Die Speaker der Automation NEXT Conference 2026 im Interview

„KI ist nicht der Startpunkt – sondern das Ergebnis einer guten Transformation”

Wie gelingt die Transformation zur Smart Factory im laufenden Betrieb? Steffen Krippendorf Senior Vice President Operations bei Driventic und Speaker auf der Automation NEXT Conference 2026 erklärt, warum Menschen wichtiger sind als Technologie und Daten erst durch Nutzung wertvoll werden.

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Entscheidend bei der Transformation zur Smart Factory sind standardisierte Prozesse, verlässliche Daten und Mitarbeiter, die den Wandel aktiv mitgestalten.
Entscheidend bei der Transformation zur Smart Factory sind standardisierte Prozesse, verlässliche Daten und Mitarbeiter, die den Wandel aktiv mitgestalten.

Redaktion: Herr Krippendorf, viele Unternehmen träumen von der Smart Factory auf der grünen Wiese. Sie mussten dagegen eine bestehende Fabrik transformieren. Wie sah die Ausgangssituation aus?

Steffen Krippendorf_Senior Vice President Operations bei Driventic
Steffen Krippendorf_Senior Vice President Operations bei Driventic

Steffen Krippendorf: Unser Hauptziel war die Verbesserung unserer Wettbewerbsfähigkeit – insbesondere bei Kosten, Durchlaufzeiten und damit verbunden kurzen Lieferzeiten. Der Markt wurde zunehmend anspruchsvoller und der Wettbewerbsdruck immer größer. Uns war klar: Wenn wir langfristig erfolgreich bleiben wollen, müssen wir unsere Fabrik konsequent weiterentwickeln.

Dabei hatten wir nicht den Luxus einer Greenfield-Fabrik. Wir mussten eine bestehende Produktion im laufenden Betrieb transformieren – mit gewachsenen Strukturen, unterschiedlichen Technologien und ohne die Lieferfähigkeit zu gefährden. Genau das macht die Herausforderung, aber auch den Reiz einer solchen Transformation aus.

Redaktion: Was waren die größten Herausforderungen zu Beginn Ihrer Transformationsreise?

Krippendorf: Die größte Herausforderung war nicht die Technik, sondern der Mensch. Es war entscheidend, die Mitarbeitenden und die Arbeitnehmervertretung von Beginn an mitzunehmen und Vertrauen aufzubauen.

Gleichzeitig bedeutete die Transformation einen grundlegenden Wandel der Arbeitsweise. Früher lag die Verantwortung häufig bei einzelnen Maschinen. Heute übernehmen Mitarbeitende Verantwortung für ganze automatisierte Maschinenparks und komplette Prozesse. Das erfordert neue Kompetenzen, ein anderes Rollenverständnis und die Bereitschaft, sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Redaktion: Viele Unternehmen stehen vor ähnlichen Herausforderungen wie Sie. Darum die Frage: Wie gelingt es, Digitalisierung und Automatisierung umzusetzen, ohne die Produktion zu gefährden?

Krippendorf: Wir haben konsequent auf Pilotkonzepte gesetzt. Neue Technologien und Prozesse wurden zunächst an ausgewählten Pilotlinien getestet und gemeinsam mit den Mitarbeitenden weiterentwickelt. Erst wenn ein Konzept technisch und organisatorisch funktioniert hat, wurde es schrittweise auf weitere Bereiche übertragen.

So konnten wir Risiken für die Produktion minimieren und gleichzeitig Sicherheit und Vertrauen schaffen. Digitalisierung und Automation müssen sich in der Praxis bewähren, bevor skaliert wird.

Redaktion: Wo sind Sie vielleicht bewusst Kompromisse eingegangen – und wo haben Sie auf radikale Veränderungen gesetzt?

Krippendorf: Kompromisse haben wir dort gemacht, wo wir nur begrenzten Einfluss hatten. Beispielsweise findet die Produktentwicklung aus historischen Gründen nicht an unserem Standort statt, was uns manchmal zusätzlich herausfordert. Auch in der Zusammenarbeit mit Lieferanten mussten wir aufgrund der Marktsituation und Preisentwicklungen pragmatische Lösungen finden.

Keine Kompromisse gab es dagegen bei den Grundlagen einer leistungsfähigen Produktion. Standards, Ordnung, Sauberkeit, Disziplin und eine konsequente Taktung der Prozesse waren für uns nicht verhandelbar. Gleiches gilt für Datentransparenz, Shopfloor-Management und Standardisierung im Bereich Digitalisierung. Ohne diese Grundlagen kann Digitalisierung langfristig nicht erfolgreich sein und ein konsequentes Roll Out war für uns unverhandelbar.

Redaktion: Sie stellen die provokante Frage: „Daten – Müll oder Mehrwert?“ Was macht aus Daten tatsächlich einen Werttreiber?

Krippendorf: Daten allein haben keinen Wert. Der eigentliche Mehrwert entsteht erst dann, wenn Menschen aus Daten Erkenntnisse gewinnen, Entscheidungen ableiten und dadurch Prozesse verbessern.

