Die Speaker der Automation NEXT Conference 2026 im Interview
„Auch in Europa müssen wir uns nicht verstecken“
„Next-Gen-Robotik“ ergänzt Sense & Act um Think: KI macht Roboter lernfähig, flexibel und stark in variantenreichen Umgebungen. Marc Schauss vom Fraunhofer IPT erklärt, warum Europa im globalen Wettbewerb mithält – und wo sich neue Automatisierungspotenziale konkret erschließen.
Philip BittermannPhilipBittermannEditor-in-Chief neue verpackung / Automation NEXT
4 min
KI-gestützte Robotik erweitert klassische Automatisierung um lernfähige, kontextbewusste Systeme.OpenAI
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Redaktion: Herr Schauss, „Robotik der nächsten Generation“ ist ein viel verwendeter Begriff – was genau unterscheidet diese von klassischer Industrie-Robotik?
Marc Schauss, Strategisches Technologiemanagement, Fraunhofer IPTFraunhofer IPT
Marc Schauss: Klassische Industrieroboter lassen sich vereinfacht über zwei Komponenten beschreiben: „Sense“ und „Act“. In der Regel führen sie vorab von Expertinnen und Experten programmierte Instruktionen aus, meist für repetitive Tätigkeiten in statischen, klar definierten Produktionsumgebungen. Ihre Stärken liegen vor allem in hoher Geschwindigkeit, hoher Präzision und großer Prozessstabilität beziehungsweise einer sehr geringen Ausfallwahrscheinlichkeit. Besonders sinnvoll sind klassische Industrieroboter dort, wo hohe Stückzahlen bei geringer Variantenvielfalt produziert werden. An ihre Grenzen stoßen sie jedoch bei Montagetätigkeiten, feinmotorischen Aufgaben, komplexen Handlingprozessen oder variantenreichen Produkten in einer veränderlichen Umgebung.
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Genau hier setzt die Robotik der nächsten Generation an. Vereinfacht gesagt ergänzt sie zwischen „Sense“ und „Act“ die Komponente „Think“. Das bedeutet: Roboter der nächsten Generation können sich in dynamischen Produktionsumgebungen selbstständig orientieren, ihre Umgebung erfassen und verstehen und ihr Handeln eigenständig an die jeweiligen Bedingungen anpassen. Bei neuen Aufgaben ist daher nicht mehr zwingend eine vollständige klassische Neuprogrammierung durch Expertinnen und Experten erforderlich, sondern es rücken die Lernprozesse und das Training der Roboter in den Vordergrund. Man kann die Robotik der nächsten Generation deshalb vor allem durch kognitive und kontextbewusste Fähigkeiten beschreiben. Gleichzeitig verändert sich auch die Hardware und die Roboterform: etwa durch kraftsensitive Getriebe, kompakte Antriebssysteme auf minimalem Bauraum oder präzise, multisensorische Greiftechnologien, mit denen sich auch empfindliche oder variierende Objekte zuverlässig handhaben lassen.
Redaktion: Wie stellt sich die aktuelle Marktlandschaft dar – welche Anbieter und Ansätze prägen die Entwicklung?
Schauss: Unsere am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie IPT erst kürzlich durchgeführte Analyse der Marktlandschaft zu KI-gestützter Robotik beziehungsweise Robotik der nächsten Generation zeigt, dass drei Regionen die Entwicklung von KI-gestützten Robotern, leistungskritischen Komponenten und Software für Robotik-Intelligenz maßgeblich vorantreiben: Asien, Nordamerika und Europa.
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Mit Blick auf Asien prägt insbesondere China den asiatischen Raum mit einer sehr hohen Dichte an Herstellern KI-gestützter Roboter. Shenzhen als Robotik-Hub bringt relevante Akteure der Wertschöpfungskette zusammen, wodurch kurze Entwicklungszyklen und eine schnelle Industrialisierung realisiert werden können. Relevante chinesische Unternehmen sind unter anderem Unitree Robotics, Agibot oder Deeprobotics. Darüber hinaus gibt es allerdings noch eine Reihe weiterer chinesischer Anbieter.
