Künstliche Intelligenz in der Industrie

Zwölf Denkfehler bremsen Deutschlands KI-Zukunft

Künstliche Intelligenz verändert nach Einschätzung von Eckhart Hilgenstock weit mehr als einzelne Prozesse. Der Interim Manager nennt zwölf Denkfehler, die Unternehmen, Politik und Gesellschaft bei KI aus seiner Sicht behinder.

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Künstliche Intelligenz verändert Industrie, Geschäftsmodelle und Führung grundlegend. Doch überholte Denkweisen und Fehleinschätzungen könnten Deutschland beim Übergang zu KI, Robotik und Physical AI ausbremsen.
Künstliche Intelligenz verändert Industrie, Geschäftsmodelle und Führung grundlegend. Doch überholte Denkweisen und Fehleinschätzungen könnten Deutschland beim Übergang zu KI, Robotik und Physical AI ausbremsen.

Deutschland diskutiert intensiv über Künstliche Intelligenz. Nach Einschätzung des Wirtschaftsexperten Eckhart Hilgenstock beruht die Debatte allerdings häufig auf falschen Annahmen. Der Interim Manager und Beirat hat zwölf Denkfehler identifiziert, die Unternehmen, Politik und Gesellschaft aus seiner Sicht daran hindern, sich rechtzeitig auf Veränderungen durch KI vorzubereiten, wie aus seiner Mitteilung hervorgeht.

„Viele Menschen betrachten KI mit Denkmodellen aus dem Industriezeitalter und ordnen KI als eine IT-Technologie ein. Tatsächlich erleben wir jedoch den Beginn einer wirtschaftlichen und gesellschaft­lichen Revolution, deren Dynamik viele massiv unterschätzen“, erklärt Eckhart Hilgenstock.

Warum wird die Geschwindigkeit von KI unterschätzt?

Der erste Denkfehler liegt Hilgenstock zufolge in der Annahme, dass technologische Entwicklungen langsamer verlaufen als prognostiziert. Viele Entscheider hätten während ihres Berufslebens erlebt, dass technische Prognosen übertrieben waren oder später eintrafen als erwartet. „Diese Erfahrung des ‚Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird‘ stammt allerdings aus linearen Entwicklungen früherer Jahrzehnte“, sagt Eckhart Hilgenstock.

Bei der Digitalisierung sieht er eine andere Dynamik. „Die Geschichte des digitalen Fortschritts wird jedoch durch exponentielle Wachstumskurven bestimmt“, erklärt der Wirtschaftsexperte mit Verweis auf Moore’s Law. Das von Intel-Gründer Gordon Moore 1965 formulierte Gesetz beschreibt eine regelmäßige Verdopplung der Transistorenzahl auf Computerchips. Hilgenstock verdeutlicht seine Argumentation mit einem Rechenbeispiel: „Nach zehn Verdopplungen erhält man nicht den zehnfachen, sondern den mehr als tausendfachen Wert. Was heute noch unausgereift erscheint, kann innerhalb weniger Jahre ganze Branchen verändern.“ In den vergangenen drei Jahren seien von großen Sprachmodellen über autonome KI-Agenten und Robotik bis zu Videogenerierung und wissenschaftlichen KI-Systemen Entwicklungsschritte erfolgt, für die frühere Technologien oft Jahrzehnte benötigt hätten.

Mehrere exponentielle Entwicklungen treffen zusammen

Eng damit verbunden ist der zweite Denkfehler: die lineare Betrachtung der Zukunft. Nach Hilgenstocks Darstellung verstärken sich bei Künstlicher Intelligenz mehrere Entwicklungen gegenseitig. „Derzeit erleben wir, dass sich mehrere exponentielle Entwicklungen gegenseitig verstärken: immer leistungsfähigere Chips, größere Rechenzentren, bessere KI-Modelle, mehr Trainingsdaten, effizientere Algorithmen und sinkende Kosten pro KI-Transaktion. Dadurch entsteht ein Multiplikationseffekt, den manche Forscher als ‚Exponentials on top of exponentials‘ beschreiben.“

