So gelingt der sichere Datenaustausch in der Industrie
Entlang der industriellen Wertschöpfungskette entstehen enorme Datenmengen, doch ihr Potenzial bleibt oft ungenutzt. Mit Blick auf den Digitalen Produktpass wird ein sicherer, standardisierter und strukturierter Datenaustausch zur Herausforderung für Unternehmen. Lösungen wie der AAS Dataspace for Everybody vom Fraunhofer IESE schaffen hier Abhilfe.
Frank SchnickeFrankSchnickeLeiter der Abteilung „Digital Twin Engineering“ am Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE
3 min
Der AAS Dataspace for Everybody bietet eine skalierbare, sichere und standardisierte Infrastruktur, die den Anforderungen moderner Industrieprozesse gerecht wird.Fraunhofer IESE
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Hinter jedem Produkt steckt eine lange Lebensgeschichte: von der
Rohstoffgewinnung über die Fertigung bis hin zur Anwendung und dem anschließenden
Recycling. Obwohl Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette zahlreiche Daten
erfassen, ist es ihnen oft nicht möglich, diese an einer zentralen Stelle effizient
zusammenzuführen. Das kann und muss sich bald grundlegend ändern.
In den kommenden Jahren wird der Digitale Produktpass schrittweise für
alle Unternehmen in der Europäischen Union eingeführt. Er verpflichtet Betriebe
dazu, Informationen über Materialien, die CO₂-Bilanz und Recyclingfähigkeit
ihrer Produkte in digitalen Datensätzen bereitzustellen. Die
produktspezifischen Daten müssen also zentral erfasst werden. Doch wie können
Betriebe das ohne einen deutlichen Mehraufwand umsetzen?
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Eine Lösung: der AAS Dataspace for Everybody
Eine Lösung hierfür bietet der AAS Dataspace for Everybody vom
Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software
Engineering IESE. Die Datenraum-Plattform ermöglicht Unternehmen, beispielsweise
Digitale Zwillinge, CO₂-Berechnungen und Digitale Produktpässe zu realisieren.
Dafür wird die passende Infrastruktur bereitgestellt – nämlich mithilfe von Verwaltungsschalen,
vorkonfigurierten Datenräumen, semantischen Datenmodellen und Schnittstellen. So
ist ein sicherer Datenaustausch innerhalb eines Unternehmens, aber auch
zwischen verschiedenen Unternehmen, möglich.
In der Praxis kann das wie folgt aussehen: Ein Betrieb hinterlegt
Umsatzsteuer-IDs und Prüfberichte standardisiert und strukturiert in den
Verwaltungsschalen auf der Datenraum-Plattform. Eine Verwaltungsschale kann man
sich dabei als standardisierte technische Grundlage für einen Digitalen
Zwilling vorstellen. Sobald ein Geschäftspartner dann Einsicht in die Berichte braucht,
erfolgt ein kontrollierter, sicherer Datenaustausch mit klar definierten
Zugriffsrechten über das Programm.
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Sparpotenzial: Personalkosten in Millionenhöhe
Gerade für die Industrie hat der digitale Datenaustausch viele
praktische Vorteile. Das verdeutlicht folgendes Beispiel: Assets wie Werkzeuge,
die in der Produktion eingesetzt werden, müssen regelmäßig kalibriert werden.
Dazu schicken Unternehmen sie an Fachkräfte oder Dienstleister, die sie
kalibrieren und anschließend zertifizieren. In der Regel erhält das Unternehmen
diesen Kalibrierschein dann als PDF oder in Papierform. Anschließend müssen die
Daten noch händisch in
die Unternehmenssoftware übertragen werden.
Nutzen Unternehmen stattdessen einen
verwaltungsschalenbasierten Datenraum wie den AAS Dataspace for Everybody,
können sie stattdessen eine digitale Version des Kalibrierscheins anfordern.
Mit dem sogenannten Digital Calibration Certificate werden die
Asset-Daten dann als Bestandteil einer Verwaltungsschale bereitgestellt. Das
bedeutet, sie können direkt in das bestehende Softwaresystem integriert werden.
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Durch diesen Prozess werden manuelle
Übertragungsfehler vermieden, außerdem sparen Unternehmen viel Zeit und Geld.
Für das Abtippen der Kalibrierungsinformationen kann in etwa eine
Dreiviertelstunde pro Asset berechnet werden. So kann ein Unternehmen mit 100.000 Assets durch die digitale
Datenerfassung jährlich etwa 75.000 Arbeitsstunden und Personalkosten in
Millionenhöhe einsparen.
Die Besonderheit: weniger Fachkräfte
notwendig
Lösungen wie digitale Datenräume, Verwaltungsschalen und Digitale
Zwillinge sind bereits seit Jahren auf dem Markt. Allerdings war die Bedienung
solcher Systeme bislang vor allem technisch versierten Akteuren vorbehalten. Durch
den Fachkräftemangel in der Informatik ist es heute jedoch schwierig, geeignetes
Personal zu finden.
Die digitalen Lösungen sind ähnlich komplex wie ein Smartphone – können
aber mithilfe des AAS Dataspace for Everybody genauso einfach bedient werden.
