Physical AI für Handel, Logistik und Fertigung
Teradyne Robotics kooperiert mit Sereact
Physical AI hält Einzug in die Retourenlogistik: Teradyne Robotics und Sereact bündeln ihre Technologien. KI-gesteuerte Roboter von Universal Robots bearbeiten bereits retournierte Modeartikel in europäischen Logistikzentren.
Physical AI in der Praxis: Mit der KI-Plattform Cortex von Sereact können kollaborierende Roboter von Universal Robots auch unterschiedliche und bislang unbekannte Artikel erkennen und handhaben. Die Technologie kommt bereits in der automatisierten Retourenbearbeitung zum Einsatz.
Teradyne Robotics
Teradyne Robotics und das Stuttgarter KI-Unternehmen Sereact wollen den industriellen Einsatz von Physical AI vorantreiben und haben dazu eine offizielle Partnerschaft geschlossen. Im Mittelpunkt steht die Kombination der Physical-AI-Plattform Cortex von Sereact mit kollaborierenden Industrierobotern von Universal Robots (UR).
Die gemeinsame Technologie soll insbesondere Prozesse automatisieren, die aufgrund wechselnder Artikel, unterschiedlicher Verpackungen und unstrukturierter Abläufe bislang nur schwer für klassische Robotersysteme zugänglich waren. Dabei handelt es sich nicht um ein reines Entwicklungsprojekt. Nach Unternehmensangaben wurden bereits Hunderte Roboter von Universal Robots in Zweiarm-Systemen an Kundenstandorte in Europa ausgeliefert. Die Systeme befinden sich dort im produktiven Einsatz.
Wie Physical AI die industrielle Robotik verändert
Die Zusammenarbeit verbindet die KI-basierte Steuerung von Sereact mit der Robotikhardware von Universal Robots. Die Plattform Cortex ermöglicht es den Robotern, unterschiedliche Waren zu erkennen und zu handhaben, ohne dass jede neue Aufgabe oder jeder Artikel separat trainiert werden muss.
„Physical AI entfaltet ihren Nutzen erst dann, wenn sie sich im realen Betrieb bewährt. Genau dort sind die Roboter von Universal Robots seit jeher zu Hause. Unsere Roboter sind für das KI-Zeitalter gemacht: Sie sind offen, vernetzt und haben sich bereits in mehr als 100.000 industriellen Anwendungen bewährt. Deshalb hat sich Sereact für unsere Roboter entschieden”, so Jacob Pascual Pape, Chief Commercial Officer von Teradyne Robotics.
Die Einsatzmöglichkeiten reichen von der Retourenbearbeitung über die Einzelartikelkommissionierung und Sortierung bis zur Maschinenbeschickung. Weitere Anwendungen sind die Warenversorgung von Filialen, die Auftragszuführung, die Konsolidierung von Behälterinhalten, das Kitting, das Verpacken und die allgemeine Warenhandhabung.
„Unsere gemeinsame Lösung kann Mischwaren, unbekannte Artikel und variable Verpackungen handhaben. Die Technologie ist längst über das Demo- oder Pilotstadium hinaus und wird bereits erfolgreich an realen Kundenstandorten eingesetzt. Unsere Technologien ergänzen sich ideal. Mit unserer Partnerschaft werden wir diese KI-gestützten Lösungen nun zügig auf weitere Anwendungen, Branchen und Märkte ausweiten”, so Pape weiter.
Ein KI-Modell für unterschiedliche Automatisierungsaufgaben
Ein wesentliches Merkmal von Cortex ist die Möglichkeit, unterschiedliche Robotikanwendungen mit demselben KI-Modell zu betreiben. Dadurch entfällt nach Angaben von Sereact die Notwendigkeit, das System für jeden neuen Artikel oder jede zusätzliche Aufgabe erneut zu trainieren.
