Industrielle Bildverarbeitung

Bauteile ohne Barcode verfolgen

Jede technische Oberfläche besitzt individuelle Merkmale, die sich zur eindeutigen Identifikation von Bauteilen nutzen lassen. Eine neue Bildverarbeitungslösung von Teledyne erkennt diese "Fingerabdrücke" automatisiert und ermöglicht Track&Trace ohne zusätzliche Markierungen – selbst unter anspruchsvollen Bedingungen.

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Ein Bildverarbeitungssystem erfasst die individuellen Oberflächenmerkmale eines Bauteils. Der daraus erzeugte digitale „Fingerabdruck“ ermöglicht eine eindeutige Identifikation und Rückverfolgung ohne Barcode oder zusätzliche Markierung.
Ein Bildverarbeitungssystem erfasst die individuellen Oberflächenmerkmale eines Bauteils. Der daraus erzeugte digitale 'Fingerabdruck' ermöglicht eine eindeutige Identifikation und Rückverfolgung ohne Barcode oder zusätzliche Markierung.

Die Identifizierung von Bauteilen oder Systemen durch den Einsatz von Barcode- oder OCR-Lesern (Optical Character Recognition) ist heute in vielen Industriebranchen allgegenwärtig. Derartige Systeme sind zuverlässig und bewährt, haben aber auch diverse Nachteile. So müssen die Codes zunächst erstellt, anschließend möglichst ohne Auswirkungen auf die nachfolgenden Abläufe an die zu identifizierenden Teile angebracht und während des Produktionsprozesses durch geeignete Lese- und Auswertegeräte fehlerfrei gelesen und ausgewertet werden. Die Kennzeichnung durch aufgebrachte Etiketten, Gravierungen oder Markierungen ist oftmals jedoch gar nicht möglich, da nachfolgende Bearbeitungsvorgänge dadurch beeinträchtigt werden. Ferner können diese Identifikatoren durch den Bearbeitungsvorgang selbst oder bei Transport- oder Umlagerungsbewegungen ungewollt entfernt oder beschädigt werden.

Die Aufnahme von Bildern der Bauteiloberflächen kann an verschiedenen Stellen im Produktionsprozess erfolgen und ermöglicht die Identifikation der Bauteile sowie die Korrelation der erkannten Teile über die firmeninterne Daten-Cloud.
Die Aufnahme von Bildern der Bauteiloberflächen kann an verschiedenen Stellen im Produktionsprozess erfolgen und ermöglicht die Identifikation der Bauteile sowie die Korrelation der erkannten Teile über die firmeninterne Daten-Cloud.

Anstelle von zusätzlich aufgebrachten Codes ist es ebenso möglich, bereits von Haus aus vorhandene eindeutige Merkmale auf den Bauteilen zu nutzen und für die Identifikation zu verwenden. „An dieser Idee wird bereits seit Jahren gearbeitet“, weiß Dr. Martin Klenke, Director Business Development bei Teledyne Vision Solutions. „Bislang ist es jedoch nicht gelungen, diesen Ansatz mit ausreichend hoher Genauigkeit und prozesssicher für übliche Abläufe in der Massenfertigung industriell nutzbar zu realisieren.“

Teledyne hat nun jedoch eine vielversprechende Lösung für diese Aufgabenstellung gefunden: „Es ist unter bestimmten Voraussetzungen tatsächlich möglich, eine Art individuellen Oberflächen-Fingerabdruck von technischen Bauteilen aufzunehmen und diesen für die Nachverfolgung und Identifikation der Teile über industrielle Produktionsprozesse hinweg zu verwenden“, so Klenke. „Diese Vorgehensweise erlaubt die Verfolgbarkeit von Bauteilen ohne zusätzliche Hilfsmittel und macht aufwendige Barcode- oder OCR-Systeme unnötig.“ Zudem besitzt eine solche 'unsichtbare' Markierung den Vorteil, dass nachgeahmte oder gefälschte Waren sicher erkannt werden können. 

Jede Oberfläche ist anders 

Die Idee hinter der Teledyne-Entwicklung ist, dass jede technische Oberfläche ihre individuellen Eigenheiten aufweist. Bei Metallen oder Materialien mit ähnlich texturierten Oberflächen der Komponenten ergeben sich Oberflächenmorphologien, die aufgrund der vorangegangenen Herstellung nie exakt gleich sind. Diese feinen Unterschiede können genutzt werden, um eine individuelle Zuordnung von verschiedenen Komponenten zu gewährleisten, ähnlich der Fingerabdruckzuordnung von Menschen.

