Cybersicherheit: neues Qualitätsmerkmal im Maschinenbau
Lange Lebenszyklen, alternde Komponenten und neue Regulierung erhöhen die Komplexität im Maschinenbau. Wer Cybersicherheit früh in Architektur und Engineering integriert, schafft nicht nur Compliance, sondern auch Vertrauen, Resilienz und Differenzierung im Markt.
Laurent LiouLaurentLiouProduct Marketing Manager bei Moxa Europe
4 min
Neue Vorgaben erhöhen den Handlungsdruck: Maschinenbauer müssen Cybersicherheit dauerhaft in Entwicklung, Betrieb und Wartung verankern. Gefragt sind technische und organisatorische Konzepte, die Sicherheit, Verfügbarkeit und Zertifizierung zusammenbringen.Moxa
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Maschinenbauer unterliegen bereits strengen Anforderungen in
Bezug auf Sicherheit, Leistung und Zertifizierung, etwa durch die
Maschinenverordnung (EU 2023/1230) und funktionale Sicherheitsstandards. Jede Maßnahme
für Cybersicherheit muss mit diesen Anforderungen in Einklang stehen, ohne neue
Risiken zu schaffen oder bestehende Zertifizierungen zu gefährden. Sie kann
also nicht isoliert umgesetzt werden, sondern muss in bereits validierte
Systeme und Prozesse integriert werden.
Cybersicherheit und Compliance sind zwar eng miteinander
verbunden, unterscheiden sich aber in wesentlichen Punkten: Während Compliance
erwartete Ergebnisse und Verpflichtungen definiert, konzentriert sich
Cybersicherheit auf die praktischen Maßnahmen, mit denen diese Ergebnisse
erreicht und aufrechterhalten werden. Um die regulatorischen Anforderungen zu
erfüllen, benötigen Maschinenbauer deshalb nicht nur ein Verständnis der
Vorschriften, sondern müssen auch Systeme entwickeln, die unter betrieblichen
Einschränkungen dauerhaft sicher und zuverlässig bleiben.
Eine der ersten Herausforderungen liegt im
Missverhältnis zwischen regulatorischer Entwicklung und industriellen
Zeitplänen: Der CRA wird derzeit noch konkretisiert, während Entwicklungs- und
Validierungszyklen von Maschinen oft mehrere Jahre dauern. Hersteller müssen
also langfristige Designentscheidungen auf Basis sich verändernder
Anforderungen treffen. Das erhöht zwar das Risiko kostspieliger
Neuentwicklungen, doch auf vollständige Klarheit zu warten, ist keine Option.
Dabei übernehmen Maschinenbauer Aufgaben, die bisher nicht
in ihrem Verantwortungsbereich lagen: Risikoanalysen, Schwachstellenmanagement
und ein sicheres Systemdesign. Rahmenwerke wie IEC 62443 bieten hierfür Orientierung,
doch ihre Übertragung in konkrete Engineering-Entscheidungen erfordert ein
Umdenken. In der Mechanik und Automatisierung müssen Cybersicherheitsaspekte
integriert werden, ohne Zuverlässigkeit und Betriebskontinuität dadurch zu
beeinträchtigen.
Eine noch grundlegendere Herausforderung entsteht, weil industrielle
Systeme für den jahrzehntelangen Betrieb ausgelegt sind, während eingebettete
Komponenten oft deutlich früher ihr Lebenszyklusende erreichen. Der CRA
verlangt, dass Maschinenbauer sich langfristig um Schwachstellen kümmern. Ein
hohes Sicherheitsniveau aufrechtzuerhalten, bleibt daher essenziell. Das
Einspielen von Patches ist hierfür eine zentrale Methode. Dies kann jedoch
durch die Obsoleszenz von Komponenten, Abhängigkeiten bei der Zertifizierung
und Anforderungen an die Verfügbarkeit eingeschränkt sein. Deshalb muss Cybersicherheit
über Patches hinausgehen und sich auf architektonische Maßnahmen stützen, die
langfristige Resilienz gewährleisten.
