Interview mit Paul-David Bittner, Head of Innovation & Economy beim Cyber Valley

“Langfristig geht es darum, Silos aufzubrechen”

Cyber Valley feiert 10 Jahre KI-Exzellenz: Paul-David Bittner erklärt, wie Forschung, Industrie und Start-ups zusammenwachsen, warum Baden-Württemberg der ideale Standort ist – und warum künftig vor allem Robotik, Health und der Abbau von Silos zählen.

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Im AI Incubator des Cyber Valley erhalten KI-Experten das Rüstzeug, um erfolgreiche Gründer zu werden.
Im AI Incubator des Cyber Valley erhalten KI-Experten das Rüstzeug, um erfolgreiche Gründer zu werden.

Redaktion: Herr Bittner, das Cyber Valley versteht sich als Forschungs- und Innovationsökosystem für künstliche Intelligenz und Robotik. Was war der ursprüngliche Gründungsgedanke, und wie kam es letztlich zur Entstehung der Initiative?

Paul-David Bittner, Head of Innovation & Economy beim Cyber Valley
Paul-David Bittner, Head of Innovation & Economy beim Cyber Valley

Bittner: Die Idee feiert in diesem Jahr tatsächlich bereits ihr zehnjähriges Jubiläum. Die Initiative wurde maßgeblich vom damals amtierenden Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann angestoßen. Er tat sich bereits früh mit führenden Wissenschaftlern aus Baden-Württemberg zusammen, die schon damals erkannten, welche Bedeutung künstliche Intelligenz künftig haben würde. Damals war der öffentliche Hype noch weit entfernt von dem, was wir heute erleben, aber die strategische Relevanz wurde bereits klar gesehen.

Baden-Württemberg wurde früh als idealer Standort erkannt: ein Bundesland mit einer außergewöhnlich hohen Dichte an exzellenten Forschungsinstitutionen und gleichzeitig einer starken Industrie. Wissenschaft, Industrie und Gesellschaft kamen daher zusammen und gründeten die Cyber Valley Initiative – zunächst als reine Forschungskooperation, später dann als erster Innovationscampus des Landes Baden-Württemberg.

Redaktion: Die Brücke zwischen Grundlagenforschung und industrieller Anwendung ist eines der zentralen Elemente des Cyber Valley. Welche Unternehmen waren von Beginn an beteiligt, und wie ist die Zusammenarbeit heute konkret organisiert?

Bittner: Zu den Gründungspartnern zählten zunächst das Land Baden-Württemberg, das Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme mit Standorten in Stuttgart und Tübingen sowie die Universitäten Tübingen und Stuttgart. Später kamen Institutionen wie Fraunhofer, das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und das ELLIS Institut Tübingen hinzu. Auf Industrieseite waren von Beginn an große Player dabei: Daimler, Bosch, Amazon, ZF und weitere – insgesamt sieben Industriepartner. Die Unternehmen investierten primär finanziell in die Forschung, wodurch der Schulterschluss zwischen Grundlagenforschung und Anwendung gestärkt wurde.

Entscheidend ist: Kooperationen werden im Cyber Valley nicht top-down festgelegt, sondern entstehen organisch. Ein Beispiel ist Amazon, das bis heute engen Austausch pflegt und sogar eine eigene Research-&-Development-Einheit direkt in Tübingen eingerichtet hat. Andere wie Daimler oder Bosch sitzen ohnehin in der Region und arbeiten über Projekte, Workshops oder individuelle Kontakte mit Forschenden zusammen. Den organisatorischen Rahmen dafür schaffen wir als Cyber Valley GmbH.

Redaktion: Blickt man auf die Unternehmen, scheint der Fokus auf Automotive, Hightech und klassischem Maschinenbau zu liegen. Haben sich die Branchen über die Zeit erweitert?

Bittner: Absolut. Zu Beginn lag der Schwerpunkt stärker im Automotive-Bereich. In den vergangenen Jahren kamen aber deutlich mehr unterschiedliche Branchen hinzu – nicht unbedingt als finanzielle Partner, aber als aktive Teilnehmer im Ökosystem.

Gerade im Gesundheitssektor sehen wir aktuell ein stark wachsendes Interesse. Ein Beispiel ist Boehringer Ingelheim, das ein Graduiertenprogramm an der Universität Tübingen fördert. Außerdem besuchen zahlreiche Unternehmen regelmäßig Veranstaltungen, um sich direkt mit den Forschern auszutauschen. Das Spektrum ist heute deutlich breiter als in den Anfangsjahren.

Redaktion: Wie wichtig war der Standort Baden-Württemberg für die Gründung des Cyber Valley?

Bittner: Extrem wichtig. Baden-Württemberg hat eine einzigartige Dichte an Spitzenuniversitäten und eine sehr starke industrielle Basis. Das starke Netzwerk aus Wissenschaft, Mittelstand und Großindustrie schafft ideale Voraussetzungen. Unsere Standorte liegen in Stuttgart und Tübingen, aber durch Partner wie das KIT wird das Ökosystem zunehmend regional breiter.

Redaktion: Wie groß ist das Cyber Valley heute – wie viele Hochschulen, Unternehmen und Forschende gehören dazu?

Bittner: Wir sprechen aktuell von rund 2.000 Forschern, über 100 Startups und etwa 50 Unternehmenspartnern, die in unterschiedlicher Intensität mitwirken. Den Nucleus bilden weiterhin die Partner des Innovationscampus mit den Universitäten Tübingen und Stuttgart, dem Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme, Fraunhofer, dem KIT sowie weiteren neueren Forschungseinrichtungen wie dem European Laboratory for Learning and Intelligent Systems (ELLIS) oder dem Tübingen AI Center.

