Interview mit Maximilian Zeyda über die KI-gestützte Prozessdokumentation Clypp

„Dokumentieren lässt sich grundsätzlich jeder Prozess“

Mit KI zur Dokumentation in Rekordzeit: Maximilian Zeyda erklärt, wie Clypp Videoaufnahmen automatisch in Arbeitsanweisungen, Schulungsunterlagen und Tutorials verwandelt, warum sich nahezu jeder Prozess dokumentieren lässt und wo die Grenzen der Technologie aktuell noch liegen.

4 min
KI-gestützte Prozessdokumentation macht aus praktischem Erfahrungswissen strukturierte Arbeitsanweisungen.
KI-gestützte Prozessdokumentation macht aus praktischem Erfahrungswissen strukturierte Arbeitsanweisungen.

Redaktion: Herr Zeyda, Clypp ist noch ein vergleichsweise junges Unternehmen. Was war der konkrete Auslöser für die Gründung?

Maximilian Zeyda, Gründer und Geschäftsführer von Clypp
Maximilian Zeyda, Gründer und Geschäftsführer von Clypp

Maximilian Zeyda: Am Anfang stand keine fertige Produktidee, sondern eine Frage: Wie können Experten in Unternehmen ihr Know-how ohne großen Aufwand so dokumentieren, dass es sofort verständlich und direkt anwendbar ist?

Um das zu verstehen, sind wir zunächst als Beratungsunternehmen gestartet und haben aus dieser Erfahrung heraus ein Softwareprodukt entwickelt. Mit dem rasanten Wachstum der How-to-Formate auf Youtube, Tiktok und Co. war uns schnell klar, dass das Kurzvideo das Medium der Zukunft ist – gerade in Verbindung mit künstlicher Intelligenz, die die Videoverarbeitung um ein Vielfaches beschleunigt.

Als Ingenieure haben mein Mitgründer und ich sofort die Brücke zur Industrie gesehen: Video lässt sich mit Smartphone, Action-Cam oder AR-Brille ohne Aufwand aufnehmen und vermittelt selbst komplexe Handgriffe in kurzer Zeit.

Redaktion: Clypp verwandelt Videoaufnahmen automatisiert in Dokumentationen und Schulungsunterlagen. Wie funktioniert das in der Praxis?

Zeyda: In drei Schritten.

Erstens die Aufnahme: Der Facharbeiter filmt seinen Arbeitsschritt einfach mit dem Smartphone, Tablet, Action-Cam oder AR-Brille ohne Vorbereitung und direkt im Arbeitsalltag.

Zweitens die KI-Analyse: Unsere multimodale KI erkennt Handgriffe, Werkzeuge und Sprache und kann das Material mit Daten aus dem ERP und bestehenden SOPs ergänzen.

Drittens die Inhaltserstellung: Daraus entstehen strukturierte Schritt-für-Schritt-Anleitungen, geschnittene und vertonte Video-Tutorials inklusive Untertitel und Quizfragen in jeder gewünschten Sprache.

Vom Filmen bis zur freigabefähigen Arbeitsanweisung dauert das in der Praxis weniger als zehn Minuten. Ausgespielt wird der Inhalt dann per QR-Code an der Maschine, per Link oder direkt in ERP- und MES-Systeme. Unsere Kunden berichten von bis zu 85 % Zeitersparnis bei der Erstellung von Arbeitsanweisungen. Bei Hunderten bis Tausenden neuen Anweisungen und Anpassungen pro Jahr summiert sich die Ersparnis schnell.

Redaktion: Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz dabei konkret? Wo übernimmt die KI Aufgaben, die früher manuell erledigt werden mussten?

Zeyda: Die KI übernimmt genau den Teil, der früher die Hürde war: die Nachbearbeitung. Bislang musste eine zweite Person den Experten begleiten, fotografieren und die Schritte dokumentieren. Wer ein Video wollte, musste es zusätzlich schneiden, formatieren und übersetzen. Das war ein Aufwand von Stunden bis Tagen, weshalb Dokumentation im Alltag oft liegen blieb.

Heute strukturiert die KI das Rohmaterial automatisch in Arbeitsschritte, erzeugt Vertonung und Übersetzung auf Knopfdruck. Sie erkennt Werkzeuge und Handgriffe im Bild und verknüpft sie mit Stammdaten aus dem ERP. Hinzu kommt die semantische Suche: Mitarbeitende fragen in natürlicher Sprache und erhalten die passende Sequenz, statt ein vierzigseitiges PDF zu durchsuchen.

Der Mensch bleibt aber im Prozess: Er gibt frei und behält die Verantwortung für die fachliche Richtigkeit.

Redaktion: Welche Prozesse lassen sich besonders gut mit Ihrer Lösung dokumentieren? Gibt es typische Anwendungsfälle?

Zeyda: Dokumentieren lässt sich mit Clypp grundsätzlich jeder Prozess. Typische Anwendungsfälle bei unseren über 100 Kunden sind das Onboarding neuer Mitarbeitender in der Produktion, Schulungen an Maschinen und Anlagen, Rüst-, Wartungs- und Reparaturanleitungen, die Erklärung komplexer Richtlinien und Qualitätsvorgaben sowie das Sichern von Know-how beim Offboarding. Das ist gerade jetzt wichtig, da eine ganze Generation erfahrener Fachkräfte in Rente geht.

