54.000 Stellplätze, leistungsstarke Shuttles und rückspeisefähige Antriebstechnik von SEW-Eurodrive sorgen im Lager von Bergzeit für schnelle Prozesse und eine intelligente Energienutzung. Hier verbinden sich Bremsenergie, Photovoltaik und ein ganzheitliches Nachhaltigkeitskonzept zu einem zukunftsfähigen Logistiksystem.
Andrea BalserAndreaBalserAndrea BalserReferentin Fachpresse, SEW-Eurodrive
4 min
Die Shuttles fahren zwischen den Etagen auf und ab und in den Gassen vor und zurück. Dabei sammeln sie links und rechts die Behälter ein – jeweils in drei Ebenen hintereinander.SEW
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Nach einem rasanten Wachstum seit der Gründung eröffnete der Bergsportausrüster Bergzeit 2017 in Otterfing bei Holzkirchen einen Neubau seiner Zentrale mit Logistik und Verwaltungsgebäude. In den
ersten Jahren wurde hier der komplette Versand manuell abgewickelt. Weil die
Kapazitätsgrenze bald erreicht war, beschloss die Geschäftsleitung 2020 den
Neubau eines automatisierten Shuttle-Lagers.
Nach Fertigstellung des Anbaus ließ Bergzeit die Regalanlage durch einen
Dienstleister errichten. Im Anschluss baute die PSB Intralogistics die Shuttles
ein. „Neben einer effizienten Logistikabwicklung sollte das Shuttle-Lager
energetisch nachhaltig sein“, berichtet Holger Cecco-Stark, Head of Facility
& ECO-Management bei Bergzeit. Eine Anforderung war deshalb, die
Bremsenergie der Lifte ins Netz zurückzuspeisen.
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An dieser Stelle kamen
Antriebe mit Rückspeiseeinheiten von SEW-Eurodrive ins Spiel. Weil das neue Hochregallager
eine energieintensive Anlage ist, wurde ein zudem neuer Transformator
installiert. Im Jahr 2022 wurde das automatisierte Lager fertiggestellt. Es
umfasst 54.000 Lagerplätze in sieben identischen Gassen. In diesen sind jeweils
acht Shuttles unterwegs, die in den Ebenen frei versetzbar sind. „In den Gassen
arbeiten wir mit dreifach tiefer Lagerung“, erklärt Cecco-Stark. Wo das Shuttle
anhält, kann es also sechs Lagerplätze bedienen“.
In diesem Hochregallager sind jeweils zwei Heber an der Frontseite und
zwei Heber in der Mitte einer Gasse installiert. Diese Shuttle-Aufzüge werden
durch Synchron-Servomotoren CMP112 M mit Kegelradgetrieben KA77B von
SEW-Eurodrive bewegt. Mit 7 m/s2 beschleunigen die Getriebemotoren die
Lifte auf eine Maximalgeschwindigkeit von 5 m/s. Weil die vier 32-A-Module des Frequenzumrichters
zu einer Gruppe am
Zwischenkreis zusammengefasst sind, können sie über diese Verbindung
untereinander Energie auszutauschen. Ein Lagerverwaltungsrechner koordiniert
die Fahrbewegungen der Shuttles und Heber und verhindert Kollisionen. Wenn sich
zum Beispiel ein Heber oben befindet, kann er nur dann herunterfahren, wenn der
andere Heber auf einer tieferen Position steht. Beim Abbremsen bzw. Absenken
der Heber wird die kinetische Energie wieder in elektrische umgewandelt.
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Die sinusförmige Netzrückspeisung Movidrive MDR90B (Bildmitte, grau) ist für 50 kW Ein- und Rückspeiseleistung ausgelegt. Die vier Heber in einer Gasse werden durch einen Frequenzumrichter Movidrive modular mit vier 15-kW-Achsen (re. daneben) angetrieben, die in einer Gruppe am Zwischenkreis zusammengefasst sind.SEW
Auf Wunsch des Kunden wurden sinusförmige Rückspeisemodule eingesetzt. Klaus
Kröner, Applikationsingenieur für Rückspeisegeräte bei SEW-Eurodrive, betreute
PSB schon bei den ersten Feldtests dieser Geräte. Der Anlagenbauer aus
Pirmasens, ein langjähriger Partner von SEW-Eurodrive, setzte diese
Rückspeisungen als einer der ersten Anwender ein. Gemeinsam mit einem
Steuerungstechniker von PSB hat der Service von SEW-Eurodrive bei den
sinusförmigen Rückspeiseeinheiten die Ansteuerung optimiert und Energiezähler
ausgeführt. Über diese digitale Schnittstelle wird der aktuelle motorische beziehungsweise
generatorische Energiefluss gemessen. Die Rückspeisungen sind mit IGBTs bestückt,
die mit 12 kHz takten. Eine Filterdrossel als Tiefpass verhindert, dass die 12
kHz Taktfrequenz ins Netz gelangt. Wenn kein Fahrauftrag für die Lifte anliegt,
wird nach einer Minute die Rückspeisung gesperrt, um Stillstandsverluste zu vermeiden.
