In der Industrie 4.0 ist Messtechnik unverzichtbar: Ohne nachvollziehbare, reproduzierbare Messdaten sind vernetzte Fertigung, automatisierte Qualitätssicherung oder digitale Zwillinge undenkbar. In diesem Zusammenhang hat sich GTM zum Ziel gesetzt, Mehrkomponenten-Messtechnik smart zu machen. Damit sich Anwender auf das Wesentliche konzentrieren können – das Messen.
Marcel RichterMarcelRichterMarcel RichterGeschäftsführer, GTM Testing and Metrology
4 min
Blick in das Kalibrier-Laboratorium von GTM in Bickenbach – 2005 erhielt die Einrichtung als erste ihrer Art weltweit die Akkreditierung für Mehrkomponentenaufnehmer nach DIN EN ISO/IEC 17025 – der Richtlinie, in der die Anforderungen an die Kompetenz von Kalibrierlaboratorien definiert sind.GTM Testing and Metrology
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Die
Realität in Maschinen, Prüfständen und Anlagen ist selten ideal, und Kräfte
wirken nie nur in eine einzige Richtung. Das weiß auch Paul Zolnierek, einer
der beiden Geschäftsführer von GTM: „Ein klassischer, linearer Kraftsensor, wie
er in konventionellen Prüfanordnungen vorkommt, misst hochpräzise, aber nur in
eine Richtung. Allerdings treten in der Praxis fast immer Querkräfte und
Momente auf, die außerhalb der idealen Kraftrichtung wirken. Das lässt sich
kompensieren oder miteinbeziehen, bloß ignorieren darf man es nicht, denn dann
misst man im besten Fall nur einen Teil der Wahrheit.“
Einachsige
Kraftsensoren sind seit Jahrzehnten präzise und bewährt, und es gibt viele
Gründe, weshalb sie noch längst nicht ausgedient haben. Doch sie bilden nur
einen Ausschnitt des tatsächlichen Kraftgeschehens ab. Anders die Mehrkomponentenaufnehmer
(MKA): Sie können Kräfte und Momente in allen drei Raumachsen erfassen, bis zu
sechs Komponenten gleichzeitig. Das Ergebnis ist ein vollständiges,
physikalisch sauberes Bild des Systems, in dem sie integriert sind.
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Die Ära der
Mehrkomponentenaufnehmer ist da
Das
ist besonders von Bedeutung in Prüfständen, in denen komplexe Belastungen
wirken, wie es sie zum Beispiel im Bereich Automotive für Reifen- und
Fahrwerkstests gibt. Der Vorteil liegt darin, dass ein MKA, anders als ein
einachsiger Sensor, auch Querkräfte und Momente erkennt und misst, die immer
auch einen Einfluss auf diejenige Kraft haben, die eigentlich von Interesse ist.
„Sobald ich diese Querkräfte kenne, kann ich sie kompensieren“, erläutert Paul
Zolnierek. „Das geschieht über eine sogenannte Kompensationsmatrix, die alle
Einflussgrößen mathematisch bereinigt. So bekomme ich den reinen, kompensierten
Wert in der Achse, die mich interessiert.“
Diese
Matrix wird mithilfe einer Hochpräzisions-Kalibrieranlage ermittelt. GTM hat
dabei den Vorteil, eine leistungsstarke MKA-Kalibriereinrichtungen zu besitzen.
Mit dem 4,5 m3 großen Prüfraum bietet sie genug Platz auch für größere
Prüfstücke und hat einen sehr weiten Messbereich. Sie arbeitet außerdem vollautomatisch,
teils sogar 'mannlos' und über Nacht. Das spart viel wertvolle Zeit und Geld.
Die Messunsicherheit der MKA-Messeinrichtung liegt bei 0,1 %, ein Spitzenwert.
Sie kann Kräfte von 4 bis 500 kN axial und 2 bis 200 kN quer präzise messen, Momente
misst sie zwischen 2 und 50 kN·m. Die Hexapode, wie GTM die Einrichtung kurz nennt,
ist ein wichtiger Bestandteil, wenn es darum geht, die Weichen in Richtung
smarte Messtechnik zu stellen, vor allem mit Fokus auf die
Mehrkomponentenaufnehmer.
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Aktuelle Mehrkomponentenaufnehmer von GTM (rechts Messplattform Serie MPF, links Serie MKA) messen mehrere Kräfte und Momente entlang verschiedener Vektorachsen gleichzeitig.GTM Testing and Metrology
Diese
erhalten eine immer größere Bedeutung und kommen in den aktuellen Schlüssel-
und Hightech-Branchen vermehrt zum Einsatz. Besonders in der Automobilindustrie
haben sie neue Maßstäbe gesetzt: Hier ermöglichen MKA-Plattformen, eine
besondere Bauweise von Mehrkomponentensensoren, die vollständige Erfassung
komplexer Belastungsszenarien an Reifen, Bremsen oder Fahrwerkskomponenten.