„Ob Retourenbearbeitung, Warenversorgung oder Kitting: Mit Cortex laufen all diese Anwendungen auf demselben Modell. Ein einziges ‚Gehirn‘ steuert sämtliche Roboter, ohne dass für jeden neuen Artikel oder jede neue Aufgabe ein erneutes Training erforderlich ist. Und was ein Roboter lernt, kommt allen anderen zugute“, erklärt Dr. Ralf Gulde, CEO und Mitgründer von Sereact.
Für die internationale Verbreitung der Technologie soll insbesondere das Vertriebs- und Integratorennetzwerk von Teradyne Robotics genutzt werden. „Durch die Partnerschaft mit Teradyne Robotics und dessen globalem Vertriebs- und Integratorennetzwerk können wir diese Intelligenz Kunden auf der ganzen Welt zugänglich machen. So erleichtern wir Handels- und Logistikunternehmen den Einsatz KI-gestützter Automatisierung in ihren Betriebsabläufen und beschleunigen deren Verbreitung.“
Um der steigenden Nachfrage gerecht zu werden, eröffnete Sereact im Sommer 2026 eine US-Zentrale in Boston, Massachusetts. Damit soll die gemeinsame Automatisierungslösung künftig auch in Nordamerika verfügbar werden.
Wo Physical AI bereits bei Zalando eingesetzt wird
Ein konkretes Anwendungsbeispiel ist die automatisierte Bearbeitung retournierter Modeartikel. Gemeinsam mit CEVA Logistics setzen Sereact und Universal Robots die Technologie für Zalando ein. In den Logistikzentren Greven in Deutschland und Świebodzin in Polen übernehmen die Roboter bereits autonom die Handhabung zurückgesendeter Modeartikel. Die Implementierung bildet die erste Phase einer umfassenderen Initiative, mit der die Retourenautomatisierung europaweit ausgebaut werden soll. Zalando verbindet nach Unternehmensangaben 62 Millionen aktive Kunden mit mehr als 7.000 Marken in 29 Märkten.
Die Retourenbearbeitung stellt hohe Anforderungen an die Automatisierung, weil Artikel in wechselnden Formen, Ausrichtungen und Verpackungen eintreffen. Hinzu kommt eine ständig veränderte Warenzusammensetzung. „Die Retourenbearbeitung gehört zu den anspruchsvollsten Aufgaben in der Logistik. Zurückgesendete Produkte kommen so gut wie nie in einer für Roboter geeigneten Reihenfolge an. Die Artikel unterscheiden sich in Form, Ausrichtung und Verpackung, und die Warenzusammensetzung verändert sich laufend. Genau für solche Herausforderungen wurde Cortex entwickelt, das auf der Plattform von Universal Robots zum Einsatz kommt“, erklärt Dr. Gulde.
Auch regulatorische Anforderungen spielen nach Einschätzung des Unternehmens eine Rolle. „Indem die Lösung retournierte Waren schnell wieder für den Verkauf aufbereitet, unterstützt sie Handelsunternehmen zudem dabei, die EU-Vorschriften einzuhalten, die die Vernichtung oder Deponierung zurückgesendeter Waren untersagen.“
Physical AI auf der NVIDIA GTC Berlin 2026
Die Unternehmen präsentierten die gemeinsame Technologie auf der NVIDIA GTC Berlin 2026. Am NVIDIA-Stand demonstrierten zwei Roboter des Typs UR12e-1300 von Universal Robots die automatisierte Retourenbearbeitung. Gesteuert werden die Roboter durch das Vision-Language-Action-Modell (VLA) von Sereact. Die gezeigte Anwendung entspricht einer Lösung, die bereits in realen Logistikzentren eingesetzt wird. Damit steht nicht allein die technische Funktionsfähigkeit im Mittelpunkt, sondern auch der Einsatz unter produktiven Bedingungen.
Für Entwicklung, Training und Betrieb von Cortex kommen mehrere Technologien von NVIDIA zum Einsatz. Das Training erfolgt zunächst mit NVIDIA Isaac Sim, einem offenen Simulationsframework, unter Verwendung der offenen Weltmodelle von NVIDIA Cosmos. Anschließend wird das KI-Modell mithilfe von Reinforcement Learning im NVIDIA Isaac Lab Framework weitertrainiert. Vor der produktiven Implementierung wird das Modell auf der Robotikhardware von Teradyne Robotics getestet.