Die sinusförmige Netzrückspeisung Movidrive MDR90B ist
für 50 kW Ein- und Rückspeiseleistung mit 2,5-facher Peakleistung ausgelegt. Ebenso
wie die Frequenzumrichter der Baureihe Movidrive modular ist sie Bestandteil
des Automatisierungsbaukastens Movi-C.
Über Bergzeit
Ob Wandern, Klettern, Bergsteigen, Skitouren oder Radfahren – Bergzeit bietet seinen Kunden ein breites Produktspektrum für den Bergsport an. Das Unternehmen hat seinen Sitz im oberbayerischen Otterfing, circa 30 Kilometer südlich von München. Der Bergsportausrüster wurde 1999 als Start-up mit Dachbodengeschäft gegründet. Anfangs stellte der Gründer Klaus Lehner Toureninformationen im Internet bereit und kam über das Tourenportal mit vielen Menschen in Kontakt. Daraus ergaben sich immer mehr Anfragen für Ausrüstungsgegenstände.
Mit Fahrradcomputern war der Grundstein gelegt für den Vertrieb im Internet. 2001 ging der Onlineshop „Bergzeit“ live. Das Unternehmen wuchs rasch. 2003 und 2010 wurden Filialen in Großhartpenning bei Holzkirchen und in Gmund am Tegernsee eröffnet. 2017 wurde in Otterfing bei Holzkirchen der Neubau der Bergzeit-Zentrale mit Logistik und Verwaltungsgebäude eröffnet.
Nachhaltige Energieversorgung
Bergzeit legt großen Wert auf den
umweltschonenden Einsatz von Ressourcen. Im Rahmen der strategischen
Ausrichtung hat das Unternehmen ein Energiekonzept entwickelt, das in nahezu
allen Unternehmensbereichen etabliert ist und weiter ausgebaut wird. Seit 2020
lässt sich das Unternehmen nach dem europäischen Umweltmanagementsystem EMAS validieren.
Das „Eco-Management and Audit Scheme“ stellt sicher, dass alle Umweltaspekte
von Energieeinsatz bis zu Abfall und Emissionen rechtssicher und transparent
umgesetzt werden.
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Synchron-Servomotoren CMP112 M mit Kegelradgetrieben KA77B von SEW-Eurodrive bewegen über die roten Zahnriemen die Shuttle-Aufzüge.SEW
Für die Stromversorgung installierte Bergzeit eine Photovoltaikanlage
auf dem Dach. Um zukunftssicher zu sein, wählte das Unternehmen die maximal
mögliche Auslegung. „Heute produzieren wir etwa 550.000 Kilowattstunden pro
Jahr“, erklärt Holger Cecco-Stark. „Bis 2030 wollen wir hier am Standort komplett
auf fossile Energien verzichten.“ Auch bei der Dienstwagenflotte handelt das
Unternehmen nachhaltig. Cecco-Stark erklärt: „Angefangen haben wir mit den Dienstwagen
– weg vom Verbrenner, hin zu E-Fahrzeugen. Das haben wir zu 99 Prozent
geschafft, im nächsten Jahr folgt der letzte Wagen“. Auch einer der zwei
Logistikbusse, die die beiden Filialen beliefern, werde aktuell durch einen
E-Transporter ersetzt. „In Otterfing ist der zentrale Wareneingang. Wenn eine
Filiale Ware benötigt, wird sie hier kommissioniert und anschließend dorthin gebracht“,
führt Cecco-Stark aus. Warenbewegung gibt es auch in der Gegenrichtung. Beispielsweise
werden Produkte im oberen Preissegment in der Filiale präsentiert – sie müssen
ja nicht unsichtbar im Lager herumliegen – aber gleichzeitig auch zum Kauf über
den Online-Shop angeboten. Findet sich dort ein Käufer, wird die Ware zurück
ins Zentrallager gebracht und von dort aus verschickt.
