Rauer Seegang, null Sicht, hoher Druck – Unterwasserschweißen gehört zu den härtesten Jobs. Jetzt sorgt ein autonomer KI-Roboter für eine technologische Zeitenwende in der maritimen Instandhaltung.
Der Roboter bei der autonomen Schweißung einer Kehlnaht im Schwarzen Testbecken.DFKI, MARIOW Team
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Bislang werden
Unterwasserschweißungen wie Reparaturen von Hafenanlagen, Offshore-Strukturen
und anderen metallischen Bauwerken von Hand durchgeführt. Der Bedarf übersteigt
die verfügbaren Fachkräfte jedoch deutlich. Hier setzte das Projekt MARIOW
(Maritime AI-Guided & Remote Operated Welding) an: Erstmalig haben die
Partner ein robotisches System entwickelt, das Unterwasserschweißarbeiten
weitgehend autonom ausführen kann. Es soll Tauchern künftig bei körperlich
belastenden und risikoreichen Tätigkeiten entlasten und gleichzeitig präzisere,
gleichmäßigere Schweißnähte selbst unter schwierigen Sichtbedingungen
anfertigen.
Zum
Projektkonsortium gehörten neben dem DFKI Robotics Innovation Center in Bremen
das Institut für Material- und Prozesstechnik sowie das Labor für Autonome
Systeme der TH Köln, das Fraunhofer-Institut für Graphische Datenverarbeitung
(IGD) sowie die Unternehmen AMT und Unterwasserkrause – Mutzeck.
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Modularer
Unterwassermanipulator
Zentrales
Element des Systems ist ein am DFKI entwickelter modularer
Unterwassermanipulator. Der Roboterarm ist bis zu einer Tiefe von 6.000 Metern
einsetzbar, verfügt über eine Reichweite von zwei Metern und ist an
unterschiedliche Einsatzszenarien flexibel anpassbar. Durch eine Kombination
aus dezentraler Gelenkregelung und übergeordneter Bewegungsplanung führt der
Manipulator die Schweißarbeiten präzise und wiederholgenau durch.
Ein weiteres
Kernstück des MARIOW-Systems ist die KI-gestützte Bestimmung der Schweißbahn.
Das vom Fraunhofer IGD entwickelte Stereo-Kamerasystem liefert hochauflösende
Unterwasseraufnahmen direkt am Schweißbrenner. Darauf aufbauend hat das Labor
für Autonome Systeme der TH Köln KI-Modelle entwickelt und trainiert, die
Schweißstöße sowie deren Start- und Endpunkte autonom erkennen. Die KI
berechnet anschließend die optimale Bewegung des Roboters.
Neuartiges
Fülldraht-Schweißverfahren
Ein
entscheidender Fortschritt ist das Fülldraht-Schweißverfahren,
das Unterwasserschweißungen erstmals zuverlässig automatisierbar macht. Der vom
Institut für Material- und Prozesstechnik der TH Köln gemeinsam mit AMT entwickelte Underwater Flux-Cored-Arc-Welding(UW-FCAW)-Prozess ersetzt
die herkömmlichen Stabelektroden, die bereits nach wenigen Zentimetern
Schweißnaht ausgewechselt werden müssen, durch einen kontinuierlichen Draht.
Dieser ununterbrochene Materialfluss bildet die Grundlage für stabile,
kontrollierte und reproduzierbare Nähte.
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Schweißbrenner und Stereokameras am Roboter-Endeffektor bei Versuchsvorbereitungen in der Maritimen Explorationshalle des DFKI Bremen.DFKI, Christian Koch
Erfolgreiche
Abschlussdemonstration
In der finalen
Projektphase wurden alle Teiltechnologien im Unterwasser-Testbecken des DFKI in
Bremen zusammengeführt und praxisnah demonstriert. Dabei wurde die vollständige
KI-basierte Bestimmung der Schweißlinie, die automatisierte Planung des Schweißpfads
und die abschließende Schweißung mittels UW-FCAW-Verfahrens umgesetzt. „Wir
konnten erfolgreich zeigen, dass das automatisierte Fülldrahtschweißen unter
Wasser realisierbar ist. Damit haben wir die Grundlage für eine weltweit
neuartige Technologie geschaffen, die großes Potenzial für die maritime
Wirtschaft und den Industriestandort Deutschland birgt“, erklärt Christian Koch,
Projektleiter am DFKI Robotics Innovation Center.
In kommenden
Vorhaben möchte das Konsortium diese Ergebnisse weiter ausbauen. Neben der
Verbesserung der Qualität der Schweißnaht steht dann vor allem der
Praxiseinsatz im Hafenbecken auf dem Programm. Der Einfluss von Salzwasser,
Strömung und Wellengang wird dann eine Anpassung der bestehenden Systeme nötig
machen. Zudem steigt durch den höheren Druck in der Tiefe die Anforderung an
Komponenten etwa in Bezug auf die Dichtigkeit. Nicht zuletzt soll ein
Lasersystem integriert werden, das die Schlacke entfernt, die während des
Schweißens entsteht.
(Quelle: TH Köln)
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FAQ: Autonomes Unterwasserschweißen mit dem MARIOW-Roboter
1. Was ist das Ziel des Projekts MARIOW? Das Projekt MARIOW (Maritime AI-Guided & Remote Operated Welding) verfolgt das Ziel, autonome Schweißarbeiten unter Wasser zu ermöglichen. Durch den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, Robotik und moderner Sensorik soll die maritime Instandhaltung effizienter, sicherer und unabhängiger von Fachkräftemangel bei Industrietauchern werden. Das System entlastet Menschen bei gefährlichen Einsätzen und verbessert gleichzeitig die Qualität der Schweißarbeiten.
2. Wie funktioniert der Schweißroboter unter Wasser? Das robotische System besteht aus einem modularen Unterwassermanipulator, der bis zu 6.000 Meter tief eingesetzt werden kann. Ausgestattet mit einem Schweißbrenner und einem Stereo-Kamerasystem erkennt die KI automatisch Schweißstöße, Start- und Endpunkte und berechnet die optimale Schweißbahn. Der Schweißvorgang selbst erfolgt mittels eines innovativen Fülldraht-Schweißverfahrens (UW-FCAW), das eine kontinuierliche Materialzufuhr und damit stabile, reproduzierbare Nähte ermöglicht.
3. Welche technologischen Innovationen stecken im MARIOW-System? Zu den wichtigsten Innovationen zählen: ein modularer Unterwasserroboterarm mit hoher Reichweite und Flexibilität; ein KI-gestütztes System zur Erkennung und Planung der Schweißpfade; ein neu entwickeltes Fülldraht-Schweißverfahren (UW-FCAW), das den Schweißprozess automatisierbar macht; ein hochauflösendes Stereo-Kamerasystem zur präzisen Orientierung unter Wasser.
4. Was sind die nächsten Schritte nach dem erfolgreichen Praxistest? Nach erfolgreichen Demonstrationen im Unterwasser-Testbecken steht nun der nächste Meilenstein bevor: der reale Praxiseinsatz im Hafenbecken. Dort werden Herausforderungen wie Salzwasser, Wellengang, Strömung und hoher Umgebungsdruck getestet. Zudem soll ein Lasersystem zur automatisierten Schlackeentfernung integriert werden, um die Schweißnahtqualität weiter zu verbessern. Langfristig strebt das Projekt eine industrielle Anwendung des Systems an.