Physical AI: Acht Einsatzfelder für die Fertigung
Physical AI erweitert den Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Fertigung. Statt Prozesse lediglich zu analysieren, steuert die Technologie Maschinen und Abläufe in Echtzeit und eröffnet neue Möglichkeiten für die Automatisierung.
Intelligente Maschinen, die nicht nur denken, sondern auch handeln, sind die Zukunft der Fertigung.
Stock.adobe.com - aukkasit
Die
Geschichte der Fertigungsautomatisierung reicht viele Jahrzehnte zurück, doch
mit KI und Robotik wird aktuell ein ganz neues Kapitel aufgeschlagen, weil sie
nicht mehr auf hochstandardisierte Prozesse beschränkt ist. Selbst komplexe
Tätigkeiten und Abläufe mit hoher Varianz lassen sich immer besser
automatisieren, und auch unvorhergesehene Ereignisse bringen die Fertigung
nicht mehr aus dem Tritt. Der Schlüssel ist Physical AI, die eine intelligente
Steuerung von physischen Systemen in Echtzeit erlaubt und damit deren
Anpassungsfähigkeit geradezu revolutioniert. Besonders vielversprechend ist der
Einsatz laut NTT Data, Anbieter von KI-, digitalen Business- und Technologie-Services, in den folgenden acht Bereichen.
1. Intralogistik für Klein- und Kleinstserien
Produkte,
die nur in geringer Anzahl oder indivuell gefertigt werden, stellten bislang
eine logistische Herausforderung dar. Mit Physical AI ist es jedoch möglich,
die richtigen Teile zur richtigen Zeit dort abzuliefern, wo sie benötigt
werden. Autonome Mobile Roboter (AMR) kommissionieren sie selbstständig im
Lager und transportieren sie zu den Maschinen. Dabei wählen sie die
bestmögliche Route, weichen Hindernissen aus und priorisieren notfalls auch
kurzfristig eintreffende Eilaufträge. Ebenso übernehmen sie den Transport von
Halbfabrikaten zwischen den einzelnen Fertigungsstationen, sodass kein Leerlauf
entsteht oder sich irgendwo unfertige Produkte stauen.
Dadurch sinken die
Durchlaufzeiten und die Termintreue nimmt zu, während Unternehmen zugleich geringere
Bestandspuffer vorhalten müssen, wie verschiedene Projekte zeigen, die NTT DATA
bereits in der Automobilbranche und im Maschinenbau umgesetzt hat. Da die AMR
kontinuierlich aus Rückmeldungen im laufenden Prozess (Closed Loop) lernen,
müssen sie nicht regelmäßig auf Basis aufgezeichneter Daten nachtrainiert
werden.
2. Individuelle Maschinensteuerung
Klein-
und Kleinstserien erfordern viele individuelle Anpassungen an Maschinen, doch
Physical AI kann diese dynamisch vornehmen. Je nach Produkt und
Produktanforderungen werden die richtigen Materialien und Bauteile bestellt und
anschließend korrekt verarbeitet. Dabei erkennt ein Greifer beispielsweise, was
gerade vor der Maschine steht, und kann gezielt zupacken – ohne Teile
umzustoßen oder zu beschädigen, selbst wenn sie ihm neu sind. Bei der Montage
wählt die KI die richtigen Werkzeuge und Parameter aus, etwa beim Lackieren den
gewünschten Lack und eine geeignete Düse, beim Schweißen passt sie
Schweißstrom, Schweißzeit und Elektrodenkraft entsprechend der Materialart und
Materialdicke an.
Dadurch steigt die Variantenfähigkeit der Fertigung ganz ohne
manuelle Parametrierung – die Rüstzeiten verkürzen sich deutlich und neue
Produkte können schneller fehlerfrei gefertigt werden (First Time Right). In
Brownfield-Umgebungen mit bestehender SPS- und MES-Landschaft
(Speicherprogrammierbare Steuerungen / Manufacturing Execution System) haben
sich Maschinensteuerungen auf Basis von Physical AI bereits vielfach bewährt.
3. Wartungsoptimierung
Predictive Maintenance
ist nicht neu, gewinnt mit Physical AI aber an Zuverlässigkeit. Statt nur
statistische Daten zu Störungen und Ausfällen in der Vergangenheit auszuwerten
und darauf basierend Wartungszyklen zu optimieren, kann KI inzwischen auch Sensordaten
mit einbeziehen und Verschleiß sowie Defekte zuverlässig vorhersagen.