„Um solche individuellen Eigenschaften einzelner Teile identifizieren zu können, definieren wir zunächst ein auf die jeweilige Situation angepasstes Bildverarbeitungssystem“, so Klenke. „Diese integrierte Bildverarbeitungs-Lösung bestehend aus einer Kamera mit spezieller Ansteuerungstechnik, einer passenden Optik sowie einer individuell angepassten Beleuchtung inklusive der zugehörigen Beleuchtungssteuerung. Das so individuell angepasste Bildverarbeitungssystem nimmt dann am Anfang eines Produktionsprozesses Bilder der Bauteiloberflächen auf, die anschließend von einer speziellen Vision-Software auf Basis unserer Sapera-Pro-Software-Familie ausgewertet werden. Durch den Einsatz geeigneter Werkzeuge wie beispielsweise diverser Mustererkennungsroutinen können auf diese Weise innerhalb von Millisekunden markante Merkmale der Oberflächen registriert, digitalisiert und abgespeichert werden.“

Die auf diese Weise entstandenen 'Fingerabdrücke' dienen dann während des gesamten nachfolgenden Prozesses als Referenz und erlauben durch automatisierte Vergleiche entlang der Fertigungsschritte die eindeutige Identifizierung individueller Bauteile. Diese Methode bietet laut Klenke weitere Vorteile: Selbst nach Bauteilverformungen ermöglicht sie häufig noch ein sicheres Track&Trace der Objekte und ist weitgehend unempfindlich gegen Oberflächenfehler wie Kratzer, Verfärbungen, Risse oder Herstellungstexturen. Auch bei teilweiser Überdeckung von Merkmalen oder wenn während des Produktionsprozesses Beschädigungen auf den Bauteilen hinzukommen, funktioniert die Methode noch mit hohen Erkennungsraten.

Ansatz ohne KI

Das klingt nach dem Einsatz von künstlicher Intelligenz, doch weit gefehlt, so Klenke: „Hinter unserem Ansatz verbirgt sich kein klassischer Vorlagenvergleich, sondern eine eigene Mustergenerierung und -korrelation, die ohne vordefinierte Muster funktioniert. Für solche Systeme sind bereits verschiedene Erkennungsmodelle verfügbar, die selbst bei auftretenden Dellen, Kratzern, Schmutz, bei geringen Defekten oder Beschädigungen sowie bei sonstigen Anomalien ohne vorheriges Training eine robuste Identifikation zulassen.“

Eine Stärke des neuartigen Teledyne-Konzepts besteht in der hohen Flexibilität der Systemgestaltung: Prinzipiell kommen mehrere Kameras aus dem breit aufgestellten Portfolio von Teledyne für solche Fingerprint-Systeme infrage. Nach den bisherigen Erfahrungen lassen sich laut Klenke mit industrietauglichen Kameras mit Auflösungen von 5 bis 24 Megapixel jedoch bereits viele Anwendungen erfolgreich lösen.

Laut Klenke spielt außerdem die Auswahl der geeigneten Beleuchtung eine wichtige Rolle: „Für reproduzierbare Ergebnisse stellt diese Komponente eine wesentliche Voraussetzung dar. Wir können dafür mehrere Beleuchtungsoptionen zur Verfügung stellen, die für den jeweiligen Anwendungsfall bewertet werden müssen. Wir greifen hierbei auf eine Vielzahl verschiedener direkter und indirekter Beleuchtungstechnologien zurück und haben bisher mit ausgewählten handelsüblichen industriellen Beleuchtungen gute Erfolge erzielt.“

Jede technische Oberfläche weist individuelle Merkmale auf, die zur Identifikation der Bauteile in späteren Prozessschritten verwendet werden können.
Jede technische Oberfläche weist individuelle Merkmale auf, die zur Identifikation der Bauteile in späteren Prozessschritten verwendet werden können.