Im laufenden Betrieb übernimmt NVIDIA Jetson Thor die KI-Inferenz direkt an der Roboterzelle. Die Plattform stellt die Rechenleistung bereit, um die KI-Modelle mit der für den Produktionsprozess erforderlichen Geschwindigkeit auszuführen. NVIDIA DGX Spark wird ergänzend für die Entwicklung, Validierung und Aktualisierung der Modelle auf Standortebene eingesetzt. Teradyne Robotics nutzt NVIDIA-Rechentechnologie zudem in den Produktportfolios von Universal Robots und Mobile Industrial Robots (MiR).
Für die virtuelle Entwicklung stellt das Unternehmen außerdem simulationsfertige OpenUSD-Robotermodelle bereit. Diese sogenannten SimReady Assets für Universal Robots und MiR sind über die SimReady Central Library auf Hugging Face verfügbar. Entwickler können die digitalen Robotermodelle dadurch leichter finden und für Simulationen wiederverwenden, ohne sie zuvor aufwendig vorbereiten zu müssen.
Teradyne Robotics und Sereact setzen auf internationale Expansion
Teradyne Robotics mit Hauptsitz im dänischen Odense vereint die Robotikmarken Universal Robots und Mobile Industrial Robots. Während Universal Robots kollaborierende Industrieroboter entwickelt, konzentriert sich MiR auf autonome mobile Roboter für den innerbetrieblichen Materialtransport. Beide Technologien werden bereits an Tausenden Standorten weltweit eingesetzt. Teradyne Robotics gehört zum US-amerikanischen Unternehmen Teradyne, das unter anderem automatisierte Testsysteme entwickelt.
Sereact wurde in Stuttgart von Dr. Ralf Gulde und Marc Tuscher gegründet. Das Unternehmen entwickelt Physical-AI-Software, mit der Roboter auch bislang unbekannte Objekte erkennen, greifen und handhaben können. Im Jahr 2026 sicherte sich Sereact in einer Series-B-Finanzierungsrunde 116 Mio. US-Dollar. Zu den Kunden zählen neben Zalando unter anderem IKEA, DHL, Rohlik, Arvato, alza.cz, BMW, Mercedes-Benz und Daimler Truck.
Mit der Partnerschaft wollen beide Unternehmen ihre Technologien auf zusätzliche Anwendungen, Branchen und internationale Märkte ausweiten. Neben Handel und Logistik gehört ausdrücklich auch die industrielle Fertigung zu den adressierten Einsatzbereichen.
Was Sie zum Thema Physical AI wissen müssen
• Was bedeutet Physical AI in der industriellen Robotik? – Physical AI verbindet künstliche Intelligenz mit physischen Robotersystemen. Die Technologie ermöglicht es Robotern, unterschiedliche und auch bislang unbekannte Objekte zu erkennen und zu handhaben.
• Wie funktioniert Physical AI bei Teradyne Robotics und Sereact? – Die KI-Plattform Cortex von Sereact steuert Roboterarme von Universal Robots. Ein gemeinsames KI-Modell ermöglicht verschiedene Anwendungen, ohne dass jeder neue Artikel separat trainiert werden muss.
• Wo wird Physical AI bereits produktiv eingesetzt? – Die Technologie kommt unter anderem in Zalando-Logistikzentren in Greven und Świebodzin zum Einsatz. Dort bearbeiten Roboter autonom retournierte Modeartikel.
• Welche Rolle spielt NVIDIA bei Physical AI? – NVIDIA stellt Technologien für Simulation, Training und KI-Inferenz bereit. Dazu zählen Isaac Sim, Cosmos, Isaac Lab, Jetson Thor und DGX Spark.
• Welche Anwendungen ermöglicht Physical AI in Logistik und Fertigung? – Zu den Einsatzgebieten zählen Retourenbearbeitung, Kommissionierung, Sortierung, Maschinenbeschickung, Kitting, Verpackung und allgemeine Warenhandhabung.