Offene Steuerungslösungen bieten im Vergleich zu proprietären mehr Kontrolle, Anpassungsfähigkeit und Zukunftssicherheit. Giampiero Baggiani von Sfera Labs zeigt, worauf es beim Wechsel ankommt – und warum proprietäre Systeme zunehmend an Grenzen stoßen.
Giampiero BaggianiGiampieroBaggianiGiampiero BaggianiMitgründer und Leiter der Softwareentwicklung bei Sfera Labs
4 min
Moderne Automobilproduktion setzt auf hochautomatisierte Fertigung – doch hinter der Präzision lauert oft eine unsichtbare Abhängigkeit: Proprietäre Steuerungssysteme können im Störfall zum Risiko werden. Offene Automatisierungskonzepte bieten eine flexible und zukunftssichere Alternative.Sfera Labs
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Vor
einigen Jahren, bei einem Besuch in einem Werk eines Automobilzulieferers,
wurde ich Zeuge der Folgen der Lieferantenabhängigkeit. Eine Produktionslinie
kam vollständig zum Stillstand – nicht etwa wegen eines mechanischen Defekts
oder eines Bedienfehlers, sondern wegen einer Störung einer
herstellerspezifischen speicherprogrammierbaren Steuerung (SPS) eines
Automatisierungsanbieters. Das betreffende Modell war bereits zwei Jahre zuvor
eingestellt worden. Obwohl es Teil eines „Langzeit-Support“-Programms war,
konnte der Hersteller nur ein vollständiges System-Upgrade anbieten – zu
exorbitanten Kosten und mit sechs Wochen Produktionsausfall.
Was
mich dabei am meisten beeindruckte, war nicht die unmittelbare finanzielle
Auswirkung, sondern der völlige Kontrollverlust, den der Kunde erlebte. Er hatte
keinen Zugang zu Schaltplänen, um alternative Ersatzteile zu beschaffen, und
auch keinen Zugriff auf die Firmware der Steuerung für Diagnosezwecke. Zudem
konnte er die Steuerungslogik nicht ändern, um vorübergehende Lösungen
umzusetzen. Die
herstellerspezifische SPS war zu einer Blackbox aus undurchschaubarer Firmware
und undokumentierten Protokollen geworden. Dem Unternehmen wurde schnell klar,
dass es eine geschäftskritische Infrastruktur auf Systemen aufgebaut hatte, die
es weder vollständig verstehen noch wirklich kontrollieren kann.
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Dies
bestätigte eine harte Wahrheit: In der industriellen Automatisierung sind
Langlebigkeit und Kontrolle genauso wichtig wie die Leistung. Die Wahl eines
Systems betrifft nicht nur technische Spezifikationen, sondern auch die
langfristige Betriebssicherheit. Während herkömmliche proprietäre Systeme
jahrzehntelang dominiert haben, beweisen offene Technologien zunehmend ihren
Wert – jedoch nicht ohne Kompromisse.
Die
philosophische Spaltung in der industriellen Steuerung
Im
Kern stellt die Wahl zwischen offenen und proprietären industriellen Systemen
zwei grundlegend unterschiedliche Philosophien in Bezug auf technologische
Souveränität und Kontrolle dar. Proprietäre Systeme basieren auf dem Prinzip
zentralisierter Expertise. Anbieter argumentieren – oft zu recht – dass ihre
eng integrierten Systeme durch rigorose Tests und kontrollierte Umgebungen
Zuverlässigkeit gewährleisten. Dieser Ansatz bietet insbesondere den
Betriebsteams Sicherheit, die im Fehlerfall dann einen klaren Ansprechpartner
haben. Die großen Automatisierungsanbieter haben auf diesem Wertversprechen
Imperien aufgebaut und bieten scheinbar komplette Lösungen an, bei denen jeder
Sensor, jede Steuerung und jedes Bedienpanel dieselbe proprietäre Sprache sprechen.
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Offene
Systeme schlagen ein radikal anderes Paradigma vor – eines der verteilten
Expertise und kollaborativen Entwicklung. Hier liegt der Wertschöpfungsansatz
in Transparenz und Anpassungsfähigkeit. Anstatt sich auf den Fahrplan eines
einzigen Anbieters zu verlassen, nehmen die Nutzer an einem Ökosystem teil, in
dem Verbesserungen aus unterschiedlichen Quellen kommen und kein einzelner
Ausfallpunkt den gesamten Betrieb lahmlegen kann.
Einer
der hartnäckigsten Mythen in unserer Branche ist, dass proprietäre Systeme Langlebigkeit
garantieren. Die Realität ist jedoch differenzierter. Während große Anbieter
tatsächlich eine beeindruckende Rückwärtskompatibilität bieten (die SPS S7-300 von Siemens wurde etwa 30 Jahre lang
produziert), geht diese Kontinuität mit großen Kosten einher und zwingt Nutzer
häufig zu teuren Upgrade-Pfaden, die als „Migrationen“ getarnt sind.
