Der nächste Schritt zur selbstoptimierenden Fabrik
GenAI, Agentic AI und Physical AI eröffnen Fertigungsunternehmen den Weg zur adaptiven, zunehmend autonomen Fabrik. Damit daraus messbarer Mehrwert entsteht, braucht es standardisierte Daten, passende Modelle, Edge-Integration, klare Governance und konsequente Weiterbildung – vom Shopfloor bis zur Lieferkette.
Jochen GemeinhardtJochenGemeinhardtHead of Production & Supply Chain, NTT Data DACH
3 min
Neue KI-Technologien wie GenAI, Agentic AI und Physical AI ermöglichen Fertigungsunternehmen den Schritt zu intelligenteren, adaptiven und zunehmend autonomen Produktionsprozessen.Stock.adobe.com - Gorodenkoff
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GenAI, Agentic AI und Physical AI sind mehr als nur die
nächste Welle der digitalen Transformation. Sie werden Entscheidungsprozesse
und Betriebsabläufe neu gestalten und damit die Möglichkeiten entlang der
gesamten Wertschöpfungskette in der Fertigung erweitern. Fertigungsunternehmen können
mit den neuen KI-Merkmalen intelligente Modelle in großem Maßstab in ihre
Kerngeschäftsprozesse integrieren. Damit besteht die Möglichkeit, traditionelle
Geschäftsprozesse mit intelligenten Systemen zu transformieren, die die
Produktion optimieren und gleichzeitig Innovation und Nachhaltigkeit fördern – und
das bei deutlich reduziertem Trainingsaufwand.
Die steigende Bedeutung von
GenAI unterstreicht auch die Studie „Von der Fertigungshalle ins KI-Zeitalter“ von NTT Data. 64 Prozent der
befragten Führungskräfte sehen in generativer KI einen Game Changer und 95
Prozent gehen von einer direkten Verbesserung von Effizienz und Performance
aus. 91 Prozent sind davon überzeugt, dass digitale Zwillinge in Kombination
mit GenAI sowohl die physischen Anlagen performanter als auch die Lieferketten
robuster machen. Nicht zuletzt meinen auch 96 Prozent, dass GenAI die
Kreativität fördern und die Innovationskraft stärken kann.
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Doch wie ist der Stand der
Dinge? Viele Fertigungsunternehmen verfügen zwar über Produktionsstraßen mit
Automatisierungslösungen, breit skalierte GenAI-Projekte sind allerdings nach
wie vor die Ausnahme. Gerade wenn es um den Shopfloor oder die Einbindung der
kompletten Lieferkette in KI-optimierte Prozesse geht, besteht noch
Handlungsbedarf. Teilweise dominiert bei der Umsetzung von KI-Projekten auch
eine zögerliche Haltung. Das mag bei rein regelbasierten Maschinen und Prozessen,
für die GenAI zu ungenau ist, berechtigt sein. In allen anderen Fällen sollte die
Industrie jedoch die neuen KI-Chancen im Hinblick auf die Wettbewerbs- und
Innovationsfähigkeit ergreifen.
Die Vorarbeiten
Klar ist aber auch, dass die
Einführung von neuen KI-Lösungen mit technischen und organisatorischen
Herausforderungen verbunden ist. Unerlässlich ist eine konsistente Datenbasis,
die zudem zielgenau als Kontext den GenAI-Modellen bereitgestellt werden muss. Das
heißt, Prozess-, Maschinen- und Qualitätsdaten müssen standardisiert,
zugänglich und verknüpft sein. Um eine Entscheidungsfähigkeit in Echtzeit zu
gewährleisten, müssen zudem Agenten in MES (Manufacturing Execution System)-
und SCADA (Supervisory Control and Data Acquisition)-Lösungen eingebunden sein.