Redaktion: Was sind aktuell die strategisch wichtigsten Themen für das Cyber Valley – sowohl in der Forschung als auch beim Transfer in die Industrie und der Unterstützung von Start-ups?

Bittner: Dieses Jahr steht natürlich unter dem Zeichen des zehnjährigen Jubiläums. Wir schauen bewusst zurück, aber insbesondere nach vorne. Zu unseren Schwerpunkten gehören:

  • Die Exzellenz in der Forschung sichtbar machen
  • Europäische Vernetzung und die Stärkung europäischer Souveränität in KI
  • Start-up-Förderung und Technologietransfer
  • Community- und Netzwerkbildung, etwa durch neue themenspezifische Netzwerke wie Robotics und Health

Wir arbeiten eng mit regionalen Gründungsinitiativen zusammen, um Start-ups zu unterstützen, sie mit Unternehmen und Investoren zu vernetzen und so Innovationen in die Anwendung zu bringen.

Redaktion: Stichwort „europäische Souveränität“: Aktuell wird diskutiert, ob zivile und militärische Forschung enger zusammenarbeiten sollten. Spielt Defence im Cyber Valley eine Rolle?

Bittner: Historisch und bis heute nicht. Mehrere universitäre Partner haben Zivilklauseln, wodurch militärische Nutzung ausgeschlossen ist. Ethik spielt bei uns eine zentrale Rolle. Gleichzeitig sehen wir ein gesellschaftliches Umdenken – wie es sich entwickeln wird, lässt sich langfristig nicht vorhersagen, aber aktuell spielt Defence keine operative Rolle.

Redaktion: Lassen Sie uns über den AI Incubator sprechen, der ja als wichtiges Start-up-Programm gilt. Was hat es damit auf sich?

Bittner: Die Grundidee ist einfach: Wir haben im Cyber Valley enorme KI-Expertise, aber viele Forscher haben keinerlei Erfahrung mit Gründung oder Unternehmertum. Der Incubator schließt diese Lücke. Über sechs bis acht Wochen vermitteln wir Grundlagen des Unternehmertums, bringen die Teams mit Investoren, Gründern, Unternehmen und der Community zusammen und trainieren sie in Themen wie Teamfindung, Vision, Produktentwicklung, Marktanalyse, Prototyping oder rechtlichen Grundlagen.

Er wird von der Carl-Zeiss-Stiftung finanziert und vom Max-Planck-Institut organisiert; wir als Cyber Valley GmbH sind Initiator und Netzwerkpartner.

Pro Batch nehmen acht bis zehn sehr frühphasige Teams teil – Am Ende steht ein öffentlicher Demo Day mit Jury und Awards für die besten Teams.

Redaktion: Welche Erfolge gab es bisher?

Auch Politiker wie Cem Özdemir schauen gerne beim Cyber Valley vorbei.
Auch Politiker wie Cem Özdemir schauen gerne beim Cyber Valley vorbei.

Bittner: Wir starten jetzt Batch Nummer acht – pro Jahr gibt es zwei Batches. Insgesamt konnten wir bereits zahlreiche Talente erreichen. Pro Runde verfolgen etwa zwei bis drei Teams ihre Idee ernsthaft weiter und gründen teilweise auch.

Einige Beispiele:

  • Tabularis AI – entwickelt ein kleines, leistungsstarkes deutsches LLM auf europäischen Servern für Unternehmen, die Wert auf Datenhoheit legen.
  • Yugen Space – spezialisiert auf die Verarbeitung von Satellitendaten und deren Übersetzung in verständliche Sprache; Einsatz unter anderem in der Bodenanalyse.

Viele Talente finden im Incubator auch ihren späteren Co-Founder.

Redaktion: Welche Themenfelder haben momentan die größte Dynamik?

Bittner: Die Stärke des Cyber Valley liegt in der Vielfalt. Trotzdem gibt es Bereiche mit besonders viel Bewegung:

  1. Intelligente Robotik / Physical AI, also die Kombination von Robotik, Sensorik und Computer Vision – beispielsweise Systeme, die Materialien ertasten oder Körperhaltungen präzise erkennen.
  2. Der Gesundheitssektor. Ein Beispiel wären sogenannte „künstliche Muskeln“ aus dem Max-Planck-Institut, tragbare Assistenzsysteme, die unwillkürliche Bewegungen – etwa Parkinson-Zittern – erkennen und mit Gegenkräften stabilisieren.

Diese beiden Bereiche stehen aktuell besonders im Fokus, weshalb wir auch spezielle Netzwerke dafür aufgebaut haben.

Redaktion: Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Was steht in den nächsten drei bis fünf Jahren bevor?

Bittner: Kurzfristig prägt uns das Jubiläumsjahr, in dem wir auf vielen Konferenzen präsent sind – von Tech by Handelsblatt bis zur ICRA in Wien. Forscher und Start-ups erhalten dort Sichtbarkeit.

Wir stärken weiter die internationalen Verbindungen. Ein Beispiel ist unser neues Programm mit der Universität Tokio und ihrem Innovation-Arm, das Start-ups aus unserem Netzwerk nach Japan bringt, um dort Proof-of-Concept-Projekte zu ermöglichen.

Zudem wird viel gebaut: Neue Cyber-Valley-Gebäude in Tübingen und Stuttgart bieten schon bald Raum für Forschung und Start-ups unter einem Dach – physische Nähe ist ein entscheidender Katalysator.

Langfristig geht es darum, Silos aufzubrechen, Kooperationen zu fördern und den Transfer noch stärker mitzudenken. Gründung und praktische Umsetzung sollen feste Bestandteile des Ökosystems bleiben.

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