Nachbericht zur Automation NEXT Conference 2025: Kognitive Robotik als Gamechanger

So arbeiten Mensch und Maschine künftig zusammen

Robin Kaufmann von Neura Robotics plädierte in seinem Vortrag auf der Automation NEXT Conference 2025 für eine neue Ära der Mensch-Roboter-Kollaboration und argumentierte, dass Deutschland in der kognitiven Robotik aufholen muss, um nicht den Anschluss zu verlieren. Zudem gab er Einblicke in die „Neura Gyms“ und das Neuraverse.

3 min
Robin Kaufmann stellte in seinem Vortrag die Vision und den aktuellen Stand von kognitiver Robotik vor -  einem Bereich, der humanoide Roboter mit sensorischer und kognitiver Wahrnehmung ausstattet.
Robin Kaufmann stellte in seinem Vortrag die Vision und den aktuellen Stand von kognitiver Robotik vor - einem Bereich, der humanoide Roboter mit sensorischer und kognitiver Wahrnehmung ausstattet.

An den Anfang seiner Argumentation, warum wir kognitive Roboter brauchen, stellt Robin Kaufmann, Head of Business Partner Manager bei Neura Robotics, eine Betrachtung des Themas Künstlicher Intelligenz (KI). Seiner Meinung nach wird der technische Fortschritt durch KI kontrovers diskutiert. Viele Menschen in Deutschland und Europa sind skeptisch gegenüber KI, nicht zuletzt aufgrund von Datenschutzbedenken und dystopischen Zukunftsszenarien aus Filmen wie „Terminator“ oder „I, Robot“. Gleichzeitig sehen die Menschen, wie KI bereits heute kreative Prozesse wie Musikkomposition oder Bildgestaltung revolutioniert.

Doch trotz dieser beeindruckenden Entwicklungen bleibt ein entscheidender Punkt ungelöst: KI kann zwar kreative Tätigkeiten übernehmen, aber nicht die ungeliebten, oft körperlich anstrengenden Aufgaben, die im Alltag oder in der Industrie anfallen – etwa das Müllrausbringen oder das Sortieren von Materialien. Hier fehlt es an physischen Fähigkeiten und vor allem an Autonomie.

Klassische Industrierobotik – Grenzen und Probleme

Traditionelle Industrieroboter sind meist spezialisierte Bewegungsmaschinen, die auf vorprogrammierten Abläufen basieren. Ihre Programmierung ist komplex, teuer und erfordert Expertenwissen – von Roboterprogrammierern über SPS-Programmierer bis hin zu Sicherheitsexperten. Zudem sind sie kaum flexibel und nicht autonom im eigentlichen Sinne.

Der fehlende „Körper“ mit integrierter Sensorik (Sehen, Hören, Tasten) verhindert eine intuitive und sichere Interaktion mit der Umwelt. Diese Defizite führen dazu, dass Roboter vielfach nur in streng kontrollierten Industrieumgebungen eingesetzt werden können und im Alltag kaum eine Rolle spielen.

Kognitive Roboter sind in der Lage, ihre Umgebung zu verstehen sowie durch Interaktion zu lernen und können somit direkt mit Menschen zusammenarbeiten.

Robin Kaufmann, Neura Robotics

Robotik und die Themen Demografie & Arbeitskräftemangel

Eine der dringlichsten aktuellen Herausforderungen in der Industrie ist der globale Fach- und Arbeitskräftemangel. Prognosen zeigen:

Robin Kaufmann, Head of Business Partner Manager bei Neura Robotics, auf der Automation NEXT Conference
  • Bis 2030 werden in Deutschland etwa 30 Millionen Menschen über 60 Jahre alt sein.
  • Europa fehlen rund 7 Millionen Arbeitskräfte.
  • China und Japan stehen vor ähnlichen demografischen Entwicklungen.

