„Deutschland ist ein schlafender Riese mit Weltklasse-Potenzial“
Deutschland verfügt bei KI-Robotik über starke Forschung und industrielle Kompetenz, kämpft aber mit internationalem Tempo, Softwareintegration und Investitionen. Malte Janßen erklärt, wie lernfähige Roboter Produktion und Logistik verändern und warum die Zusammenarbeit von Mensch und Maschine zum Wettbewerbsfaktor wird.
Kathrin VeigelKathrinVeigelRedakteurin Automation NEXT
5 min
KI macht Roboter lernfähig: Kognitive Systeme erkennen ihre Umgebung, passen sich flexibel an neue Aufgaben an und ermöglichen eine intuitive Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine – ein entscheidender Wettbewerbsfaktor für die Industrie.Stock.adobe.com - Riski
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Redaktion: Wie würden Sie den aktuellen Status Quo der KI-Robotik in Deutschland kurz zusammenfassen?
Malte Janßen: Deutschland ist aktuell ein schlafender Riese mit Weltklasse-Potenzial: Wir bauen zwar die präzisesten Maschinen und haben eine exzellente Forschungslandschaft, aber bei der KI-Software-Integration und dem Wagniskapital für Start-ups hinken wir den USA und China weit hinterher. Der Fokus verschiebt sich gerade massiv von reinen Industrierobotern hin zu kognitiven Systemen. Die entscheidende Frage für den Standort Deutschland wird sein, ob wir unsere Ingenieurskunst schnell genug mit mutiger Software-Skalierung verknüpfen können, bevor die internationale Konkurrenz den Markt besetzt.
Bleiben wir doch gleich beim internationalen Markt, speziell den USA und China. Wie würden Sie die Lage im Vergleich zu den beiden Ländern beschreiben?
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Janßen: Wir befinden uns in einem klassischen Zangengriff: Auf der einen Seite dominieren die USA die Software-Ebene und verfügen über einen starken Venture-Capital-Markt, der es ermöglicht Zukunftsvisionen wie humanoide Roboter mit erheblichen Investitionen voranzutreiben. Auf der anderen Seite haben wir China, das den Markt mit unglaublicher Geschwindigkeit, staatlicher Förderung und unschlagbaren Skaleneffekten bei der Hardware flutet. Deutschland hält mit Ingenieursqualität und Zuverlässigkeit dagegen und wir punkten international durch hochspezialisierte wissenschaftsbasierte Technologien, müssen aber aufpassen, dass uns die Konkurrenz bei der schieren Geschwindigkeit der KI-Adaption nicht einfach rechts überholt. Hinzu kommt, dass China aktuell genau in dem Sektor zur Konkurrenz wird, der bislang eine deutsche Kernkompetenz war: dem Maschinenbau. Sowohl im Bereich Maschinen als auch E-Mobilität flutet China den europäischen Markt mit preiswerten Alternativen, was die Lage schwierig gestaltet.
Und wie schlagen sich die deutschen Unternehmen im direkten europäischen Vergleich?
Janßen: Innerhalb Europas ist Deutschland der unangefochtene Taktgeber und das industrielle Kraftzentrum, insbesondere wenn es um die praktische Anwendung – die sogenannte Physical AI – geht. Während Länder wie Frankreich in der theoretischen KI-Modellierung stark aufholen und Skandinavien bei der Agilität punktet, verfügt Deutschland über die europaweit höchste Dichte an Robotern und die meisten installierten Einheiten. Und es kommen immer neu installierte Roboter dazu. So haben wir beispielsweise von 2024 auf 2025 ein Wachstum um vier Prozent erlebt, wie aus dem Report der International Federation of Robotics hervorgeht. Die größte Herausforderung im EU-Vergleich bleibt für deutsche Firmen jedoch die Geschwindigkeit der Digitalisierung und der bürokratische Aufwand des EU AI Acts, der hiesige Innovatoren oft stärker ausbremst als ihre Nachbarn. Denn obwohl der Act für alle Länder gilt, erfolgt seine praktische Umsetzung aus Auslegung auf nationaler Ebene und Deutschland hinkt bei der Digitalisierung von Verwaltung, Infrastruktur und Unternehmensprozessen im europäischen Vergleich hinterher.
Das klingt nach einem harten Wettbewerb. Wo genau sehen deutsche Industrieunternehmen denn die größten Vorteile, wenn sie auf KI-gestützte Robotik setzen?
Janßen: Für die deutsche Industrie liegt der Nutzen von KI-Robotik primär in der Automatisierung gefährlicher, körperlich belastender und monotoner Tätigkeiten. Die Umfrage von reichelt elektronik aus diesem Jahr bestätigt dies: Über die Hälfte der befragten Unternehmen (53 %) nutzen Roboter für körperlich anspruchsvolle Aufgaben. Damit übernehmen Roboter Aufgaben, die für Menschen wenig attraktiv sind oder ein erhöhtes Sicherheitsrisiko mit sich bringen. Gleichzeitig ermöglichen sie eine gleichbleibend hohe Qualität, und führen selbst anspruchsvolle Prozesse mit hoher Präzision und Wiederholgenauigkeit aus. Dadurch lassen sich Fehlerquoten reduzieren, Produktionsabläufe effizienter gestalten und Ressourcen gezielter einsetzen. Der größte technologische Vorteil liegt dabei in der höheren Flexibilität: Dank KI müssen Systeme nicht mehr für jede kleinste Änderung starr umprogrammiert werden, sondern sie können durch Sehen und Lernen mit Variationen in der Produktion umgehen. Dadurch wird Automatisierung erstmals auch für den Mittelstand und kleine Losgrößen wirtschaftlich attraktiv und sichert zugleich die Resilienz heimischer Lieferketten. Allerdings zeigt sich auch ein Paradoxon: Während Robotik Fachkräftelücken abfedern soll, entstehen durch ihre Implementierung neue Engpässe, etwa bei Programmierern und Systemintegratoren.