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Wichtige Entscheidungen
betreffen auch die Infrastruktur und die KI-Modelle. Zunächst muss beachtet
werden, dass Foundation-Modelle für GenAI enorme Rechenressourcen benötigen. Viele
Unternehmen gehen im Hinblick auf diese Herausforderung den Weg einer
Kombination von Private-Cloud-Systemen für vertrauliche Betriebsdaten und
Public-Cloud-Kapazitäten für rechenintensive Trainingsläufe. Die Echtzeit-Entscheidungen
erfolgen dann meistens lokal in der Fertigungslinie und Edge-Umgebung.
Bei den KI-Modellen dominieren
derzeit die auf generischen Informationen basierenden großen Sprachmodelle
(LLMs) wie Open AI GPT, Anthropic Claude und Google Gemini den Markt. Für die spezifischen
Anforderungen im Fertigungsbetrieb, in dem unter anderem auch 3D-Modelle,
CAD-Dateien und Sensordaten mit Parametern wie Luftfeuchtigkeit, Schaltplänen,
Industrie- und Umweltstandards berücksichtigt werden müssen, sind sie
allerdings weniger gut geeignet. Hier bieten sich stattdessen spezielle
industrielle Foundation-Modelle (IFMs) an, die aufgabenspezifisch optimiert
sind. Auch kleine Sprachmodelle (SLMs) sind insbesondere für den Einsatz auf
Edge-Geräten eine sinnvolle Lösung. Durch sie entfällt die mit der
cloudbasierten Verarbeitung verbundene Latenz und Entscheidungen können nahezu
in Echtzeit getroffen werden.
Jochen Gemeinhardt ist Head of Production & Supply Chain bei NTT Data DACH.ULI PLANZ
Zu den erforderlichen
organisatorischen Maßnahmen gehört die Etablierung einer GenAI-Governance mit
klaren Richtlinien und der Definition ethischer Leitplanken. Ebenso wichtig ist das Training der Mitarbeitenden im
Umgang mit KI. In dem sich ständig weiterentwickelnden KI-Umfeld sollte Weiterbildung
ein kontinuierlicher Prozess sein.
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Die neuen Möglichkeiten von
GenAI und Agentic AI
Während die „klassische“ KI in
der industriellen Umgebung vor allem in der Mustererkennung, Qualitätskontrolle
und bei Predictive Maintenance bereits integraler Bestandteil vieler Betriebe
ist, bringt GenAI eine neue Qualität ins Spiel. Wenn GenAI erfolgreich in die
Kerngeschäftsprozesse integriert wird, kann sie zum Beispiel komplexe Betriebsabläufe
automatisieren, Ausfälle von Anlagen genauer prognostizieren, Lieferketten
optimieren und die Produktentwicklung beschleunigen.
Genau wie GenAI in vielen
Bereichen die Leistung traditioneller KI übertrifft, verstärkt Agentic AI die
Wirkung von GenAI. Leistungsstarke autonome Entscheidungsfindung,
Handlungsausführung und Anpassungsfähigkeit verbinden sich mit Orchestrierung,
Koordination und Management, um GenAI auf das nächste Level zu heben. Agentic
AI handelt selbstständig im Rahmen definierter Zielvorgaben – von der
automatischen Anpassung der Maschinenparameter bis zur Durchführung komplexer
Troubleshooting-Prozesse ohne menschliches Eingreifen. In Fertigungslinien, die
mehrere Produktvarianten parallel bearbeiten, können mehrere Agenten
koordiniert agieren. Sie stimmen sich untereinander über Ressourcen wie
Maschinenzeit oder Werkzeugwechsel ab und optimieren die Reihenfolge der
Arbeitsschritte. So entsteht ein adaptives Produktionssystem, das auf
schwankende Auftragsvolumina oder geänderte Kundenanforderungen in Echtzeit
reagieren kann.