Roboter könnten diese Lücke schließen, indem sie körperlich anstrengende oder monotone Aufgaben übernehmen. Die chinesische Regierung hat beispielsweise das Ziel ausgegeben, dass bis 2030 10 Prozent der Arbeitskräfte durch Roboter ersetzt oder ergänzt werden sollen – eine enorme Zahl im Vergleich zum aktuellen Robotikmarkt.

Das Unternehmen Neura verfolgt vor diesem Hintergrund einen innovativen Ansatz: Kognitive Roboter, die nicht nur über physische Fähigkeiten verfügen, sondern auch ihre Umwelt aktiv wahrnehmen, verstehen und darauf reagieren können. Diese Maschinen sind mit Sensorik ausgestattet, die menschlichen Sinnen ähnelt – sie sehen, hören und tasten.

Aber kognitive Robotik bedeutet mehr als Sensorik: Es geht um das Lernen durch physische Interaktion, um intuitive und sichere Zusammenarbeit mit Menschen. Die Roboter können Aufgaben flexibel ausführen und sich an neue Situationen anpassen, ohne aufwändige Programmierung.

Physical AI: Lernen durch Vormachen

Ein zentraler Aspekt der kognitiven Robotik ist dabei das Training der Physical AI. Roboter lernen also nicht nur durch Algorithmen oder Simulation, sondern durch physisches Vormachen – ähnlich wie Menschen eine neue Fertigkeit erlernen.

Robin Kaufmann veranschaulichte das an einem Beispiel: Schwimmen oder Geige spielen könne man nicht allein durch das Anschauen von Videos oder Lesen von Anleitungen lernen. Erst durch praktische Übung im Wasser oder am Instrument entwickle man die jeweiligen Fähigkeiten. Entsprechend müssen Roboter Tätigkeiten wie Greifen, Schweißen oder Sortieren durch physisches Training erlernen.

Das Neuraverse: Ein Ökosystem für Robotertraining und -anwendung

Mit dem Neuraverse hat Neura eine digitale Plattform geschaffen, die den gesamten Lebenszyklus kognitiver Roboter abbildet. Dazu gehören:

  • Digitale Zwillinge der physischen Roboter
  • Training von Foundation Models durch physische Daten
  • Integration und Simulation von Applikationen
  • Überwachung und kontinuierliche Verbesserung der Robotersysteme

Dieses Ökosystem ist offen für Partner, die vielfältige Anwendungen entwickeln können – von Müllentsorgung über Krankenhausversorgung bis hin zur industriellen Nutzung. Dadurch entsteht ein App-Store-ähnliches Modell, das die Skalierung und Flexibilität kognitiver Robotik fördert.

Kognitive Roboter – Vorteile

Kognitive Robotik steht an der Schwelle, die Art und Weise, wie Menschen und Maschinen zusammenarbeiten, grundlegend zu verändern. Im Gegensatz zu klassischen Industrierobotern, die starr und unflexibel agieren, besitzen kognitive Roboter die Fähigkeit, ihre Umgebung wahrzunehmen, zu verstehen und durch Interaktion zu lernen. Insbesondere vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des Fachkräftemangels in Deutschland und weltweit eröffnen sie neue Chancen für Industrie und Gesellschaft.

Neura Gyms als Trainingszentren

Neura Gyms sind Trainingszentren, in denen Roboter verschiedene Aufgaben erlernen. Dort tragen Menschen so genannte Motion Suits, um Bewegungsdaten physisch aufzunehmen, die dann den Robotern als Trainingsgrundlage dienen.

Anhand einiger Videos zeigte Kaufmann während seines Vortrags auf der Automation NEXT Confernce eindrucksvoll, wie Roboter, unabhängig vom Formfaktor (z.B. humanoid oder mit multiplen Achsen), durch Sprachbefehle einfache Aufgaben wie das Nachbauen von Klötzchen ausführen können. Obwohl die Bewegungen heute noch langsamer als beim Menschen sind, wird die autonome Ausführung immer präziser und schneller werden in Zukunft.

Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftsperspektiven

Im globalen Rennen um die Vorherrschaft in der Robotik sind insbesondere China und die USA führend. Europa und speziell Deutschland hinken hinterher. Viele Innovationspotenziale bleiben ungenutzt, da die Vision kognitiver Robotik hierzulande nicht konsequent verfolgt wird.