In Nordamerika sehen wir namhafte Hersteller KI-gestützter Roboter, unter anderem Boston Dynamics, Figure AI, Tesla oder Apptronik, die zum Teil auch schon erfolgreich im industriellen Kontext mit unterschiedlichen Use Cases pilotiert werden. Darüber hinaus weist Nordamerika einzigartige Stärken im Bereich der Softwarefähigkeiten auf, etwa mit Blick auf Robotik-Intelligenz durch beispielsweise Google Deepmind oder Robotik-Simulation und Training durch beispielsweise Nvidia.
Aber auch in Europa müssen wir uns nicht verstecken: Unternehmen wie Neura, das mit bis zu 1,4 Mrd. US-Dollar erst kürzlich die größte Finanzierungsrunde für ein Full-Stack-Robotikunternehmen abgeschlossen hat, Agile Robots, Humanoid oder Robco zeigen, dass auch in Europa leistungsfähige KI-gestützte Roboter entwickelt werden können. Außerdem sehen wir eine europäische Stärke in einem ausgewogenen Ökosystem aus Roboterherstellern, Komponentenherstellern, Softwareentwicklern und Anwendern. Die Entwicklung der Robotik der nächsten Generation kann hier in einem etablierten Automatisierungsnetzwerk vorangetrieben und wiederum in produzierenden Unternehmen mit manuellen Montage- und Handlingsanteilen angewendet werden. Erste strategische Entwicklungspartnerschaften zwischen Komponentenherstellern und Herstellern KI-gestützter Roboter wurden bereits geschlossen. Auch für den großen Teil der KMU bieten sich attraktive Möglichkeiten, den Automatisierungsgrad ihrer Produktions- und Montageprozesse in schwer automatisierbaren Bereichen zunehmend zu erhöhen und sich als strategische Partner zu positionieren.
Redaktion: Wo sehen Sie das größte Potenzial jenseits klassischer Automatisierungsaufgaben?
Schauss: Ein großes Anwendungspotenzial KI-gestützter Roboter liegt meines Erachtens in der Automatisierung manueller Montage- und Handlingaufgaben, beispielsweise bei der manuellen Teilebereitstellung, der optischen Qualitätsprüfung, der Endmontage oder dem Verpacken.
Im industriellen Umfeld lassen sich bereits erste Piloten beziehungsweise Use Cases beobachten, etwa in der Maschinenbestückung, bei automatisierten Logistikaufgaben und im Materialtransport sowie bei einfachen Montagetätigkeiten. Natürlich bestehen hier häufig noch Limitationen, insbesondere mit Blick auf die Mensch-Roboter-Interaktion und die Komplexität der Aufgaben. Auch finden die Use Cases zum Teil noch in kontrollierten, wenig dynamischen Umgebungen statt. Weitere Potenziale sehe ich in der automatisierten Datenerfassung, Datenauswertung und Datenbereitstellung in schwer zugänglichen oder gefährlichen Bereichen. Dort muss die Roboterform nicht unbedingt einem bipedalen oder radbetriebenen Humanoiden ähneln. Durch den möglicherweise geringeren Anteil an Manipulationsaufgaben werden hier bevorzugt Quadrupeden eingesetzt, die auch in unwegsamem Gelände oder auf Treppen eingesetzt werden können.
Redaktion: Wie gut lassen sich neue Robotiklösungen in bestehende Anlagen und IT-/OT-Strukturen integrieren?
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Schauss: Meines Erachtens lassen sich Roboter der nächsten Generation grundsätzlich gut integrieren, weil sie gerade für bestehende, menschenzentrierte Produktionsumgebungen interessant sind. Perspektivisch können KI-gestützte Roboter dort zunehmend autonom agieren und bestehende Prozesse gezielt ergänzen. Ich sehe daher ein großes Potenzial darin, schwer automatisierbare Prozesse in unstrukturierten und variantenreichen Produktionsumgebungen mit vertretbarem Aufwand zu automatisieren, ohne Produktionsprozesse oder Maschinen grundlegend neu auslegen zu müssen.