Diesen Effekt beschreibt Hilgenstock so: „Verdoppeln sich vier Faktoren gleichzeitig – etwa Rechenleistung, Datenmenge, Algorithmen und Energieeffizienz –, ergibt sich nicht nur der doppelte Fortschritt. Aus 2 mal 2 mal 2 mal 2 wird bereits der 16-fache Gesamteffekt. Genau deshalb unterschätzen viele Menschen die Geschwindigkeit der KI-Entwicklung.“

Warum Künstliche Intelligenz zur Führungsaufgabe wird

Ein weiterer Irrtum besteht nach Hilgenstocks Einschätzung darin, Künstliche Intelligenz lediglich als IT-Thema zu behandeln. KI betreffe inzwischen Einkauf, Produktion, Vertrieb, Marketing, Personalwesen, Forschung, Finanzen und Unternehmensführung. „KI automatisiert nicht nur einzelne Arbeitsschritte, sondern komplette Wertschöpfungsketten“, gibt Eckhart Hilgenstock zu bedenken. „Damit wird sie zu einer Führungsaufgabe und kann sinnvollerweise nicht mehr ausschließlich an technische Abteilungen delegiert werden.“

Damit verbindet sich die Frage nach den Geschäftsmodellen. In seinen Mandaten als Interim Manager habe Hilgenstock festgestellt, dass Unternehmen zwar Produktivitätsgewinne durch KI erwarten, häufig aber vom grundsätzlichen Fortbestand ihrer Geschäftsmodelle ausgehen. „Doch hierin liegt einer der größten Irrtümer, denn KI verändert Wertschöpfungsketten grundlegend“, postuliert der Wirtschaftsexperte.

Beschaffung, Produktion, Kundenansprache, Dienstleistungen und Absatzmärkte könnten neu organisiert werden. Gleichzeitig sieht Hilgenstock neue Wettbewerber mit anderen Kostenstrukturen entstehen. „Gleichzeitig entstehen völlig neue Wettbewerber, deren Geschäftsmodelle fundamental anders sind und deren Kostenstrukturen drastisch niedriger sein können im Vergleich mit klassischen Unternehmen“, erklärt der KI-Experte.

Regulierung, Infrastruktur und globaler Wettbewerb

Als fünften Denkfehler nennt Hilgenstock die Vorstellung, Regulierung könne die technologische Entwicklung bestimmen. „Europa probiert sich mit dem AI Act an der Regulierung einer Technologie, deren künftige Entwicklung sich selbst die KI-Spitzenforscher kaum vorherzusagen wagen. Der globale Innovationswettlauf wird sich dadurch aber nicht bremsen lassen.“ Die nach seiner Einschätzung zukunftsentscheidenden Fortschritte werden derzeit vor allem in China und den USA erzielt. „Anthropic, OpenAI, Google/DeepMind, SpaceXAI, Nvidia, DeepSeek, Alibaba und Baidu sind die globalen Taktgeber“, analysiert Hilgenstock. „Wollen wir hoffen, dass auch Mistral seinen Weg findet, damit wir wenigstens einen europäischen Player auf dem KI-Spielfeld haben.“

Hinzu kommt der Ressourcenbedarf. Leistungsfähige KI benötigt große Rechenkapazitäten, spezialisierte Chips und erhebliche Energiemengen. Große KI-Rechenzentren und Cloud-Infrastrukturen entstehen laut der Mitteilung überwiegend in den USA und China sowie zunehmend im Nahen Osten. Die Europäische Union versucht mit KI-Gigafactories, Supercomputern, Halbleiterfertigung und einer gemeinsamen KI-Infrastruktur gegenzuhalten. „Ohne eine leistungsfähige Infrastruktur droht Europa dauerhaft von den technologischen Entscheidungen anderer Weltregionen abhängig zu bleiben“, sagt Hilgenstock.