Malte Janßen ist Product Management Robotics & Electromechanical Components bei Reichelt Elektronik.Reichelt Elektronik
Das eröffnet neue Horizonte. Welche konkreten Einsatzmöglichkeiten entstehen denn jetzt, die früher technisch noch undenkbar erschienen?
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Janßen: Wir verlassen gerade das Zeitalter der starren Automation: Dank KI können Roboter nun erstmals mit Unordnung umgehen, etwa beim sogenannten ‚Griff in die Kiste‘, wo sie ungeordnete Teile eigenständig erkennen und sortieren. Ein riesiges Feld ist die Mobile Manipulation, bei der Roboter nicht mehr festgeschraubt sind, sondern sich frei in Lagerhallen oder Laboren bewegen und dabei komplexe Aufgaben erledigen. Zudem ermöglichen Sprachmodelle eine völlig intuitive Bedienung: Anstatt komplizierten Code zu schreiben, sagen Arbeiter dem Roboter einfach per Sprache, was er tun soll – das macht die Technologie fit für den breiten Einsatz in der Pflege, im Handwerk und sogar in der Gastronomie.
Können Sie das an konkreten Beispielen aus der Logistik und der Industrie festmachen? Wo sehen wir diese Intelligenz heute schon im Einsatz?
Janßen: In der Logistik ist Smart Pick&Place ein Gamechanger: Während Roboter früher an unterschiedlichen Paketgrößen scheiterten, können KI-Systeme heute chaotisch liegende Objekte in Millisekunden scannen, greifen und effizient sortieren – das ist die Basis für das autonome Lager. In der Industrie sehen wir den Durchbruch bei der adaptiven Montage: Ein Roboter erkennt nun eigenständig, wenn ein Bauteil leicht schräg auf dem Band liegt, und korrigiert seinen Greifwinkel in Echtzeit, statt eine Fehlermeldung auszugeben. Ein weiteres Highlight ist die KI-gestützte Qualitätskontrolle, bei der Roboter während des Schweißens oder Lackierens kleinste Abweichungen durch Computer Vision erkennen und sofort gegensteuern, was den Ausschuss in der Automobilproduktion massiv reduziert.
Wenn Roboter heute bereits eigenständig sortieren, montieren und Qualitätskontrollen durchführen können: Welche Anwendungsfelder stehen als Nächstes vor dem Durchbruch – vom Service-Roboter in der Gastronomie über autonome Fahrzeuge?
Janßen: Die Nachfrage nach professioneller Robotik wächst besonders dort, wo Roboter direkt mit Menschen zusammenarbeiten. Wir haben diese Entwicklung in unserem Sortiment abgebildet: Nach Roboterarmen, mobilen Robotern und humanoiden Systemen haben wir zuletzt Service-Roboter aufgenommen – damit bieten wir unseren Kunden nun eine umfassende Palette an Lösungen nebst entsprechender Sensorik an. Diese Service-Roboter kommen beispielsweise in Hotels, Restaurants oder Pflegeeinrichtungen zum Einsatz, wo sie zunehmend selbstständig Aufgaben übernehmen. Auch das autonome Fahren entwickelt sich praktisch weiter. In einigen US-Regionen sind fahrerlose Fahrzeuge bereits im Einsatz. Längerfristig eröffnet diese Technologie auch völlig neue Möglichkeiten in der Weltraumforschung.
Das führt uns zu einem zentralen Punkt: Wie wird KI die Art und Weise, wie wir Menschen mit Robotern zusammenarbeiten, grundlegend verändern?
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Janßen: Wir erleben gerade den Übergang von der Bedienung zur echten Kollaboration. Früher mussten Menschen die Sprache der Maschinen lernen – heute lernt die Maschine die Sprache des Menschen: Dank Large Language Models können Mitarbeiter Robotern künftig einfach per natürlicher Sprache Anweisungen geben oder ihnen Aufgaben durch Vormachen beibringen, statt komplizierten Code zu schreiben. Zudem wird die Interaktion viel sicherer und intuitiver: KI-gestützte Sensoren erkennen nicht nur, dass vor ihm eine Person steht, sondern antizipieren dessen Bewegungen, sodass der Roboter flüssig und vorausschauend mitarbeitet Die Fabrik der Zukunft wird daher nicht von Menschen oder Maschinen allein geprägt sein, sondern von ihrer nahtlosen Zusammenarbeit. Für Deutschland bietet diese Entwicklung die Chance, seine starke industrielle Basis weiter auszubauen, seine führende Rolle in Europa zu behaupten und auch im internationalen Wettbewerb langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.
Herr Janßen, vielen Dank für das interessante Gespräch!
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