Um jedoch das volle Potenzial auszuschöpfen, bedarf es einer guten Konnektivität. Roboter müssen Informationen untereinander sowie mit bestehenden IT-/OT-Systemen austauschen können. Die Datengrundlage muss dafür konsistent und in hoher Qualität vorliegen. Bei einigen Pilotprojekten wurden daher bewusst Produktionswerke ausgewählt, in denen bereits eine sehr gute Datengrundlage vorhanden ist oder in denen eine gezielte Anbindung an ERP-Systeme vorgenommen wurde, um einen automatisierten Informationsaustausch zu ermöglichen.
Fraunhofer-IPT-Beitrag über KI-gestützte Robotik in der Produktion
Auf der Seite des Fraunhofer IPT erschien kürzlich ein
Beitrag, der einzelne Aspekte des Interviews noch einmal vertieft. Unter anderem
geht er darauf ein, warum klassische Industrierobotik zunehmend an ihre Grenzen
stößt: Sie ist vor allem für standardisierte Serienprozesse in stabilen
Umgebungen ausgelegt, während KI-gestützte Robotik dieses Modell grundlegend erweitert.
Redaktion: Ist die Einführung der nächsten Generation nun auch der Punkt, an dem kollaborative Robotik vom Nischen-Dasein in die breite Anwendung kommt?
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Schauss: Hier besteht meines Erachtens durchaus Potenzial, dass kollaborative Robotik durch physische KI noch einmal einen deutlichen Schub bekommt. Robotik-Intelligenz ist dabei nicht auf einzelne Roboterformen beschränkt. Von beispielsweise Vision-Language-Action-Modellen können somit auch kollaborative Roboter oder autonome mobile Manipulatoren in industriellen Umgebungen profitieren. Sie können dadurch Aufgaben zunehmend autonom ausführen und die Anlernphase reduzieren – mit deutlich reduziertem klassischem Programmierungsaufwand durch Expertinnen und Experten.
Redaktion: Für wen lohnt sich Ihr Vortrag besonders?
Schauss: Der Vortrag richtet sich insbesondere an Anwender KI-gestützter Roboter. Für sie wollen wir etwas Licht ins Dunkel bringen und über die aktuelle Dynamik, technologische Entwicklungen sowie konkrete Machbarkeiten informieren. Besonders interessant ist der Vortrag daher für Unternehmen, die prüfen möchten, wo und wie Robotik der nächsten Generation in ihren Produktions- und Montageprozessen sinnvoll eingesetzt werden kann.
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Automation NEXT Conference 2026
Datum: 30. September 2026
Ort: CU.BE Ulm by Bosch Rexroth, Ulm
Die Automation NEXT Conference ist die Fachkonferenz für industrielle Automatisierung, Digitalisierung und KI im Maschinen- und Anlagenbau.
Sie richtet sich an Entscheider, Produktions- und Automatisierungsverantwortliche sowie Entwickler, die ihre Fertigung zukunftsfähig aufstellen möchten. Im Fokus stehen praxisnahe Vorträge, Best Practices und der Austausch zwischen Industrie, Technologieanbietern und Forschung.
Themenschwerpunkte:
• Künstliche Intelligenz und generative Copilots im Engineering und in der Produktion
• Cobots und kognitive Robotik zur Bewältigung des Fachkräftemangels
• Smart Factory, IIoT, Industrial Networks und MES-Systeme
• Energieeffizienz, Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit
Teilnehmer:
Fach- und Führungskräfte aus industrieller Automatisierung, Produktion und Maschinenbau sowie Expert:innen aus Forschung und Technologieunternehmen.
Besonderheiten:
• Hochkarätige Speaker aus Industrie und Forschung
• Ein kompakter Konferenztag mit starkem Praxisbezug
• Intensives Networking und direkter Austausch auf Augenhöhe