Neue Studie von Capgemini
Physical AI treibt Robotik in die Industrie
Physical AI gilt als die nächste Evolutionsstufe Künstlicher Intelligenz: KI, die über vorgebene Prozesse hinaus freier in der physischen Welt agieren kann. Unternehmen sehen darin für die kommenden Jahre großes Potential, vor allem für die Robotik - wie eine Capgemini Studie zeigt.
Ein Großteil der Unternehmen sind überzeugt, dass Physical AI den Einsatz von Robotik in Bereichen ermöglicht, die bislang unwirtschaftlich oder unpraktikabel waren - zum Beispiel bei gefährlichen Tätigkeiten, in der Logistik oder im Pflegebereich.
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Physical AI markiert
einen grundlegenden Wandel in der Robotik, weg von reiner Automatisierung hin
zu autonomem Handeln in der realen Welt. Das ergibt eine aktuelle Studie des Capgemini Research
Institute mit dem Titel „Physical AI: Taking human-robot collaboration to the next
level“. Branchenübergreifend hält eine
Mehrheit der Führungskräfte grundlegende Veränderungen für möglich: Im Bereich
Hightech sehen 93 Prozent Physical AI als „Gamechanger“, in Lagerhaltung und
Logistik sind es 69 Prozent, im Bereich Landwirtschaft 59 Prozent. Die
Zustimmung ist global groß: Nahezu drei Viertel der Führungskräfte in den USA
sowie rund zwei Drittel in Europa und im asiatisch-pazifischen Raum teilen
diese Einschätzung.
Vom Experiment zum
Mehrwert
Physical AI befindet
sich an einem Wendepunkt: Technologische Durchbrüche und ökonomische
Entwicklungen beschleunigen den Einsatz in der realen Welt im großen Maßstab.
Fortschritte bei Foundation Models verleihen Robotern die nötigen Fähigkeiten,
um autonom in komplexen Umgebungen zu agieren. Gleichzeitig verkürzen
Simulationstechnologien Trainingszyklen erheblich, indem sie Lernen in großem
Umfang ermöglichen.
KI, Robotik und Daten
verstärken sich dabei gegenseitig: Im Einsatz generierte reale Daten verbessern
kontinuierlich Leistung und Generalisierungsfähigkeit der Systeme. Hinzu kommen
Fortschritte bei Edge Computing und Batterietechnologien, sinkende Hardwarekosten,
neue Geschäftsmodelle wie Robotics as a Service (RaaS) sowie Durchbrüche bei
der Konnektivität, etwa durch private 5G‑Netze und präzise drahtlose Ortung.
Der Optimismus ist
entsprechend groß: 60 Prozent der Führungskräfte gehen davon aus, dass Physical
AI Robotikanwendungen ermöglicht, die bisher nicht möglich oder wirtschaftlich
nicht sinnvoll waren. Die Anwendungsfälle reichen von gefährlichen Tätigkeiten,
Mikro‑Logistik, Pick‑and‑Place‑Aufgaben und Feldinspektionen bis hin zu
branchenspezifischen Szenarien wie dynamischer Montage in der Fertigung,
Unterstützung im Gesundheits‑ und Pflegebereich des öffentlichen Sektors sowie
der Schadenserfassung nach Katastrophen in der Versicherungswirtschaft.
Beschleuniger für
Reindustrialisierung und operative Resilienz
Mit der zunehmenden
Reindustrialisierung in Europa und den USA entwickelt sich Physical AI zu einem
zentralen Beschleuniger für diesen Wandel. 43 Prozent der Führungskräfte geben
an, dass Reshoring und Reindustrialisierung ihr Interesse an Physical AI als
Unterstützung einer skalierbaren inländischen Produktion verstärken. Zwei
Drittel der Unternehmen verleihen Physical AI inzwischen eine hohe Priorität in
ihrer Automatisierungsagenda für die kommenden drei bis fünf Jahre. Mehr als
die Hälfte der Befragten sieht autonome mobile Roboter, industrielle
Roboterarme und kollaborative Roboter (Cobots) als die am schnellsten
wachsenden Robotik‑Formen in diesem Zeitraum, deutlich vor humanoiden Robotern.
Ein zentraler Treiber
für Investitionen in Physical AI sind Engpässe bei Arbeitskräften, noch vor den
reinen Arbeitskosten. Besonders ausgeprägt ist dieser Faktor in der
Landwirtschaft, im Einzelhandel, in der Hightech‑Industrie, in Lagerhaltung und
Logistik sowie in der Automobilbranche.