Diese Erfahrung haben wir selbst gemacht. Zu Beginn haben wir große Mengen an Maschinendaten gespeichert – mit der Erwartung, daraus später Condition Monitoring ableiten zu können. Nach einem Jahr mussten wir feststellen, dass die Datenbasis dafür nicht geeignet war. Wir mussten praktisch noch einmal neu beginnen.

Das hat uns gezeigt: Es geht nicht darum, möglichst viele Daten zu sammeln oder Datengräber aufzubauen. Entscheidend ist, die richtigen Daten in der richtigen Qualität zu erfassen und die Organisation zu befähigen, mit diesen Daten zu arbeiten.

Erst wenn Mitarbeitende Zusammenhänge erkennen, Entscheidungen auf Basis der Daten treffen und daraus konkrete Verbesserungen ableiten, entsteht echter Mehrwert. Daten sind deshalb kein Selbstzweck – sie sind ein Werkzeug für bessere Entscheidungen. Der Mensch bleibt dabei der entscheidende Erfolgsfaktor.

Redaktion: Und welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit KI im Produktionsumfeld echten Mehrwert liefern kann?

Krippendorf: KI kann nur dann echten Mehrwert liefern, wenn die Grundlagen stimmen. Dazu gehören standardisierte Prozesse, eine verlässliche Datenbasis und eine hohe Datenqualität. Wer versucht, fehlende Standards oder schlechte Daten mit KI zu kompensieren, wird scheitern.

Mindestens genauso wichtig sind jedoch die Menschen. KI ist kein Selbstläufer. Sie liefert nur dann gute Ergebnisse, wenn Mitarbeitende in der Lage sind, die richtigen Fragestellungen zu formulieren, KI sinnvoll einzusetzen, sie mit den richtigen Aufgaben zu trainieren und ihre Ergebnisse kritisch zu hinterfragen.

Deshalb verstehen wir KI nicht als Ersatz für menschliches Wissen, sondern als Werkzeug zur Unterstützung. Die besten Ergebnisse entstehen, wenn das Prozesswissen der Mitarbeitenden mit den Möglichkeiten der KI zusammenkommt. KI ist für uns nicht der Startpunkt der Transformation – sondern das Ergebnis einer guten Transformation.

Redaktion: Technische Veränderungen sind nicht selten einfacher als organisatorische. Wie haben Sie die Belegschaft auf dem Weg mitgenommen?

Krippendorf: Transformation gelingt nur gemeinsam mit den Menschen. Deshalb haben wir sowohl die Mitarbeitenden als auch die Arbeitnehmervertretung von Anfang an als Partner der Veränderung verstanden und frühzeitig eingebunden. Veränderungen lassen sich nicht verordnen – sie müssen verstanden, mitgestaltet und mitgetragen werden.

Unser Grundsatz lautet: „Sage, was du tust – und tue, was du sagst.“ Glaubwürdigkeit ist dabei entscheidend. Wenn neue Regeln, Standards oder technische Vorgaben eingeführt werden, müssen sie konsequent gelten. Führungskräfte müssen diese Regeln vorleben und dürfen sie nicht im Alltag immer wieder aushebeln. Nur so entsteht Vertrauen.

Ebenso wichtig ist es, Erfolge sichtbar zu machen. Wenn Mitarbeitende erleben, dass neue Arbeitsweisen ihren Alltag erleichtern und die Ergebnisse verbessern, wächst die Akzeptanz. Frühzeitige Einbindung, offene Kommunikation, konsequentes Vorbildverhalten und die enge Zusammenarbeit mit der Arbeitnehmervertretung waren für uns die entscheidenden Erfolgsfaktoren.

Automation NEXT Conference 2026

Datum: 30. September 2026

Ort: CU.BE Ulm by Bosch Rexroth, Ulm

Die Automation NEXT Conference ist die Fachkonferenz für industrielle Automatisierung, Digitalisierung und KI im Maschinen- und Anlagenbau.

Sie richtet sich an Entscheider, Produktions- und Automatisierungsverantwortliche sowie Entwickler, die ihre Fertigung zukunftsfähig aufstellen möchten. Im Fokus stehen praxisnahe Vorträge, Best Practices und der Austausch zwischen Industrie, Technologieanbietern und Forschung.

Themenschwerpunkte:

• Künstliche Intelligenz und generative Copilots im Engineering und in der Produktion

• Cobots und kognitive Robotik zur Bewältigung des Fachkräftemangels

• Smart Factory, IIoT, Industrial Networks und MES-Systeme

• Energieeffizienz, Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit

Teilnehmer:

Fach- und Führungskräfte aus industrieller Automatisierung, Produktion und Maschinenbau sowie Expert:innen aus Forschung und Technologieunternehmen.

Besonderheiten:

• Hochkarätige Speaker aus Industrie und Forschung

• Ein kompakter Konferenztag mit starkem Praxisbezug

• Intensives Networking und direkter Austausch auf Augenhöhe

Weitere Informationen & die Möglichkeit zur Anmeldung gibt es hier.