Als Software-Basis für derartige Aufgaben kommt eine eigenständige Weiterentwicklung auf Basis der seit mehr als 25 Jahren bewährten Sapera-Software-Algorithmik von Teledyne zum Einsatz. Falls erforderlich, können diese Systeme zur Fingerprint-Inspektion von Oberflächen zudem mit Barcode- oder OCR-Lesern kombiniert werden, um die Erkennungsrate zu komplettieren. „Teledyne als Global Player bietet Anwendern dieser Technologie natürlich einen professionellen Service bei der Auswahl der erforderlichen Komponenten und ihrer Kombination zur Realisierung solcher Track&Trace-Systeme“, betont Klenke. 

Breite Einsatzmöglichkeiten 

Jede Track&Trace-Aufgabe im industriellen Umfeld erfordert auch unter harschen Bedingungen die zuverlässige Identifikation von Objekten mit einer typischen Treffsicherheit von mehr als 98 %. Die bisherigen Installationen erlauben nach Klenkes Aussage stets sichere Wiedererkennungen oberhalb dieser Grenze, was Teledyne-Kunden eine sichere Bauteilverfolgung gewährleistet. Die Integration eines Track&Trace-Systems zur Identifikation von mechanisch umgeformten Bauteilen aus Aluminium hat sogar 100 % echte positive und 100 % echte negative Ergebnisse geliefert – bei dieser Untersuchung konnte also eine fehlerfreie, eindeutige Korrelation der Komponenten bei verschiedenen Prozessschritten erreicht werden.

„Der Ansatz funktioniert auf vielen stochastischen Oberflächen wie Metallen, Papier, texturierten Oberflächen und ähnlichen Materialen bereits sehr erfolgversprechend und ermöglicht neben dem Track&Trace von Objekten beispielsweise auch die sichere Identifikation von falschen oder gefälschten Komponenten“, so Klenke. „Wir werden daher daran arbeiten, die Sicherheit der Erkennung noch weiter zu erhöhen und die entscheidenden Parameter zu optimieren. Dazu zählt die Selektion von speziellen, hochauflösenden Low-Noise-Kameras mit adaptierter Firmware sowie die individuelle anwendungsspezifische Abstimmung von Optik, Beleuchtung und Bildverarbeitung.“ Diese Maßnahmen werden nach Klenkes Überzeugung in naher Zukunft dazu führen, dass die Fingerprint-Methode für Track&Trace-Aufgaben in der Industrie schon bald in großem Ausmaß weiter Einzug halten wird.

Was Sie über die Fingerprint-Methode zur Bauteilidentifikation wissen müssen

1. Wie funktioniert die Identifikation von Bauteilen über ihren Oberflächen-Fingerabdruck?
Jede technische Oberfläche weist individuelle Merkmale auf. Ein speziell angepasstes Bildverarbeitungssystem erfasst diese Strukturen, digitalisiert markante Eigenschaften und speichert sie als Referenz. In späteren Fertigungsschritten können Bauteile anhand dieses „Fingerabdrucks“ eindeutig wiedererkannt werden.

2. Welche Vorteile bietet die Methode gegenüber Barcode- oder OCR-Systemen?
Die Bauteile benötigen keine zusätzlichen Etiketten, Gravuren oder Markierungen. Dadurch entfällt das Risiko, dass Kennzeichnungen während der Bearbeitung beschädigt oder entfernt werden. Gleichzeitig lassen sich auch gefälschte oder falsche Komponenten identifizieren.

3. Funktioniert die Identifikation auch bei beschädigten oder veränderten Oberflächen?
Ja. Die Methode kann Bauteile häufig auch nach Verformungen sowie bei Kratzern, Verfärbungen, Rissen, Verschmutzungen oder teilweiser Überdeckung der Oberflächenmerkmale zuverlässig wiedererkennen.

4. Kommt bei der Fingerprint-Methode künstliche Intelligenz zum Einsatz?
Nein. Das Verfahren basiert auf einer eigenen Mustergenerierung und -korrelation ohne vordefinierte Muster und ohne vorheriges KI-Training. Grundlage ist eine Weiterentwicklung der Sapera-Software-Algorithmik von Teledyne.

5. Für welche Materialien und Anwendungen eignet sich das Verfahren?
Der Ansatz eignet sich unter anderem für Metalle, Papier und andere texturierte beziehungsweise stochastische Oberflächen. Neben Track & Trace in industriellen Produktionsprozessen kann die Technologie auch zur Erkennung falscher oder gefälschter Komponenten eingesetzt werden.