Der TÜV-Verband hat zum Start der Hannover Messe 2026 eine schnelle und konsequente Umsetzung des EU AI Acts gefordert. Nach Ansicht des Verbands braucht industrielle KI einen europaweit einheitlichen Rechtsrahmen, damit Unternehmen neue Anwendungen sicher entwickeln, bewerten und in die Praxis bringen können.
Redaktion Automation NEXTRedaktionAutomation NEXT
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Der TÜV-Verband fordert zur Hannover Messe 2026 einheitliche Regeln für industrielle KI und warnt vor einem Flickenteppich bei Hochrisiko-Anwendungen.Stock.adobe.com - MADIHA MAYA
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Aus Sicht des TÜV-Verbands steht die Industrie an einem Wendepunkt. Künstliche Intelligenz verlässt zunehmend rein digitale Einsatzfelder und wird zum integralen Bestandteil physischer Systeme. Dazu zählen flexible Roboter in der Produktion, automatisierte Qualitätskontrollen oder Simulationen mit digitalen Zwillingen. Gerade die deutsche Fertigungsindustrie bringt dafür eine wichtige Voraussetzung mit: große und wertvolle Datenbestände, die als Basis für leistungsfähige KI-Systeme dienen.
Der Verband argumentiert, dass Unternehmen diesen Datenschatz nur dann wirtschaftlich und verantwortbar nutzen können, wenn neben technischer Kompetenz auch verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen vorhanden sind. Denn dort, wo Menschen und Maschinen eng zusammenarbeiten oder autonome Systeme Entscheidungen treffen, entstehen neue Risiken, die nicht dem Zufall überlassen werden dürfen.
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Welche Risiken sieht der Verband bei Hochrisiko-KI?
Im Mittelpunkt der Forderungen stehen die Sicherheitsanforderungen für Hochrisiko-KI-Systeme. Der AI Act verfolgt hier einen risikobasierten Ansatz, der unter anderem Maschinen, Medizinprodukte oder Spielzeug umfasst. Nach Auffassung des TÜV-Verbands ist genau dieser horizontale Ansatz entscheidend, weil sich viele KI-Risiken nicht sauber nach Branchen trennen lassen.
Ein Computer-Vision-System in einem Medizingerät funktioniert technologisch nach ähnlichen Prinzipien wie ein KI-System in einer Fertigungsmaschine. Trainingsdaten, mögliche Verzerrungen, Robustheit, Nachvollziehbarkeit und Cybersicherheit bleiben in beiden Fällen zentrale Prüfsteine. Der Verband hält es deshalb für folgerichtig, auch dieselben Grundregeln für vergleichbare Risiken anzuwenden.
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Das stärkt aus seiner Sicht nicht nur den Schutz von Anwendern und Beschäftigten, sondern auch die Planbarkeit für Unternehmen. Einheitliche Anforderungen erleichtern Investitionen, beschleunigen Zulassungsprozesse und fördern die Entwicklung europaweit anerkannter Standards.
Kritisch sieht der Verband die aktuelle Debatte, den bereits beschlossenen AI Act im Rahmen des sogenannten „Digital Omnibus“ wieder zu verändern und zentrale Regeln herauszulösen. Zwar werden längere Fristen und Entlastungen für mittelständische Unternehmen grundsätzlich als sinnvoll angesehen. Ein Herausnehmen von Hochrisiko-Produkten aus dem direkten Anwendungsbereich des AI Acts lehnt der TÜV-Verband jedoch klar ab.
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Die Begründung ist eindeutig: Würden Hochrisiko-Anwendungen künftig nur noch über einzelne sektorale Gesetze geregelt, entstünde zunächst eine Lücke. Sicherheitsanforderungen für risikoreiche KI ließen sich nicht sofort und einheitlich in allen betroffenen Regelwerken verankern. Genau darin sieht der Verband die Gefahr eines jahrelangen Regulierungsvakuums.
Hinzu kommt das Risiko eines unzureichenden Schutzniveaus. Sobald unterschiedliche Branchen eigene Vorgaben mit eigenen Fristen und Verfahren entwickeln, steigt die Wahrscheinlichkeit voneinander abweichender Standards. Für Unternehmen würde das mehr Unsicherheit bedeuten, nicht weniger.
Sektorale Lösung ist aus Sicht der Industrie problematisch
Der TÜV-Verband hält eine sektorale Regulierung nicht für Bürokratieabbau, sondern für eine zusätzliche Belastung. KI-Anforderungen müssten in zahlreiche Einzelgesetze integriert werden. Das würde nach Einschätzung des Verbands zu unterschiedlichen Bewertungsmaßstäben, abweichenden Verfahren und einem hohen Abstimmungsaufwand führen.