Offene
Systeme verfolgen einen anderen Ansatz in Bezug auf Langlebigkeit. Durch die
Nutzung standardisierter Hardware-Schnittstellen und die Gewährleistung der
Software-Portabilität entkoppeln sie die Lebensdauer der Steuerungslogik von
der physischen Hardware. Wir haben zahlreiche Beispiele gesehen, bei denen
offene Steuerungssysteme über drei oder sogar vier Hardware-Generationen hinweg
migriert wurden, ohne dass eine komplette Neuentwicklung erforderlich war.
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Anpassungsdilemma
und Sicherheitsparadoxon
Industrielle
Betriebe sind wie Schneeflocken – keine sind exakt gleich. Diese Realität
erzeugt eine ständige Spannung zwischen dem Wunsch nach standardisierten
Lösungen und dem Bedarf an individuellen Anpassungen. Proprietäre Systeme
adressieren dies meist durch teure professionelle Serviceleistungen. Braucht
man die Integration eines ungewöhnlichen Sensors oder die Implementierung eines
neuartigen Steuerungsalgorithmus? Das kostet schnell 20.000 Euro und zieht
nicht selten sechs Monate Wartezeit auf das Engineering-Team des Anbieters nach
sich. Die Ergebnisse sind oft starre Implementierungen, die von den
Anlagenmitarbeitern nicht selbst angepasst werden können. Offene Systeme kehren
dieses Modell um. Mit Zugriff auf Quellcode und Systemdetails können die
Anlageningenieure Anpassungen intern vornehmen und das System entsprechend den
sich entwickelnden Anforderungen verfeinern.
Sicherheitsdiskussionen
in der industriellen Automatisierung werden oft auf einfache Gegensätze
reduziert: offen gleich verwundbar, proprietär gleich sicher. Diese falsche
Dichotomie ignoriert die komplexe Realität der modernen industriellen
Cybersicherheit. Proprietäre Systeme leiden unter dem, was man als
„Festungsmentalität“ bezeichnen könnte – dem Glauben, dass Sicherheit durch
Verschleierung ausreichend Schutz bietet. Das Problem ist, dass moderne
Angreifer ein System nicht verstehen müssen, um es zu stören. Jüngste Vorfälle
haben gezeigt, dass selbst die am besten geschlossenen Systeme anfällig für
Lieferkettenangriffe und Protokollausnutzungen sind. Offene Systeme sehen
Transparenz als Sicherheitsmerkmal und nicht als Schwäche. Als die
Log4j-Schwachstelle bekannt wurde, hatten Open-Source-Communities innerhalb von
Stunden Patches bereitgestellt. Viele proprietäre Systeme hingegen benötigten
Wochen oder Monate zur Reaktion, da ihre eingebetteten Komponenten selbst den
Anbietern nicht sichtbar waren.
Der menschliche Faktor
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Vielleicht
der am meisten übersehene Aspekt in der Debatte zwischen offenen und
proprietären Systemen ist die menschliche Dimension. Industrielle
Automatisierung dreht sich nicht nur um Technologie, sondern um die Menschen,
die täglich mit dieser Technologie arbeiten müssen.
Lieber offene oder proprietäre Systeme? Für die Auflösung dieser Frage bedarf es in der industriellen Automatisierung eine strategische Entscheidungsfindung.Sfera Labs
Proprietäre
Systeme schaffen Wissenssilos. Bediener und Techniker werden abhängig von
anbieter-spezifischen Schulungen, und dieses institutionelle Wissen geht
verloren, wenn Mitarbeiter das Unternehmen verlassen. Wir haben Anlagen erlebt,
in denen ein einzelner Pensionär jahrzehntelanges Spezialwissen über die
Besonderheiten eines proprietären Systems besaß – Wissen, das sich kaum
vollständig dokumentieren oder weitergeben ließ. Offene Systeme fördern von
Natur aus den Wissensaustausch und kontinuierliches Lernen. Da die
zugrundeliegenden Prinzipien transparent sind und oft auf allgemein
verständlichen Standards basieren, verkürzt sich die Einarbeitungszeit für neue
Mitarbeiter erheblich.
Den
Übergang meistern
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Für
Organisationen, die eine Umstellung auf offenere Architekturen in Betracht
ziehen, erfordert der Weg nach vorne sorgfältige Planung. Komplettsystemwechsel
sind selten praktikabel oder ratsam. Stattdessen empfehlen wir typischerweise
einen schrittweisen Ansatz:
Beginnen
Sie mit Edge-Anwendungen, bei denen das Risiko überschaubar, der Nutzen aber
spürbar ist. Datenerfassung und Visualisierung sind oft ausgezeichnete
Einstiegspunkte.