Ein
stark wachsendes Feld ist die Robotik. Roboter, die Kräfte 'fühlen' und
interpretieren können, sind nicht nur präziser, sondern auch sicherer im
Zusammenspiel mit Menschen. Paul Zolnierek: „Wenn ein Roboter weiß, welche
Kräfte in welcher Richtung wirken, kann er sensibler reagieren – fast so, als
hätte er ein Tastgefühl. Die Messung mit MKA ist ein Schlüssel, um Robotern
echtes Feedback zu geben.“
Weitere
Einsatzbereiche reichen von der Luft- und Raumfahrt über die Medizintechnik und
bis zur Wissenschaft und Forschung – etwa bei der Physikalisch-Technischen
Bundesanstalt (PTB) oder in Fraunhofer-Instituten, wo Grundlagen für künftige
Normen geschaffen werden.
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Wie MKA-Messtechnik smart wird
– und kosteneffizienter
Doch
worin besteht das Neue, an dem GTM aktuell arbeitet? „Was wir aktuell entwickeln
und woran wir arbeiten, ist die konsequente Integration der nötigen Elektronik
direkt in den Mehrkomponentensensor“, erläutert der GTM-Geschäftsführer.
Üblicherweise befinden sich in klassischen Messanordnungen die nötigen
Messverstärker im Schaltschrank, mehrere Meter entfernt vom Aufnehmer. Das
verursacht nicht nur Signalverluste, die zu verfälschten Ergebnissen führen
können, sondern auch enorme Verkabelungskosten, denn: „So eine Verkabelung ist
keine Wald-und-Wiesen-Elektroleitung“, laut Paul Zolnierek. „Es sind hochpräzise
Sensorleitungen, und bei sechs Achsen müssen Sie jede einzeln führen. Zehn
Meter Kabel pro Leitung, das summiert sich – finanziell und technisch.“ Wenn es
aber gelingt, den Verstärker direkt in den Sensor zu integrieren, gibt es einen
gleich doppelten Spareffekt, für Kosten und Genauigkeitsverluste. Und noch dazu
potenziell deutlich präzisere Ergebnisse.
„Wir
nennen unser Konzept Plug & Measure“, fährt Zolnierek fort. „Unser Kunde
erhält ein All-inclusive-Gerät, komplett vorkalibriert und kompensiert, mit der
größtmöglichen Präzision, die unsere MKA-Messeinrichtung bietet. Ein digitales
Ausgangssignal liefert direkt die berechneten Messwerte. Damit nehmen wir dem
Anwender viele Stolpersteine ab. Er muss keine Kompensationsmatrix mehr manuell
einpflegen, keine Verstärker konfigurieren, man kann keine Leitungen verwechseln.
Stromversorgung und digitale Schnittstelle anschließen – fertig. Das ist unser
Weg zur intelligenten MKA-Messtechnik.“
Auch
bei den sogenannten aufgelösten Systemen, die für besonders komplexe Messungen
oder in großen Prüfständen zum Einsatz kommen, ist der von GTM verfolgte Ansatz
vielversprechend und sogar leichter zu realisieren, denn: Solche Systeme sind
größer als einzelne, monolithische MKA, mit Abmessungen bis zu 2 x 2 m groß.
Typischerweise sind es OEM-Anwendungen, bei denen solche Messplattformen zum
Einsatz kommen. Immer von GTM angepasst an die Bedürfnisse des Kunden, aber
letztlich alle mit exakt der gleichen Funktion, nämlich alle Kräfte und alle
Drehmomente in allen drei Achsen präzise zu erfassen.