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Gerade für Industrieunternehmen, die KI technologieübergreifend einsetzen, wäre ein solcher Flickenteppich problematisch. Sie müssten sich je nach Produktgruppe mit verschiedenen Regeln auseinandersetzen, obwohl die zugrunde liegenden KI-Risiken ähnlich sind. Das verteuert die Umsetzung, erschwert die Produktentwicklung und schwächt die Rechtssicherheit.
Industrielle KI braucht aus Sicht des TÜV-Verbands verlässliche EU-Regeln, damit Sicherheit, Vertrauen und Wettbewerbsfähigkeit gewahrt bleiben.TÜV-Verband
Der Verband argumentiert zudem, dass sich KI deutlich schneller entwickelt, als sektorale Regulierung nachgezogen werden kann. Dadurch droht ein dauerhaftes Hinterherregulieren. Ein einheitlicher, horizontaler Rechtsrahmen erscheint aus dieser Perspektive deutlich robuster und innovationsfreundlicher.
Besonders deutlich warnt der TÜV-Verband vor den Folgen für die Entwicklung technischer Standards. Auf Basis des AI Acts entstehen in Europa Anforderungen etwa an die Qualität von Trainingsdaten, den Schutz vor systematischen Verzerrungen und die Cybersicherheit von KI-Systemen. Diese Standards sind nicht nur für den Binnenmarkt relevant, sondern auch für die internationale Wettbewerbsfähigkeit europäischer Industrieanbieter.
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Wird der gemeinsame regulatorische Rahmen aufgeweicht, könnte nach Ansicht des Verbands auch die Standardisierungsarbeit an Dynamik verlieren. Unternehmen hätten weniger Anreiz, Experten in gemeinsame Gremien zu entsenden, wenn unklar ist, welche Regeln am Ende überhaupt gelten sollen. Europa würde damit riskieren, seine Chance auf eine führende Rolle bei industriellen KI-Standards zu verspielen.
Genau darin liegt das strategische Argument des TÜV-Verbands: Wer früh klare und verlässliche Anforderungen setzt, schafft Vertrauen, stärkt den Binnenmarkt und verbessert die Position europäischer Anbieter im globalen Wettbewerb.
Das fordert der TÜV-Verband jetzt von der EU
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Der Verband fordert von EU-Kommission, Mitgliedstaaten und Europäischem Parlament, den ursprünglichen horizontalen Ansatz des AI Acts zu sichern. Sicherheitsanforderungen für Hochrisiko-KI sollen erhalten bleiben und wie geplant umgesetzt werden. Aus Sicht des TÜV-Verbands ist das die Voraussetzung, um Innovation und Schutz miteinander zu verbinden.
Die Botschaft zur Hannover Messe 2026 ist damit klar: Industrielle KI braucht keine verwässerten Ausnahmen, sondern verlässliche und einheitliche Regeln. Nur so lassen sich Vertrauen, Investitionssicherheit und technologische Führungsansprüche in Europa glaubwürdig absichern.
FAQ: Forderung des TÜV-Verbands auf der Hannover Messe
1. Was fordert der TÜV-Verband beim AI Act? Der TÜV-Verband fordert, den EU AI Act wie geplant umzusetzen. Ziel ist ein einheitlicher europäischer Rechtsrahmen für industrielle KI-Anwendungen.
2. Warum sind einheitliche Regeln für industrielle KI so wichtig? Nach Ansicht des TÜV-Verbands schaffen einheitliche Vorgaben mehr Rechtssicherheit für Unternehmen und helfen dabei, Risiken von KI-Systemen besser zu bewerten und zu begrenzen.
3. Welche Gefahren sieht der TÜV-Verband bei Hochrisiko-KI? Der Verband warnt vor Risiken dort, wo Menschen mit Maschinen interagieren oder autonome Systeme Fehlentscheidungen treffen können. Deshalb seien klare Sicherheitsanforderungen für Hochrisiko-KI notwendig.
4. Warum lehnt der TÜV-Verband eine sektorale Einzelregulierung ab? Weil dadurch laut Verband ein Regulierungsvakuum und später ein Flickenteppich unterschiedlicher Regeln drohen würden. Das würde Unternehmen stärker belasten und die Entwicklung einheitlicher KI-Standards erschweren.