksysteme von Anfang an auf Flexibilität ausgelegt werden. Letztlich sollten Fakten und Daten die Grundlage jeder Investitionsentscheidung sein, nicht aktuelle Trends oder Bauchgefühle.

Redaktion: Ein viel diskutiertes Zukunftsthema sind humanoide Roboter. Welche Rolle werden sie aus Ihrer Sicht in der Intralogistik spielen?

Kirchhoff: Aktuell betrachten wir humanoide Roboter vor allem als Ergänzung und Schnittstelle zwischen Mensch und Automatisierung. Für viele klassische Intralogistikaufgaben bieten sie derzeit noch keinen entscheidenden Vorteil. Bei Hochleistungsanwendungen wie der Palettenbewegung in automatisierten Hochregallagern beispielsweise sind andere Technologien deutlich effizienter.

Man darf nicht vergessen, dass ein erheblicher Teil der Energie- und Rechenleistung eines humanoiden Roboters allein dafür benötigt wird, seine Stabilität und Fortbewegung sicherzustellen. Daraus ergibt sich automatisch die Frage, ob diese menschenähnliche Bauweise in jedem Anwendungsfall sinnvoll ist.

Auch beim Item Picking sehen wir weiterhin erhebliche technologische Herausforderungen. Die menschliche Hand verfügt über rund 30.000 Rezeptoren allein in den Fingerspitzen. Diese Fähigkeiten technisch nachzubilden, ist äußerst anspruchsvoll. Deshalb erwarten wir kurzfristig nicht, dass Humanoide komplexe manuelle Tätigkeiten vollständig übernehmen können.

Dennoch können sie künftig wertvolle Aufgaben übernehmen, insbesondere dort, wo Flexibilität gefragt ist und wo sie als Bindeglied zwischen automatisierten Prozessen und menschlichen Mitarbeitern fungieren. Wir sehen sie daher eher als Ergänzung bestehender Systeme und nicht als universelle Lösung aller Herausforderungen.

Grundsätzlich gilt für uns: Automatisierung vernichtet keine Arbeitsplätze. Sie verändert Tätigkeiten. Menschen werden von monotonen, körperlich belastenden oder wenig wertschöpfenden Aufgaben entlastet und können sich auf anspruchsvollere Tätigkeiten konzentrieren. Das gilt heute für Schweißroboter ebenso wie künftig für KI-Systeme oder humanoide Roboter.

Allerdings steigt damit auch die Bedeutung von Qualifikation. Wer sich weiterentwickelt und neue Kompetenzen aufbaut, wird von diesen Technologien profitieren. Die wirklich einfache, repetitive Arbeit wird dagegen zunehmend automatisiert werden. Genau dort liegt die eigentliche Herausforderung für den Arbeitsmarkt der Zukunft.