Wichtig
ist, sich nicht auf einzelne Sensordaten wie Vibrationen, Geräusche,
Temperaturen oder Druck zu verlassen, sondern sich durch ihre Zusammenführung –
die sogenannte Sensorfusion – ein umfassendes Bild zu verschaffen. Bei Bedarf
kann die KI zudem Maschinenparameter anpassen oder die Maschine rechtzeitig
stoppen, um Fehlchargen oder größere Beschädigungen zu vermeiden.
Wartungsfenster plant sie selbstständig, um Standzeiten optimal zu nutzen und
Teile weder zu früh noch zu spät auszutauschen.
4. Automatisierte Qualitätskontrolle
Mit Kamera und KI ausgestattete Systeme können die Qualitätskontrolle in der Fertigung erheblich verbessern. Sie erkennen selbst kleinste Fehler wie mikroskopisch kleine Risse in Materialien und Beschichtungen oder leichte Verformungen und Verfärbungen von Oberflächen, die auf einen Mangel hindeuten. Sie kontrollieren Schweißnähte, Verschraubungen, Spalte und Abmessungen – und das schneller und genauer als Menschen das je könnten. Produkte, die nicht den vorgegebenen Qualitätsstandards entsprechen, sortieren sie automatisch aus oder schicken sie für Nacharbeiten an die dafür zuständigen Maschinen.
Dabei liefern die Systeme dank einer Kombination aus Bildverarbeitung und Machine Learning deutlich bessere Ergebnisse als regelbasierte Vision-Systeme. Zudem lassen sie sich direkt in den Produktionsprozess integrieren, um alle tatsächlich Bauteile oder Produkte zu kontrollieren und nicht nur Stichproben. Dadurch sinken Ausschussquoten und Reklamationen.
5. Selbstoptimierende Maschinen
Eine
Mischung aus den beiden vorgenannten Use Cases stellen Maschinen und Werkzeuge
dar, die sich selbst optimieren. Sie nutzen eine umfangreiche Sensorik, um
nicht nur die Ergebnisse ihrer Arbeit zu überprüfen, sondern auch den aktuellen
Werkzeugzustand – also ob beispielsweise Verschleiß, ein Beschlag, eine Unwucht
oder eine verstopfte Düse festzustellen ist. Darauf basierend werden
Fertigungsparameter angepasst, um eine konstant hohe Fertigungsqualität trotz
Abnutzung oder Verschmutzung sicherzustellen und gegebenenfalls Aktionen wie
Reinigungen, Schmierungen, Neukalibrierungen oder ein Teileaustausch
angestoßen.
Ganz ähnlich lässt sich übrigens die Anlaufphase bei der
Herstellung neuer Produkte optimieren: Hier werden die Testprodukte detailliert
kontrolliert, um Abweichungen fest- und die Fertigungsparameter schrittweise
einzustellen. Gezielt vorgenommene Parameteränderungen helfen, Ursachen und
Wirkungen besser zu verstehen und den gesamten Ablauf so lange anzupassen, bis
das Produktionsergebnis den Vorgaben entspricht.
6. Autonome Überwachung und Inspektion
Selbstständig
agierende Drohnen und Roboter können sowohl das Werksgelände als auch den
Produktionsbereich überwachen – sei es auf regelmäßigen Inspektionsrouten oder
wenn Überwachungskameras und andere Sensoren eine Unregelmäßigkeit melden, etwa
unbekannte Personen, offene Türen, blockierte Fluchtwege oder Rauch und
Flüssigkeitslecks. Dabei decken sie auch tote Winkel ab und erreichen Stellen,
die für Menschen nicht zugänglich oder gefährlich sind.
Setzen sie zusätzlich
zum Kamerabild auf Infrarot und LiDAR ist eine sehr detaillierte Unterscheidung
von Objekten und Ereignissen möglich, auch bei schlechten Lichtverhältnissen.
Je nachdem, was die Sensoren erkennen, werden dann auch Maßnahmen eingeleitet,
beispielsweise der Werksschutz verständigt, Maschinen abgeschaltet und Ventile
geschlossen oder Lüftungssysteme aktiviert.