Entwickeln
Sie interne Kompetenzen durch gezielte Pilotprojekte. Diese sollten bedeutend
genug sein, um relevant zu sein, aber begrenzt, um die Risiken zu minimieren.
Bauen
Sie Partnerschaften mit Organisationen auf, die kommerziellen Support für
offene Technologien bieten können. Ideale Partner verfügen sowohl über
technisches Fachwissen als auch über langfristige Wartungsverpflichtungen.
Verschieben
Sie das Gleichgewicht allmählich, wenn Sicherheit und Fähigkeiten wachsen.
Viele erfolgreiche Implementierungen resultieren in hybriden Architekturen, die
die Stärken beider Ansätze nutzen.
Der
Weg nach vorne
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Wenn
wir in die Zukunft der industriellen Automatisierung blicken, wird eines klar:
Die Ära der „One-Size-Fits-All“-Lösungen geht zu Ende. Die zunehmende
Komplexität industrieller Prozesse, kombiniert mit dem beschleunigten Tempo
technologischer Veränderungen, verlangt nach Systemen, die sich
weiterentwickeln und anpassen können. Offene Technologien werden proprietäre
Systeme nicht vollständig ersetzen – es wird immer Anwendungen geben, bei denen
die schlüsselfertige Natur von Anbieterlösungen sinnvoll ist. Doch das
Gleichgewicht verschiebt sich. Organisationen, die lernen, die Stärken offener
Systeme zu nutzen und gleichzeitig deren Risiken zu minimieren, werden
bedeutende Wettbewerbsvorteile in Flexibilität, Innovation und langfristiger
Betriebssicherheit erlangen.
Bei
Sfera Labs haben wir das transformative Potenzial offener Technologien im
Industriesektor erkannt. Durch die Entwicklung von Lösungen, die die
Flexibilität von Plattformen wie Raspberry Pi und Arduino nutzen, wollen wir
die Lücke zwischen Open-Source-Innovation und der von industriellen Anwendungen
geforderten Zuverlässigkeit schließen. Unsere Produkte sind auf langfristige
Verfügbarkeit ausgelegt und werden durch professionelle Supportleistungen
unterstützt, sodass Unternehmen offene Technologien mit Zuversicht einsetzen
können, ohne Kompromisse bei Stabilität oder Betreuung einzugehen.
Letztlich
geht es dabei nicht wirklich um offen gegen proprietär. Es geht um Kontrolle
versus Bequemlichkeit, um kurzfristige Sicherheit versus langfristige
Anpassungsfähigkeit. Die Fabriken der Zukunft werden nicht auf einer einzigen
Ideologie basieren, sondern auf pragmatischen Architekturen, die den Wert
beider Ansätze erkennen und die Fallstricke beider Extreme vermeiden.
FAQ: Offene Systeme in der industriellen Automatisierung
1. Warum geraten Unternehmen mit proprietären Automatisierungssystemen zunehmend in Abhängigkeit? Proprietäre Systeme sind oft herstellerspezifisch, verschlossen und schwer zugänglich. Kommt es zu einem Ausfall, fehlt es an Diagnosemöglichkeiten, Zugriff auf Firmware oder flexiblen Anpassungsoptionen. Selbst bei Langzeit-Support können Ersatzteile und Upgrades teuer und zeitaufwändig sein – mit potenziell massiven Produktionsausfällen als Folge.
2. Welche Vorteile bieten offene Steuerungssysteme gegenüber proprietären Lösungen? Offene Systeme punkten durch Transparenz, Anpassungsfähigkeit und technologische Souveränität. Nutzer können auf Quellcode und Schnittstellen zugreifen, Steuerungen über mehrere Hardware-Generationen hinweg migrieren und Änderungen intern vornehmen. So bleiben Unternehmen langfristig flexibel und unabhängig.
3. Sind offene Systeme wirklich sicher – oder öffnen sie Angreifern Tür und Tor? Die Annahme „offen gleich unsicher“ ist ein Mythos. Während proprietäre Systeme auf Verschleierung setzen, basiert Sicherheit bei offenen Architekturen auf Transparenz. Schwachstellen wie Log4j konnten in Open-Source-Umgebungen oft schneller geschlossen werden als bei proprietären Systemen – weil viele Augen mithelfen.
4. Wie gelingt der Umstieg von proprietär zu offen in der Praxis? Ein kompletter Systemwechsel ist selten ratsam. Stattdessen empfiehlt sich ein schrittweiser Ansatz: mit kleinen Pilotprojekten (z. B. Edge-Anwendungen), gezieltem Know-how-Aufbau und erfahrenen Partnern. So lässt sich das Risiko minimieren und gleichzeitig die Grundlage für hybride, zukunftssichere Architekturen legen.