Denn der Datenraum stellt den Unternehmen die notwendige Infrastruktur zur
Nutzung der digitalen Lösungen bereit. Dabei ist die grafische
Benutzeroberfläche so ausgestaltet, dass die Templates intuitiv befüllt werden
können. Auf diese Weise sind Betriebe ab Tag 1 nach der Einführung des
Datenraums handlungsfähig und werden damit ein Stück weit unabhängiger von der
aufwändigen Suche nach spezialisierten Fachkräften – ein echter
Wettbewerbsvorteil.
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Der praxisnahe Demonstrator am Fraunhofer IESE veranschaulicht das Zusammenspiel von Produktionsanlagen, Digitalen Zwillingen auf Basis der Verwaltungsschale und Datenräumen.Fraunhofer IESE / Bettina Wassermann
Die Daten bleiben im Unternehmen
Im Grunde gibt es zwei Möglichkeiten,
die Datenraum-Plattform zu nutzen. Entweder hostet ein Unternehmen die Daten in
der eigenen IT, dann verbleiben sämtliche sensiblen Informationen automatisch
auf den unternehmenseigenen Servern. Alternativ findet das Hosting auf dem
Datenraum selbst statt. In beiden Fällen machen sich Betriebe nicht von
eventuellen Preisschwankungen oder Sicherheitslücken abhängig – anders als bei manchen Programmen von externen Anbietern mit
Abo-Modellen.
Der AAS Dataspace for Everybody
ist heute bereits in vielen Unternehmen erfolgreich im Einsatz. Das Tool
kann nahtlos in eine Produktivumgebung mit Service Level Agreement überführt werden.
Über die Plattform können Firmen
Digitale Zwillinge mit ihren Unternehmenspartnern austauschen und dadurch viel Zeit
und Materialkosten sparen – indem sie virtuelle statt praktischer Tests und
Analysen durchführen. Dafür muss der laufende Betrieb nicht unterbrochen werden.
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Ein weiteres konkretes Anwendungsbeispiel ist der Digitale
Materialzwilling im Recycling: Hier erfolgt die Dokumentation der
Produktzusammensetzungen (z.B. in 3.1 Zertifikaten bei Stahl) oft noch
händisch, wodurch der Prozess fehleranfällig, zeitintensiv und teuer ist.
Digital erfasste Daten zur Produktzusammensetzung können die Kosten für den Prozess
erheblich reduzieren und ein besseres Rezyklat bei geringeren Kosten ergeben.
Das ist nicht nur nachhaltig, Unternehmen senken dadurch auch ihre Abhängigkeit
von Importen.
Beim Digitalen Produktpass werden physische Produkte über fälschungssichere QR-Codes mit den digitalen Daten verknüpft.Fraunhofer IESE / Bettina Wassermann
Operator-as-a-Service ermöglicht Fernwartung eines Betriebs
Eine weitere Möglichkeit zur Effizienzsteigerung mittels eines Digitalen
Zwillings ist das systemübergreifende Teilen von Produktionsdaten,
beispielsweise zum Fertigungsstatus oder zur Liefertermintreue. Diese Informationen
können über das Datenraum-Programm gebündelt werden, wodurch eine optimierte
Produktionssteuerung möglich ist.
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Es gibt auch noch viele zusätzliche
Einsatzzwecke: Mit der Datenraum-Plattform ist beispielsweise auch eine
Fernwartung möglich. Selbst in modernen „Lights Out Factories“, in denen der
Betrieb automatisiert abläuft, ist im Störungsfall ein menschliches Eingreifen
erforderlich. Der Datenraum ermöglicht einen ferngesteuerten Betrieb durch
einen Operator-as-a-Service, da er die dafür notwendigen Beschreibungen secure (sicher)
und souverän (kontrolliert durch den Eigentümer der Daten) bereitstellt. In all
diesen Anwendungsfällen ist die niedrigschwellige Technologie ein zentraler Baustein für die Verwirklichung
der Industrie 4.0.
FAQ: Datenräume und Digitale Zwillinge
1. Was ist ein AAS-Dataspace? Ein AAS-Dataspace ist eine Datenraum-Plattform auf Basis der Asset Administration Shell (Verwaltungsschale). Sie ermöglicht den sicheren, standardisierten und kontrollierten Austausch von Produkt- und Anlagendaten zwischen Unternehmen.
2. Welche Rolle spielt der Digitale Produktpass? Der Digitale Produktpass verpflichtet Unternehmen künftig dazu, produktbezogene Informationen wie Materialzusammensetzung, CO₂-Bilanz und Recyclingfähigkeit digital bereitzustellen. Dafür sind strukturierte und interoperable Daten erforderlich.
3. Wie lassen sich mit Datenräumen Kosten senken? Durch die digitale Bereitstellung von Dokumenten wie Kalibrierzertifikaten entfällt die manuelle Datenerfassung. Das reduziert Übertragungsfehler und spart bei großen Anlagenbeständen erhebliche Arbeitszeit und Personalkosten.
4. Warum sind Verwaltungsschalen für die Industrie interessant? Verwaltungsschalen bilden die standardisierte Grundlage für Digitale Zwillinge. Sie ermöglichen den strukturierten Austausch von Informationen über den gesamten Lebenszyklus eines Produkts und erleichtern die Integration in bestehende IT-Systeme.
5. Welche weiteren Anwendungen ermöglichen industrielle Datenräume? Neben Digitalen Produktpässen unterstützen sie unter anderem virtuelle Tests mit Digitalen Zwillingen, digitale Materialnachweise im Recycling, eine effizientere Produktionssteuerung sowie Fernwartungskonzepte wie Operator-as-a-Service.