Ein weiterer starker Fall ist die Verlagerung von Prozessen in andere Werke oder Länder. Hier ersetzt ein mehrsprachiges Video-Tutorial Wochen an Reisen und Übersetzungsarbeit.

Redaktion: Viele Unternehmen verfügen bereits über umfangreiche Dokumentationen. Wie integriert sich Clypp in bestehende Systeme und Prozesse?

Zeyda: Clypp legt sich als Schicht über die IT-Landschaft, die ohnehin vorhanden ist: Bestehende Dokumentationen wie Arbeitsanweisungen, SOPs oder Handbücher lassen sich als Kontext hochladen, ebenso Stammdaten aus dem ERP. Die fertigen Inhalte liefern wir in die Systeme, die die Anwender schon gewohnt sind: Sharepoint, MES, Qualitätsmanagement, Lernplattform oder Werkerassistenz.

Clypp ersetzt also keine dieser Anwendungen, sondern die handgepflegten Word- und Onenote-Dokumente dazwischen. Die Einführung ist entsprechend schlank und braucht keine monatelange Implementierung. Da wir mit sensiblen Daten und Know-how arbeiten, speichern wir die Daten in Deutschland und sind nach ISO/IEC 27001 zertifiziert.

Redaktion: Um vielleicht auch ein wenig Erwartungsmanagement zu betreiben: Wo liegen aktuell noch die Grenzen solcher KI-gestützten Dokumentationslösungen?

Zeyda: Zwei Dinge würde ich klar benennen.

Erstens: Die KI ersetzt nicht das Fachwissen, sie konserviert es. Wer einen Prozess falsch vormacht, bekommt eine sauber formatierte, aber falsche Anleitung. Deshalb bleibt der Freigabe-Workflow durch den Fachverantwortlichen zwingend.

Zweitens: Sehr lange, unstrukturierte Aufnahmen sind technisch noch anspruchsvoll. Eine ganze Achtstundenschicht automatisch auf die relevanten Sequenzen zu reduzieren, ist etwas, woran wir aktuell arbeiten. Heute funktioniert das System am besten bei klar abgegrenzten Arbeitsschritten.

Redaktion: Welche neuen Möglichkeiten sehen Sie künftig durch die Kombination von KI, Video und industriellen Daten?

Zeyda: Heute ist Clypp vor allem ein digitales und visuelles Prozessgedächtnis des Unternehmens. Der nächste Schritt ist das, was wir intern „Second Brain“ nennen: Assistenz der Werker und Techniker direkt am Arbeitsplatz, bidirektional an MES und ERP angebunden. Die Anleitung aktualisiert sich selbst, wenn sich Bauteil, Auftrag oder Maschinenparameter ändern. Der Mitarbeitende erhält die Antwort auf der Datenbrille, ohne die Hände frei machen zu müssen.

Je mehr Werke im Unternehmen Clypp nutzen, desto stärker wird sichtbar, wie derselbe Arbeitsschritt über drei Schichten, fünf Linien und zwei Länder hinweg ausgeführt wird. So lässt sich erstmals datenbasiert sagen, welche Variante die beste ist. Best Practices werden messbar statt anekdotisch.

Mittelfristig entsteht dadurch ein Assistenzsystem, das Abweichungen in Echtzeit erkennt und eingreift, bevor Ausschuss entsteht, und das dem Standortmanagement belastbare Entscheidungsgrundlagen liefert. Langfristig ist das Videomaterial sogar dafür geeignet, Roboter auf neue Aufgaben anzulernen. Diese benötigen nämlich genau die Daten, die heute in den Köpfen unserer Facharbeiter stecken.

Clypp auf der Automation NEXT Conference 2026

Wenn Sie mehr über die KI-Lösung erfahren möchten: Clypp ist Partner der Automation NEXT Conference 2026. die am 30. September in Ulm stattfindet. Hier treffen Sie unseren Interpartner Maximilian Zeyda live

Alle weiteren Informationen zur Veranstaltung finden Sie im Kasten unten.


Automation NEXT Conference 2026

Datum: 30. September 2026

Ort: CU.BE Ulm by Bosch Rexroth, Ulm

Die Automation NEXT Conference ist die Fachkonferenz für industrielle Automatisierung, Digitalisierung und KI im Maschinen- und Anlagenbau.

Sie richtet sich an Entscheider, Produktions- und Automatisierungsverantwortliche sowie Entwickler, die ihre Fertigung zukunftsfähig aufstellen möchten. Im Fokus stehen praxisnahe Vorträge, Best Practices und der Austausch zwischen Industrie, Technologieanbietern und Forschung.

Themenschwerpunkte:

• Künstliche Intelligenz und generative Copilots im Engineering und in der Produktion

• Cobots und kognitive Robotik zur Bewältigung des Fachkräftemangels

• Smart Factory, IIoT, Industrial Networks und MES-Systeme

• Energieeffizienz, Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit

Teilnehmer:

Fach- und Führungskräfte aus industrieller Automatisierung, Produktion und Maschinenbau sowie Expert:innen aus Forschung und Technologieunternehmen.

Besonderheiten:

• Hochkarätige Speaker aus Industrie und Forschung

• Ein kompakter Konferenztag mit starkem Praxisbezug

• Intensives Networking und direkter Austausch auf Augenhöhe

Weitere Informationen & die Möglichkeit zur Anmeldung gibt es hier.