Bei der Implementierung eines mehrschichtigen Netzwerkschutzes für OT-Netzwerke und -Infrastrukturen gibt es zwei wichtige OT-Cybersicherheitslösungen: industrielle Firewalls und sichere Router.Moxa
Das bedeutet: Sicherheit in industriellen Umgebungen
entsteht nicht durch eine einzelne Lösung, sondern durch mehrere sich
ergänzende Schutzebenen. Segmentierung und kontrollierte Kommunikationsflüsse
schaffen klare Grenzen zwischen Systemkomponenten, während Authentifizierungs-
und Zugriffskontrollmechanismen sicherstellen, dass nur autorisierte Interaktionen
möglich sind. Überwachungs- und Inspektionsfunktionen stellen Transparenz her und
helfen, bösartiges Verhalten zu erkennen oder zu blockieren. Techniken zur
Adressisolation, wie Network Address Translation (NAT), können die
Angriffsfläche weiter reduzieren. Einzeln sind diese Maßnahmen nicht
ausreichend, doch gemeinsam ermöglichen sie es, Risiken über den gesamten
Lebenszyklus hinweg auf einem akzeptablen Niveau zu halten.
Die folgenden Beispiele zeigen, wie sich diese Prinzipien in
konkrete Engineering-Entscheidungen übersetzen lassen.
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Fall 1: Komponentenobsoleszenz und eingeschränkte
Patchfähigkeit
Ein Maschinenbauer entwickelt ein System mit langer Lebensdauer. Während alle
Komponenten zum Zeitpunkt der Inbetriebnahme unterstützt werden, ist zu
erwarten, dass einige im Laufe der Zeit das Ende ihres Lebenszyklus erreichen
und Schwachstellen nicht mehr gepatcht werden können.
Einschränkung: Unsicherheit bezüglich der Komponentenobsoleszenz und Patchverfügbarkeit über die Lebensdauer der Maschine hinweg.
Maßnahme: Integration architektonischer Kontrollmechanismen bereits in der Designphase, einschließlich Inline-Verkehrsprüfung, strenger Kommunikations-Whitelists und eingeschränkter Zugriffspfade.
Ergebnis: Können Komponenten nicht mehr gepatcht werden, ist die Angriffsfläche bereits durch das Design begrenzt. So werden Risiken durch kompensierende Maßnahmen reduziert und ein kontrolliertes und dokumentiertes, CRA-konformes Risikomanagement ermöglicht.
Fall 2: Umsetzung von CRA und NIS2 in technische Ergebnisse
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Ein Maschinenbauer bereitet eine neue Produktlinie für regulierte Umgebungen
vor.
Einschränkung: Unklarheit darüber, welche Artefakte vom Auditor verlangt werden.
Maßnahme: Anwendung von IEC 62443-2-1 als strukturierendes Rahmenwerk, kombiniert mit organisatorischen Praktiken (Risikoanalyse, Governance, Schwachstellenmanagement) sowie komponenten- und systembezogenen Maßnahmen wie Härtung und Patchmanagement.
Ergebnis: Für das Audit liegen konkrete Ergebnisse vor, darunter Risikoanalysen, Sicherheitsanforderungen, Patchprozesse, Prozesse zum Umgang mit Sicherheitslücken sowie eine Dokumentation zum Nachweis der Compliance.
Fall 3: Von den IEC-62443-Anforderungen zu
architektonischen Entscheidungen
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Ein Maschinenbauer entwickelt ein vernetztes System, das Fernzugriff und die
Integration in ein Anlagennetzwerk erfordert.
Einschränkung: Mehrere Bedrohungsszenarien müssen berücksichtigt werden, ohne Verfügbarkeit und Betriebsanforderungen zu beeinträchtigen.