In diesem Gebäudekomplex befindet sich die Verwaltung, dahinter in zwei Hallen die Logistik von Bergzeit. Sofern es der Arbeitsinhalt erlaubt, dürfen die Mitarbeitenden auch mobil arbeiten.SEW
Im Kartonaufrichter werden die Versandkartons auch an die tatsächliche Füllhöhe angepasst. Das trägt zur Ressourcenschonung auf dem weiteren Transportweg bei.SEW
Nach der Kommissionierung werden die Versandpakete auf einer Rollenbahn weiterbefördert.SEW
In der neuen Logistikhalle werden Transportkisten auf mehreren Förderstrecken kommissioniert.SEW
Die Shuttles fahren zwischen den Etagen auf und ab und in den Gassen vor und zurück. Dabei sammeln sie links und rechts die Behälter ein – jeweils in drei Ebenen hintereinander.SEW
Sauberer Strom zu einem
günstigen Preis
Die Photovoltaik-Anlage produziert jährlich bis zu 550.000 kWh Strom und
ist nach Herkunftsnachweisregister (HKNR) zertifiziert. Damit darf Bergzeit
selbst Ökostrom erzeugen und verkaufen. Nach Versorgung des Bedarfs am
Standort, zum Beispiel der zwanzig betriebseigenen Ladestationen, speist das
Unternehmen den übrigen Ertrag, rund 40 %, ins Stromnetz ein.
„Wir haben den
Strom zunächst über unseren Partner EWS (Elektrizitätswerke Schönau) unseren
Mitarbeitenden zu einem vergünstigten Preis angeboten. Mittlerweile profitieren
auch unsere Kunden davon“, berichtet Holger Cecco-Stark. Er glaube, regional
autarke Energienetze seien die Zukunft, wenn die Netzwerksbetreiber mitspielten
und der politische Wille da sei, bürokratische Hürden abzubauen.
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Nachhaltigkeit beim Einkauf
und Versand
Auch beim Einkauf agiert Bergzeit nachhaltig.
Das Unternehmen setzt auf die Langlebigkeit seiner Waren, betont der Nachhaltigkeits-Experte
von Bergzeit. Er empfiehlt: „Hochwertiges kaufen, was man dann auch wirklich
lange nutzt. Wichtig ist es, die Produkte abgestimmt auf den eigenen Bedarf zu
kaufen. Nicht jeder benötigt eine teure Profi-Regenjacke für die Gassirunde mit
dem Hund.“ Die Industrie ist gefragt, umweltverträglichere Lösungen anzubieten.
Mittlerweile gibt es von vielen Herstellern innovative Entwicklungen um beispielsweise
Kleidungsstücke am Ende ihrer Lebenszeit einem Verwertungskreislauf zuführen zu
können.
Die fertigen Pakete kommen aus dem Lager und werden über Förderbänder zu einem Versandcontainer transportiert. Hier sorgen Getriebemotoren von SEW-Eurodrive für den zuverlässigen Vorschub der Bänder.SEW
Auch beim Versand setzt der Bergsport-Ausrüster auf Nachhaltigkeit. 1,5
Millionen Pakete mit rund 2,5 Artikeln pro Paket verschickt Bergzeit jährlich.
Um die eCO2 -Emmissionen ( eCO2 = der Beitrag verschiedener Treibhausgase zur Erderwärmung in CO2-Äquivalenten im Versandgeschäft) so gering wie möglich zu
halten, verzichtet das Unternehmen auf Teillieferungen. „Meistens funktioniert
die gebündelte Lieferung in nur einem Paket“, erklärt Cecco-Stark.
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Vor allem in der Logistikkette ließe sich viel
erreichen. Dafür arbeitet Bergzeit mit dem Versanddienstleister DHL zusammen.
Mit dem Umstieg auf den Versandweg GoGreen Plus in Deutschland seit 2024,
investiert Bergzeit bei jedem versendeten Paket direkt in die CO2-Reduzierung
bei der Auslieferung. Eine weitere Herausforderung im Online-Handel sind
Kunden-Retouren, die deutschlandweit je nach Branche bei bis zu 60 % liegen. Der
Bergsport-Ausrüster konnte sie auf circa 40 Prozent senken. Möglichst präzise,
kundenorientierte Beratung helfe, Falschbestellungen zu reduzieren. Dafür
beschäftigt das Unternehmen etwa 40 Personen im Bereich Customer Care, die per E-Mail
und Telefon die Kunden beraten und sich um deren Belange kümmern.
Nachhaltigkeit beeinflusst
Kaufentscheidung
Holger Cecco-Stark ist selbst begeisterter Bergsportler. Schon als Kind weckten
die Alpen sein Interesse, und er verbrachte dort mit seinen Eltern viele
Urlaube. Während seines Studiums machte er oft Bergtouren übers Wochenende. Vor
rund 12 Jahren nahm er seine Tätigkeit bei Bergzeit auf und konnte das
Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Durch seine ehrenamtliche Tätigkeit als
Naturschutz-Ranger erkannte er schon früh die sinnvolle Symbiose aus Bergsport
und Naturverbundenheit.
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Gemeinsam mit dem damals neuen Geschäftsführer erarbeitete
er vor ungefähr acht Jahren ein erstes Nachhaltigkeitskonzept und stellte hierfür
eine Nachhaltigkeitsmanagerin ein: „Mit ihr zusammen haben wir unsere Strategie
und Ziele stetig weiterentwickelt, die für manch einen Kunden auch ein Argument
für seine Kaufentscheidung ist.“