Warum KI auch zum geopolitischen Faktor wird

Der siebte Denkfehler betrifft die geopolitische Dimension. „Exportkontrollen für Hoch­leistungs­­chips sowie Nutzungsbeschränkungen moderner KI-Modelle zeigen bereits heute, wie Staaten und Unternehmen um technologischen Einfluss konkurrieren“, blickt Eckhart Hilgenstock auf die aktuelle Lage.

Nach seiner Einschätzung steht diese Entwicklung erst am Anfang. „Die KI-Politik wird künftig auch immer mehr KI-gestützte Waren- und Dienstleistungskategorien berühren und damit im Laufe der Zeit praktisch alle Wirtschaftssegmente umfassen“, sagt Hilgenstock. Einen wesentlichen Schub erwartet er durch Physical AI.

Physical AI bringt Künstliche Intelligenz in Maschinen

Physical AI bildet für Hilgenstock einen besonders relevanten Entwicklungsschritt für die Industrie. Dabei geht es nicht mehr allein um Software, sondern um intelligente Roboter, autonome Maschinen und KI-gesteuerte Produktionssysteme. „Robotaxis sind nichts anderes als KI-Maschinen“, erklärt Eckhart Hilgenstock mit Blick auf eine kombinierte Produkt- und Servicekategorie, die sich nach seiner Einschätzung in Richtung Massenmarkt entwickelt.

Für Deutschland sieht er erhebliche Auswirkungen: „Industrielle KI wird eine Industrienation wie Deutschland zum Beben bringen“, prognostiziert der Topmanager. Humanoide Roboter, autonome Fabriken, intelligente Logistiksysteme und selbstorganisierende Produktionsanlagen könnten nach den von ihm angeführten Analysen die volkswirtschaftliche Produktivität steigern. Hilgenstock ergänzt: „Es liegt nun an der Gestaltung der politischen Rahmenbedingungen und an den Unternehmen selbst, ob dieses Potenzial durch unternehmerischen Mut freigelegt oder durch regulatorische Eingrenzungen erstickt wird“.

Auch den Fachkräftemangel bringt er mit der Entwicklung in Verbindung. KI und Robotik könnten diesen zumindest teilweise abmildern. Gleichzeitig warnt Hilgenstock vor weiterreichenden Folgen: „Aber man muss sich auch klarmachen, dass diese Entwicklung unmittelbare Auswirkungen auf den Sozialstaat vom Gesundheitswesen bis zum Rentensystem haben wird“. Hilgenstock begrüßt nach Angaben der Mitteilung, dass sich die Bundesregierung stärker mit den strategischen Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz beschäftigt. Als Beispiel nennt er das Nationale KI-Sicherheitsinstitut.

Warum KI nicht nur als Werkzeug betrachtet wird

Den neunten Denkfehler sieht Hilgenstock darin, KI ausschließlich als Assistenzsystem zu verstehen. KI werde zunehmend Entscheidungen vorbereiten und Routineprozesse selbstständig erledigen. Bereits heute analysierten entsprechende Systeme unter anderem Finanzdaten, entwickelten Strategien oder optimierten Lieferketten. „Langfristig stellt sich nicht mehr die Frage, ob KI-Entscheidungen unterstützt, sondern welche Entscheidungen überhaupt noch von Menschen getroffen werden“, blickt Eckhart Hilgenstock in die Zukunft.

Damit sieht er zugleich neue Anforderungen an die Führung. „Gerade deshalb wird menschliche Führung nicht weniger, sondern wichtiger: Sie muss Verantwortung übernehmen, Grenzen setzen und sicherstellen, dass Entscheidungen nachvollziehbar und werteorientiert bleiben. Das gilt zwar nur für wesentliche Entscheidungen, nicht für die tägliche Arbeitsroutine, in der Mensch tatsächlich an vielen Stellen entbehrlich wird. Aber die Verantwortung für jedwede Entscheidung bleibt beim Menschen – auch wenn die KI sie in der täglichen Arbeitsroutine gefällt hat. Führungskräfte müssen lernen, sowohl Menschen als auch KI-Agenten zu führen – und Zukunft auch humanoide Roboter.“

Human in the Loop könnte an Bedeutung verlieren

Auch die dauerhafte Einbindung des Menschen in jede Prozesskette hält Hilgenstock für einen Denkfehler. Das Prinzip „Human in the Loop“ werde sich seiner Ansicht nach vor allem dort halten, wo rechtliche oder ethische Gründe dies erfordern. In operativen Abläufen erwartet er dagegen zunehmend vollständig autonome KI.