Maßnahme: Definition von Sicherheitszonen und Kommunikationskanälen gemäß IEC 62443. Dabei dient ein angestrebtes Sicherheitsniveau (SL-T) als Leitlinie für die Auswahl der Kontrollmaßnahmen, darunter Segmentierung zwischen Steuerungs-, Sicherheits- und externen Schnittstellen, Kommunikations-Whitelists zwischen Zonen, rollenbasierte Zugriffskontrolle für den Fernzugriff sowie die Protokollierung sicherheitsrelevanter Ereignisse.
Ergebnis: Eine strukturierte Architektur, in der Kommunikationspfade kontrolliert, der Zugriff auf autorisierte Nutzer und Datenflüsse beschränkt und Systeminteraktionen nachvollziehbar sind. Sicherheitsanforderungen werden in konkrete Designentscheidungen übersetzt, die sowohl den betrieblichen Anforderungen als auch den regulatorischen Vorgaben entsprechen.
Sicherheit als Frage der Architektur
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In der Praxis müssen Maschinenbauer auch entscheiden, wie anpassungsfähig
ihre Systeme im Laufe der Zeit sein müssen. Basis-Mechanismen zur Reduzierung
der Angriffsfläche wie NAT können für Systeme mit begrenzter Konnektivität
ausreichen. Bei stärker exponierten Systemen sind jedoch häufig zusätzliche
Funktionen erforderlich, um auf neue Bedrohungen reagieren zu können, zum Beispiel Inspektionsmöglichkeiten, Erkennung von Anomalien oder virtuelles Patching. Die
Entscheidung darüber hängt nicht nur von technischen Anforderungen ab, sondern
auch davon, welches Maß an Sicherheitsmanagement sich über den Lebenszyklus
hinweg realistisch aufrechterhalten lässt.
Der Defense-in-Depth-Ansatz stärkt die Netzwerksicherheit durch mehrere Security Layer, um die Sicherheitsrisiken zu minimieren.Moxa
Dabei gewinnen netzwerkbasierte Mitigationsmechanismen an
Bedeutung. Industrielle Firewalls wie die Industrial Secure Router der Serien
EDR-8010/-G9004/-G9010 oder die LAN Firewall EDR-G1002-BP von Moxa sind
speziell für den Schutz kritischer industrieller Anlagen entwickelt. Mit
integrierten Sicherheitstechnologien wie OT-orientierte Deep Packet Inspection
(DPI) und Intrusion Prevention System (IPS) unterstützen sie Maschinenbauer
dabei, Risiken auch dann zu begrenzen, wenn einzelne Komponenten das Ende ihres
Lebenszyklus erreichen und nicht mehr gepatcht werden können. Durch ein
entsprechendes Netzwerkdesign lassen sich Schwachstellen reduzieren und
Maßnahmen nachvollziehbar dokumentieren.
In einer typischen sicheren Architektur werden kritische
Funktionen in Zonen segmentiert, Kommunikationsflüsse klar definiert und
externe Verbindungen über gesicherte Schnittstellen verwaltet. Fernzugriffe
werden vermittelt und überwacht, während Protokollierungsfunktionen für
Transparenz und Nachvollziehbarkeit sorgen. Mechanismen zur Adressisolierung
können die Erreichbarkeit einschränken, ersetzen jedoch keine grundlegenden
Maßnahmen wie Authentifizierung, Segmentierung oder Überwachung, sondern wirken
ausschließlich ergänzend.
Die Einhaltung von Cybersicherheitsvorschriften ist
letztlich eine Koordinationsaufgabe entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Maschinenbauer, Komponentenlieferanten und Lösungsanbieter sehen sich denselben
Unsicherheiten gegenüber. Die Anbieter orientieren
sich an Markterwartungen, und ohne Rückmeldungen können Annahmen jedoch die praktischen
Erfordernisse überlagern. Der Austausch mit Lieferanten, die Offenlegung von
Einschränkungen und die Erörterung von Erwartungen hinsichtlich des
Lebenszyklus sind daher unerlässlich.