Physical AI unterstützt
zudem die notwendige Agilität für langfristige Reindustrialisierung. Nahezu die
Hälfte der Führungskräfte nennt eine höhere Flexibilität als zentralen Nutzen,
insbesondere durch die Möglichkeit, Produktionssysteme und Arbeitsabläufe
schneller neu zu konfigurieren als das mit klassischer Robotik oder starrer
Automatisierung möglich ist. Darüber hinaus heben mehr als die Hälfte
Verbesserungen bei der Sicherheit sowie eine geringere körperliche Belastung
für Mitarbeitende hervor.
„Robotik bedeutete
bisher Fabrikhallen, geschützte Umgebungen sowie definierte und repetitive
Aufgaben. An einen universellen Einsatz war nicht zu denken. Die
technologischen Durchbrüche im Bereich der künstlichen Intelligenz,
Rechenleistung und Mechanik markieren jetzt einen Wendepunkt. KI ermöglicht es
Systemen nun, nicht nur die Welt zu sehen, sondern sie zu verstehen sowie
adaptiv und autonom zu handeln. Physical AI findet sich in der Welt der
Menschen zurecht und kann mit uns natürlich interagieren“, erklärt Peter
Fintl, Vice President Technology & Innovation bei Capgemini Engineering. „Auch
wenn die Welt derzeit auf die humanoiden Roboter blickt, so liegt der Hebel für
den nutzenstiftenden Einsatz unmittelbar in traditionellen Bauformen wie
automatisierte Transportsysteme, robotische Arme oder kollaborative
semi-stationäre robotische Systeme. Gerade für die europäische und deutsche
Industrie ist es nun wichtig, rasch den Sprung von vereinzelten Demonstratoren
hin zur breiten produktiven Anwendung zu meistern.“
Skalierung von Physical
AI und humanoiden Robotern trotz Herausforderungen
Nahezu zwei Drittel der
Führungskräfte erwartet, dass Physical AI innerhalb der nächsten fünf Jahre den
Sprung von Pilotprojekten zu breiterer Implementierung schafft – auch wenn
derzeit nur 4 Prozent angeben, bereits im großen Maßstab zu operieren. Tatsächlich
bleibt die Skalierung für fast acht von zehn Führungskräften eine
Herausforderung.
Das kurzfristige
Wachstum wird von etablierten Robotik‑Formen getragen. Humanoide Roboter wecken
zwar großes Interesse, stoßen aber weiterhin auf erhebliche Herausforderungen
und gelten daher als langfristige Option: 72 Prozent der Führungskräfte nennen
technologische Unreife wie noch fehlende Zuverlässigkeit und Geschicklichkeit
als Hemmnis, 63 Prozent führen hohe Kosten an und 58 Prozent sehen die
Trainingsanforderungen als Hürde. Zudem ist für mehr als sechs von zehn
Führungskräften der Return on Investment humanoider Roboter derzeit nicht klar
genug. Auch die gesellschaftliche Akzeptanz stellt eine Herausforderung dar.
Mehr als sechs von zehn Führungskräften sehen öffentlichen Widerstand als
kritisches Hindernis für die Einführung humanoider Roboter.
FAQ: Physical AI
1. Was ist Physical AI?
Physical AI bezeichnet Künstliche Intelligenz, die nicht nur digitale Prozesse steuert, sondern in der physischen Welt autonom handeln kann. Im Unterschied zur klassischen Robotik reagiert sie flexibler auf wechselnde Umgebungen und Aufgaben.
2. Warum gilt Physical AI als nächster Entwicklungsschritt in der Robotik?
Weil Physical AI Robotern ermöglicht, ihre Umgebung nicht nur zu erfassen, sondern auch zu verstehen und adaptiv zu handeln. Dadurch werden Anwendungen möglich, die mit starrer Automatisierung bislang technisch oder wirtschaftlich kaum umsetzbar waren.
3. In welchen Bereichen sehen Unternehmen das größte Potenzial für Physical AI?
Besonders großes Potenzial sehen Unternehmen in Hightech, Lagerhaltung und Logistik sowie in der Landwirtschaft. Hinzu kommen Einsatzfelder wie Fertigung, Gesundheits- und Pflegebereich, Mikro-Logistik, Feldinspektionen und gefährliche Tätigkeiten.
4. Welche Herausforderungen bremsen die Skalierung von Physical AI?
Die größte Hürde ist laut Studie die Skalierung von Pilotprojekten in den breiten produktiven Einsatz. Bei humanoiden Robotern kommen weitere Probleme hinzu, etwa technologische Unreife, hohe Kosten, aufwendiges Training, ein unklarer Return on Investment und gesellschaftliche Akzeptanz.