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Paul
Zolnierek: „Bisher war es so: Der Kunde bestellt bei uns seine Messplattform
und erhält vereinfacht gesagt ein sehr großes Stück Metall, dazu ein Stück
Papier mit den Werten für die Kompensationsmatrix. Diese Plattform schließt er
dann an einen Messverstärker an. Bei den monolithischen MKA gehen wir bei GTM
den Weg der sensornahen Lösung, bringen also die Elektronik so nah an den
Sensor wie möglich. Bei den Messplattformen können wir aufgrund des großen
Bauraums die Elektronik in der Plattform integrieren.“
DCC – der digitale
Kalibrierschein als Datenpaket
Ein digitaler Kalibrierschein (DCC) verspricht große Vorteile, wenn besonders große Datenmengen oder komplexe Daten anfallen, die miteinander in Beziehung stehen – wie bei der Bauteil- und Strukturprüfung, in Prüfständen der Automobilindustrie oder in der Robotik.GTM Testing and Metrology / Stock.adobe.com - piai
Stichwort
Papier und Kompensationsmatrix: Es lohnt sich zu wissen, dass aktuell eine
Entwicklung stattfindet, mit denen die Kraft- und Momentenmessung einen großen
Sprung in Richtung Anwenderfreundlichkeit machen wird. Der digitale
Kalibrierschein (DCC) wird perspektivisch den Papiernachweis ablösen. Nicht nur
für GTM ist das ein logischer Schritt: Da die Sensoren ohnehin digital
kommunizieren, können und sollten die Kalibrierdaten künftig direkt in der
Elektronik abgelegt sein. „Technologisch ist das längst kein Hexenwerk mehr,
sondern im Grunde ein digital abgelegtes, maschinell lesbares pdf“, so Paul
Zolnierek. „Die Kunst besteht jedoch darin, für alle Anwender weltweit
verbindliche Normen zu finden. Da sind die beteiligten Akteure schon weit
vorangeschritten, aber es ist noch ein Stück Weg zu gehen.“
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Auch Mehrkomponentenaufnehmer
werden nicht über Nacht alle bestehenden Systeme ersetzen. Bei GTM geht man aber
davon aus, dass die Zukunft den MKA gehört, denn sie liefern mehr Informationen
und mehr Möglichkeiten, Prozesse zu verstehen und zu optimieren. Während
einachsige Sensoren weiterhin in Anwendungen ihren Platz haben, in denen es um
höchste Präzision oder um sehr große Kräfte geht, erschließen MKA neue
Erkenntnisse über all das, was sich noch im Verborgenen befindet.
„Wir werden
weiterhin viele einachsige Sensoren verkaufen“, so der GTM-Chef, „aber wann
immer sich die Gelegenheit bietet, stoße ich unsere Kunden zum Nachdenken an
und frage sie, ob sie sich wirklich sicher sind, ihre Anlage vollständig zu
kennen. Denn schaut man genauer hin, zeigt sich oft, dass Querkräfte oder Biegemomente
eine größere Rolle spielen als vermutet. Und ein ums andere Mal lässt sich der
Kunde überzeugen, es mit einem MKA-System zu versuchen.“
Ausblick
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Die Kombination
von Mehrkomponentenaufnehmern mit integrierter Elektronik, automatisierter
Kalibrierung und dem DCC wird einen neuen Standard in der Messtechnik markieren.
Es wird möglich sein, komplexe Systeme noch besser zu verstehen, dabei die Kosten
zu reduzieren und die Präzision zu steigern. Anwender erhalten ein
intelligentes, komplett vorkonfiguriertes Messsystem – schnell einsatzbereit,
präzise und digital vernetzt. Ein Schritt mit dem Potenzial, viele Branchen der
Industrie und auch die Wissenschaft nachhaltig zu verändern.
1. Was sind Mehrkomponentenaufnehmer (MKA)? Mehrkomponentenaufnehmer sind Sensoren, die Kräfte und Momente nicht nur in einer Richtung, sondern in allen drei Raumachsen erfassen können. Damit messen sie bis zu sechs Komponenten gleichzeitig und liefern ein vollständigeres Bild der realen Belastungen in Maschinen, Prüfständen und Anlagen.
2. Warum sind MKA in der Industrie 4.0 so wichtig? In vernetzten Produktionsumgebungen sind präzise und reproduzierbare Messdaten unverzichtbar. MKA helfen dabei, auch Querkräfte und Momente sichtbar zu machen, die bei einachsigen Messungen oft unberücksichtigt bleiben. So tragen sie zu einer besseren Qualitätssicherung, genaueren Analysen und einem tieferen Systemverständnis bei.
3. Welchen Vorteil bieten MKA gegenüber klassischen einachsigen Kraftsensoren? Einachsige Sensoren messen sehr präzise, aber nur entlang einer einzigen Kraftrichtung. In der Praxis wirken jedoch fast immer zusätzliche Querkräfte und Momente. MKA können diese miterfassen und über eine Kompensationsmatrix mathematisch bereinigen. Das Ergebnis sind genauere und physikalisch sauberere Messwerte.
4. Was bedeutet bei GTM das Konzept „Plug & Measure“? Mit „Plug & Measure“ verfolgt GTM das Ziel, die notwendige Elektronik direkt in den Mehrkomponentensensor zu integrieren. Dadurch entfallen aufwendige externe Messverstärker, komplexe Verkabelung und manuelle Einstellungen. Der Anwender erhält ein vorkalibriertes, kompensiertes System mit digitalem Ausgangssignal, das sich deutlich einfacher und sicherer in Betrieb nehmen lässt.
5. Welche Rolle spielen digitaler Kalibrierschein (DCC) und automatisierte Kalibrierung für die Zukunft? Der digitale Kalibrierschein soll den Papiernachweis künftig ersetzen und Kalibrierdaten maschinenlesbar direkt in der Elektronik verfügbar machen. In Kombination mit automatisierter Kalibrierung und integrierter Sensor-Elektronik entsteht so ein intelligentes, digital vernetztes Messsystem, das präziser, anwenderfreundlicher und kosteneffizienter ist.