7. Mensch-Maschine-Kooperation
Physical
AI verbessert die Zusammenarbeit zwischen Menschen und Maschinen. Diese können
im selben Arbeitsbereich tätig sein, ohne Sicherheitskäfige und Schutzzäune.
Roboter erkennen beispielsweise, wenn Menschen ihren Weg kreuzen oder ihren
Aktionsradius betreten, und passen ihre Bewegungen an, um niemanden zu
verletzen.
Mehr noch: Roboter erkennen die Haltung, Bewegungen und Gesten ihrer
menschlichen Kollegen und können diese individuell unterstützen. Je nach
Arbeitssituation heben sie schwere Teile und halten sie in der für eine
ergonomisch schonende Bearbeitung passenden Lage, reichen das jeweils benötigte
Werkzeug und liefern Bauteile just in time an oder transportieren fertig
montierte Teile ab.
8. Humanoide Roboter
Roboter, deren Form und
Bewegungsabläufe dem menschlichen Körper nachempfunden sind, können in der
Fertigung komplexe Aufgaben übernehmen, die üblicherweise von Menschen erledigt
werden. Momentan sind sie noch auf überwiegend einfache Tätigkeiten wie das
Sortieren und Transportieren von Teilen beschränkt, doch die Entwicklung
schreitet schnell voran. Attraktiv ist ihr Einsatz überall dort, wo Fachkräfte
fehlen oder langweilige, repetitive oder körperlich belastende beziehungsweise
gefährliche Tätigkeiten zu erledigen sind.
Dank ihrer Arme und Beine können
humanoide Roboter sich frei bewegen und in den verschiedensten Arbeitsprozessen
unterstützen – und das rund um die Uhr, ohne zu ermüden. Selbst autonome
Fabriken, in denen sich autonome Roboter und andere intelligente Systeme
vollständig selbst organisieren, erscheinen inzwischen möglich.
Was Entscheider beachten sollten
Physical
AI erfordert neben umfangreichen KI-Kompetenzen auch nahtlose
IT/OT-Integrationen, schließlich müssen die intelligenten Systeme unter anderem
Daten vom MES abrufen und auf SPS und SCADA-Systeme (Supervisory Control and
Data Acquisition) zugreifen. Eine umfangreiche Sensorik und hohe Datenqualität
sind weitere kritische Erfolgsfaktoren, da die KI ein umfassendes und präzises
Bild der Prozesse und Umgebung benötigt. Unternehmen sollten die einzelnen Use
Cases zunächst intensiv pilotieren und die automatisierten Abläufe anschließend
standardisieren und skalieren. Governance und IT-Sicherheit müssen sie von
Anfang an mitdenken – andernfalls drohen Compliance- und Sicherheitsrisiken,
die aufwendige Nacharbeiten erfordern.
Sorgfältig
umgesetzt, liefern Physical-AI-Projekte einen erheblichen Mehrwert. Typisch
sind nach Erfahrungen von NTT DATA eine Reduzierung der Stillstandszeiten
zwischen 20 und 40 Prozent, eine um zehn bis 25 Prozent gestiegene Overall
Equipment Effectiveness (OEE), die Produktion von 15 bis 30 Prozent weniger
Ausschuss und signifikant kürzere Anlaufzeiten bei der Fertigung neuer
Produkte.
Titel Factbox
1. Was ist Physical AI in der Fertigung?
Physical AI steuert Maschinen und Produktionssysteme in Echtzeit und verbindet KI mit physischen Prozessen.
2. Welche Einsatzbereiche umfasst Physical AI?
NTT Data nennt Intralogistik, Maschinensteuerung, Wartung, Qualitätskontrolle, selbstoptimierende Maschinen, Inspektion, Mensch-Maschine-Kooperation und humanoide Roboter.
3. Welche Voraussetzungen braucht Physical AI?
Entscheidend sind KI-Kompetenzen, eine IT/OT-Integration, hochwertige Sensordaten sowie geeignete Sicherheits- und Governance-Konzepte.
4. Welche Vorteile bietet Physical AI?
Laut NTT Data können Stillstandszeiten sinken, die OEE steigen, Ausschuss reduziert und Anlaufzeiten neuer Produkte verkürzt werden.