Cybersicherheit ist Gemeinschaftsaufgabe
Der Defense-in-Depth-Ansatz gemäß IEC 62443 basiert auf der Segmentierung des Netzwerks in Zonen. Alle Komponenten einer Zone haben dieselbe Sicherheitsstufe, die sich durch verschiedene Geräte und Maßnahmen herstellen lässt.Moxa
In diesem Umfeld spielen Anbieter von Kommunikations- und
Vernetzungslösungen eine zentrale Rolle bei der Umsetzung von
Cybersicherheitsanforderungen in praktikable Lösungen. Viele regulatorische
Anforderungen lassen sich auf unterschiedliche Weise umsetzen, und die
Wirksamkeit der Maßnahmen hängt von den Rahmenbedingungen ab. Der stetige
Austausch mit Maschinenbauern ermöglicht es Anbietern, Feedback in Lösungen zu
integrieren, die sowohl praktikabel als auch nachhaltig sind. Deshalb fördert Moxa
diesen Dialog aktiv und lädt Maschinenbauer ein, ihre Herausforderungen und
Erwartungen zu teilen.
Von der Einschränkung zum USP
Cybersicherheit wird oft als Einschränkung wahrgenommen. Für
Maschinenbauer, die sich frühzeitig damit befassen und ihre Designprinzipien
entsprechend anpassen, wird sie jedoch zu einem Alleinstellungsmerkmal. Die
Fähigkeit, Systeme zu liefern, die langfristig sicher, zuverlässig und
resilient bleiben, wird zunehmend zu einem Qualitätsmerkmal. Die
Zukunftssicherheit von Maschinen ist kein Ergebnis isolierter Konstruktionsentscheidungen
mehr, sondern erfordert kontinuierliche Abstimmung über Technologien,
Lebenszyklen und Stakeholder hinweg.
FAQ: Cybersicherheit im Maschinenbau
1. Warum wird Cybersicherheit im Maschinenbau immer wichtiger? Maschinen haben lange Lebenszyklen, während Komponenten und Software deutlich schneller altern. Gleichzeitig steigen regulatorische Anforderungen. Cybersicherheit wird dadurch zu einem Qualitätsmerkmal, das Compliance, Resilienz und Vertrauen unterstützt.
2. Worin unterscheiden sich Compliance und Cybersicherheit? Compliance beschreibt erwartete Ergebnisse und regulatorische Verpflichtungen. Cybersicherheit umfasst die praktischen technischen und organisatorischen Maßnahmen, mit denen diese Anforderungen dauerhaft erfüllt werden können.
3. Welche Rolle spielt der Cyber Resilience Act für Maschinenbauer? Der CRA verlangt, dass Hersteller Schwachstellen über den Lebenszyklus ihrer Maschinen hinweg berücksichtigen. Da viele Maschinen über Jahrzehnte betrieben werden, reicht reines Patchmanagement nicht aus; Sicherheitsarchitekturen müssen von Anfang an resilient ausgelegt sein.
4. Welche technischen Maßnahmen können Maschinen langfristig absichern? Zu den zentralen Maßnahmen gehören Segmentierung, kontrollierte Kommunikationsflüsse, Authentifizierung, Zugriffskontrolle, Überwachung, Protokollierung, Deep Packet Inspection, Intrusion Prevention sowie ergänzende Verfahren wie NAT zur Reduzierung der Angriffsfläche.
5. Warum kann Cybersicherheit für Maschinenbauer ein Wettbewerbsvorteil sein? Wer Cybersicherheit früh in Architektur und Engineering integriert, kann Maschinen liefern, die langfristig sicher, zuverlässig und resilient bleiben. Damit wird Cybersicherheit nicht nur zur Pflicht, sondern zu einem Differenzierungsmerkmal im Markt.