„Während Menschen Minuten oder gar Stunden für Entscheidungen benötigen, können autonome KI-Agenten komplette Prozessketten in Sekunden koordinieren“, gibt er ein Beispiel. „Dennoch wird die Verantwortung beim Menschen bleiben.“

Warum heutige KI-Fehler wenig über morgen aussagen

Halluzinationen, Fehler und ungenaue Antworten heutiger Systeme hält Hilgenstock nicht für einen geeigneten Maßstab, um die langfristigen Möglichkeiten der Technologie zu bewerten. „Hätte man das Internet nach seiner Übertragungsgeschwindigkeit im Jahr 1995 bewertet, wäre es wohl niemals zu dem Rückgrat der globalen Kommunikation geworden, das es heute darstellt“, gibt er ein Beispiel.

Seine Schlussfolgerung: „Wer sich mit den heutigen Schwächen der KI aufhält, verkennt die Chancen für die Zukunft“. Und weiter: „Technologien sollte man niemals nach ihren Kinderkrankheiten beurteilen, sondern nach ihrem Entwicklungspotenzial.“

Allgemeine Künstliche Intelligenz als „Phantomdiskussion“

Der zwölfte Denkfehler betrifft die Diskussion über Artificial General Intelligence, kurz AGI. Hilgenstock bezeichnet die Debatte um eine allgemeine KI als „Phantomdiskussion“. Er verweist dabei auf das von Alan Turing 1936 behandelte „Halteproblem“. „Nun mag die perfekte KI grundsätzlich unerreichbar sein“, erklärt Eckhart Hilgenstock, „aber es genügt bereits das Zusammenspiel einzelner spezialisierter KI-Systeme, um Unternehmen, Behörden oder sogar ganze Volkswirtschaften effizient zu steuern.“

Entscheidend ist für Hilgenstock deshalb weniger die Frage nach einer perfekten allgemeinen KI als die Wirkung bereits vorhandener und sich weiterentwickelnder Systeme. „Wer heute noch glaubt, KI sei lediglich ein Werkzeug zur Produktivitätssteigerung, unterschätzt ihre eigentliche Bedeutung. Wir stehen vor einem tiefgreifenden Wandel wirtschaftlicher Wertschöpfung, geopolitischer Machtverhältnisse und unternehmerischer Führung. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob KI unsere Wirtschaft und unsere Gesellschaft verändert, sondern ob wir schnell genug lernen, mit dieser Entwicklung Schritt zu halten“, fasst Eckhart Hilgenstock zusammen.

Was Sie zum Thema Künstliche Intelligenz wissen müssen

• Warum wird Künstliche Intelligenz laut Hilgenstock unterschätzt? 
Er sieht vor allem lineare Denkmodelle als Problem, während sich mehrere technologische Entwicklungen gegenseitig verstärken.

• Warum ist Künstliche Intelligenz eine Managementaufgabe? 
Weil KI nach Hilgenstocks Einschätzung nicht nur IT-Prozesse, sondern Wertschöpfungsketten, Geschäftsmodelle und zahlreiche Unternehmensbereiche verändert.

• Welche Rolle spielt Physical AI bei Künstlicher Intelligenz? 
Physical AI verbindet KI mit Robotern, autonomen Maschinen, Logistiksystemen und KI-gesteuerten Produktionsanlagen.

• Was bedeutet Künstliche Intelligenz für Führungskräfte?
Hilgenstock erwartet, dass Führungskräfte künftig Menschen, KI-Agenten und perspektivisch auch humanoide Roboter führen müssen.

• Welche Ressourcen benötigt Künstliche Intelligenz?
Genannt werden insbesondere Rechenleistung, spezialisierte Chips, Energie, Kapital, Infrastruktur und eigene KI-Modelle.