Physical AI als neue Stufe
der Automatisierung
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Physical AI schließlich ermöglicht
die Interaktion mit der physischen Welt und erweitert generative KI-Modelle um
das Verständnis räumlicher Beziehungen, des Materialverhaltens und
physikalischer Gesetzmäßigkeiten. Vereinfacht ausgedrückt werden dabei menschliche
Wahrnehmungen und Erfahrungen auf die Anlagen übertragen, und zwar nicht nur
bezogen auf einzelne Maschinen, sondern im Hinblick auf eine komplette
Fertigungsstraße. Physical AI kann Tausende an Informationen im Bruchteil einer
Sekunde aufnehmen und auf dieser datengetriebenen Basis dann beispielsweise
Warnungen ausgeben oder sogar eigenständig Maßnahmen einleiten.
In Kombination mit einem
digitalen Zwilling, also der präzisen Abbildung einer Maschine, eines Roboters oder
einer Fabrikhalle im virtuellen Raum, können die KI-Systeme dann außerdem anhand
von Simulationen lernen, wie sie in realen Räumen sicher navigieren, Objekte
greifen oder kollisionsfrei mit Menschen zusammenarbeiten. Für
Fertigungsbetriebe bedeutet das: Ein kollaborativer Roboter assistiert bei
Montagen, indem er menschliche Bewegungen vorausschauend antizipiert.
Auch wenn die Nutzung von
GenAI, Agentic AI und Physical AI in einem Fertigungsunternehmen viele Vorteile
verspricht, ist die Einführung kein Selbstläufer. Hier kann die Einbindung eines
externen auf die Themen spezialisierten Dienstleisters aus mehreren Gründen
sinnvoll sein. Er bringt die notwendige technologische und fachliche Expertise
mit und kann als unabhängiger Berater bei der Lösungsauswahl fungieren. Darüber
hinaus unterstützt er Unternehmen etwa bei der Use-Case-Identifikation, dem
Datenmanagement oder der IT-Integration. Auf diese Weise können
Fertigungsbetriebe Fehlinvestitionen vermeiden und relativ schnell einen Mehrwert
aus dem Einsatz von neuen KI-Lösungen generieren, sodass sie auf dem Weg zur Vision
einer autonomen Fabrik einen entscheidenden Schritt vorankommen.
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FAQ: KI-basierte Automatisierung in der Fertigung
1. Welche Rolle spielt KI heute bereits in der Fertigung? KI wird in der Fertigung schon länger eingesetzt, vor allem für Predictive Maintenance, Qualitätskontrolle und Mustererkennung. Machine-Learning-Verfahren analysieren historische Daten, erkennen Anomalien und unterstützen dabei, Ausfälle frühzeitig vorherzusagen.
2. Was verändert generative KI in der Produktion? Generative KI erweitert klassische KI-Anwendungen deutlich. Sie kann komplexe Betriebsabläufe automatisieren, Lieferketten optimieren, die Produktentwicklung beschleunigen und Fertigungsunternehmen dabei helfen, effizienter, innovativer und nachhaltiger zu produzieren.
3. Warum sind Agentic AI und Physical AI für die Industrie relevant? Agentic AI kann im Rahmen definierter Ziele selbstständig Entscheidungen treffen und Aktionen ausführen, etwa Maschinenparameter anpassen oder Troubleshooting-Prozesse steuern. Physical AI ergänzt dies um die Fähigkeit, mit der realen Welt zu interagieren und physikalische Zusammenhänge zu berücksichtigen.
4. Welche Voraussetzungen müssen Unternehmen für den KI-Einsatz schaffen? Entscheidend sind eine konsistente und verknüpfte Datenbasis, geeignete KI-Modelle, leistungsfähige Infrastruktur sowie die Integration in MES-, SCADA- und Edge-Umgebungen. Hinzu kommen klare Governance-Regeln und kontinuierliche Weiterbildung der Mitarbeitenden.
5. Ist der Weg zur autonomen Fabrik ein Selbstläufer? Nein. Trotz großer Potenziale erfordert die Einführung von GenAI, Agentic AI und Physical AI technologische, organisatorische und strategische Vorarbeit. Externe Spezialisten können bei Use-Case-Auswahl, Datenmanagement, IT-Integration und Lösungsauswahl unterstützen.