Neura sieht sich laut Kaufmann als Vorreiter in Europa und setzt auf deutsche Ingenieurskunst und das einzigartige Know-how, um kognitive Robotik marktreif zu machen. Das Ziel ist, die physischen Fähigkeiten von Robotern weiterzuentwickeln und sie in Service- und Industrieanwendungen breit einzusetzen.

Fazit und konkrete Handlungsempfehlung für Unternehmen

Kognitive Robotik stellt einen bedeutenden Fortschritt gegenüber herkömmlicher Industrierobotik dar, indem sie physische Interaktion mit sensorischer Wahrnehmung und KI kombiniert. Dies ermöglicht autonome, flexible und sichere Roboter, die ungeliebte oder schwierige Aufgaben übernehmen können. Angesichts demografischer Herausforderungen und des internationalen Wettbewerbs ist die Entwicklung solcher Systeme dringend notwendig. Neura verfolgt mit seinem innovativen Trainingsansatz und dem Ökosystem Neuraverse das Ziel, die kognitive Robotik in Deutschland und Europa voranzutreiben und so eine neue Art der Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine einzuleiten.

Nach Ansicht von Robin Kaufmann sollten Unternehmen und Investoren jetzt in kognitive Robotik investieren, um im internationalen Wettbewerb nicht den Anschluss zu verlieren. Gleichzeitig gelte es, die Akzeptanz in der Gesellschaft durch transparente Kommunikation und praxisnahe Anwendungen zu fördern. Nur so könne Deutschland seine Rolle als Innovationsstandort behaupten und eine neue Ära der Mensch-Maschine-Zusammenarbeit einläuten.

Das Wichtigste in Kürze

Neue Erkenntnisse

1) Roboter benötigen einen physischen Körper, um KI nützlich zu machen: KI allein ohne physische Aktorik kann keine ungeliebten physischen Aufgaben (z.B. Müll rausbringen) übernehmen.

2) Training von Robotern erfolgt physisch und nicht rein virtuell: Physisches Vormachen ist essenziell, da Simulationen und Datensätze allein nicht ausreichen, um komplexe Bewegungen oder Aufgaben zu erlernen.

3) Skalierungsvorteil durch Transfer von trainierten Fähigkeiten: Ein einmal trainierter Roboter kann seine Fähigkeiten problemlos auf andere Roboter übertragen – ein Vorteil gegenüber menschlichem Lernen.

4) China plant, bis 2030 circa 10 Prozent der Arbeitskräfte durch Roboter zu ersetzen oder zu ergänzen: Das ist eine sehr große Zahl und zeigt das massive Engagement Chinas in diesem Bereich.

5) Neura entwickelt eine Plattform (Neuraverse) als Ökosystem für Robotik-Applikationen: Vergleichbar mit App-Stores großer Tech-Konzerne, um vielfältige Anwendungen auf Roboter zu bringen.

Kernbotschaften

1) Kognitive Robotik ist der nächste Game Changer: Nur durch kognitive Fähigkeiten (Sehen, Hören, Tasten) können Roboter wirklich autonom und flexibel agieren.

2) Roboter müssen Tätigkeiten übernehmen, die Menschen nicht erledigen wollen: So gewinnen Menschen Zeit für kreativere und zwischenmenschlich wichtige Dinge.

3) Europa muss jetzt handeln, um nicht technologisch abzuhängen: Deutschland und Europa sollten die Entwicklung kognitiver Robotik vorantreiben, anstatt hinter China und den USA zurückzufallen.

4) Training und Weiterentwicklung von Robotern ist entscheidend: Nur durch physisches Training und kontinuierliches Lernen können Roboter bessere Leistungen erzielen.

5) Neura sieht sich als Vorreiter und Partner für die Zukunft der Robotik: Das Unternehmen baut humanoide und andere Roboter und stellt die Infrastruktur für das Training und die Applikationen bereit.