In einem interdisziplinären Forschungsprojekt der Technischen Universität München (TUM) trifft ökologische Vision auf Automatisierung: Eine modulare Nistfassade schafft neue Lebensräume für Stadttiere wie Igel oder Haussperlinge. Für die Fertigung setzten die Forschenden unter anderem auf den kollaborativen Roboter GoFaTM von ABB. In Kombination mit digitaler Planung, additiver Fertigung und klimasensitiver Geometrie entstand ein Prototyp für Biodiversität in urbanen Bauprojekten.
Bernhard RichterBernhardRichter
3 min
Aufgrund ihres modularen Designs passen die 3D-gedruckten Fassadenelemente in gängige hinterlüftete Fassadensysteme und lassen sich bei Bedarf unkompliziert herausnehmen und reinigen. Dank dieser Wartungsfreundlichkeit bleiben die Nistplätze auch langfristig nutzbar.Technische Universität München
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Der Verlust von Lebensräumen ist einer der stärksten Treiber für das
Artensterben weltweit. Auch in Städten verschwinden Rückzugsorte: alte
Dachvorsprünge, Ritzen in Fassaden oder hohle Baumstämme. In einem
interdisziplinären Forschungsprojekt hat sich ein Team aus Architektur- und
Ökologie-Forschenden der Technischen Universität München (TUM) deshalb das Ziel
gesetzt, Gebäudehüllen als Träger für Biodiversität zu nutzen. Ein
Paradebeispiel in Form eines additiv gefertigten Fassadenprototyps findet sich
an der Südpolstation, einem Kinder- und Jugendzentrum im Münchner Stadtteil
Neuperlach. Er wurde im Juli 2025 eingeweiht.
Die Interaktion von Mensch und Roboter verlief durchweg intuitiv
Julia Larikova, Initiatorin und Doktorandin an der Professur für Digitale Fabrikation
Die Elemente aus keramischem Recycling-Ton bieten nicht nur ein Zuhause für Vögel und Kleintiere – dank ihrer ausgeklügelten Geometrie schaffen sie auch ein günstiges Mikroklima an der Fassade. Die Tiefe der Module wurde anhand von Sonneneinstrahlungsdaten so kalkuliert, dass sich ihre Oberfläche selbst verschattet. So heizt sich die Gebäudehülle im Sommer nicht zu stark auf.
Jedes der rund 100 Module, die im 3D-Druckverfahren gefertigt wurden, ist
geometrisch einzigartig. Die Herausforderung: Um die Produktionsprozesse
effizient, wiederholgenau und skalierbar zu gestalten, muss der weiche
Tonstrang hochpräzise aufgetragen werden. Hier eröffnete der kollaborative
Roboter (Cobot) GoFa
von ABB Robotics neue Möglichkeiten. Im Fall der modularen Nistfassade
unterstützte der Cobot zusätzlich zum 3D-Druck auch bei der Nachbearbeitung und
Qualitätssicherung der empfindlichen Rohlinge. So setzt er die Elemente aus dem
Druckbett um, legt sie platzsparend in Trockengestellen ab oder übergibt sie
kontrolliert zur weiteren Bearbeitung.
Im universitären Umfeld bringt der Einsatz kollaborativer Robotik besondere
Vorteile mit sich: Die Versuchsanordnungen wechseln häufig, Materialien und
Prozesse sind oft experimentell – standardisierte Industrieautomation stößt
hier schnell an Grenzen. Cobots wie GoFa schaffen die nötige Balance zwischen
Sicherheit, Präzision und Anpassungsfähigkeit.
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Eingerichtet wurde der Cobot mithilfe der ABB-Software RobotStudio.
Über die intuitiv bedienbare Benutzeroberfläche konnten die Forschenden in der
Programmiersprache Python entwickelte Druckpfade für Bewegungsabläufe
simulieren, optimieren und anschließend direkt auf den Roboter übertragen. Für
wechselnde Geometrien und Bauteilpositionen erwies sich besonders die
Möglichkeit der handgeführten Programmierung („Lead Through“) als zeitsparend –
Bewegungen konnten einfach eingespeichert und jederzeit angepasst werden. Auch
bei Wartung oder Umbau des Arbeitsplatzes punktet GoFa: Der Roboter lässt sich
ohne großen Aufwand in neue Prozessketten integrieren.
Ein interdisziplinäres Team der Technischen Universität München (TUM) entwickelte im 3D-Druckverfahren geometrisch einzigartige, klimasensitive Fassadenmodule aus keramischem Ton, die als Lebensräume für Vögel und Kleintiere dienen.Technische Universität München
„Die Interaktion von Mensch und Roboter verlief durchweg intuitiv“,
berichtet Julia Larikova, Initiatorin und Doktorandin an der Professur für
Digitale Fabrikation. „Durch die Handführung und die grafischen
Programmiertools in RobotStudio konnten wir GoFa schnell in unsere
Werkstattprozesse integrieren – ganz ohne aufwändige Schulungen.“
Dabei ist der ABB-Cobot besonders anpassungsfähig, präzise und einfach zu programmieren – Attribute, die in einem universitären Umfeld besonders geschätzt werden.Technische Universität München
Das Forschungsprojekt „Nistfassade“
Die modularen Nistfassaden werden in einem interdisziplinären
Forschungsprojekt entwickelt. Beteiligte sind die Professur für Digitale
Fabrikation (Julia Larikova, Prof. Dr. Kathrin Dörfler), der Lehrstuhl für
Terrestrische Ökologie (Dr. Fabio Sweet, Prof. Dr. Wolfgang Weisser) im Rahmen
Leuchtturmprojekts zum Neuen Europäischen Bauhaus „Creating NEBourhoods
Together“, sowie das EU-Projekt ECOLOPES. Die Forschung wurde außerdem von der
Stiftung Artenschutz und Technik gefördert. Die Realisierung unterstützten der
Industriepartner Tonality GmbH sowie Feierwerk e.V. – Südpolstation. Weitere
Informationen: https://www.arc.ed.tum.de/en/df/prototypes/nest-facade/#c64914
Bevor der 3D-Druck begann, modellierten die Forschenden die 3D-Geometrie
eines jeden Fassadenelements digital – gestützt auf Klimadaten,
Gebäudeausrichtung und artspezifische Bedürfnisse. Im digitalen Modell
platzierten sie Nist- und Schutzräume gezielt dort, wo sie ökologisch sinnvoll
sind: Spatzen bevorzugen die Nähe zur Kolonie, der Hausrotschwanz braucht
Abstand zum Nachbarn. Algorithmen übersetzten diese Anforderungen direkt in
geometrische Fassadenformen.
Das Drucken mit keramischem Ton stellte besondere Anforderungen an das
additive Fertigungsverfahren und die Nachbearbeitung: Die Materialviskosität
variierte, die Trocknung begann bereits während des Druckprozesses. Um Verzug
oder Rissbildung zu vermeiden, musste der Materialauftrag mit Blick auf die
Temperatur und Feuchtigkeit präzise orchestriert werden. Bei der
Nachbearbeitung waren daher minimale Vibration und eine exakte Bewegungsführung
erforderlich, die dank GoFas Kraftbegrenzung und integrierten Drehmomentsensoren
erreicht wurde. Nur so ließ sich die besonders hohe Oberflächenqualität
gewährleisten, die zu den zentralen Erfolgsfaktoren einer solchen Nistfassade
gehört. Denn Bauherren und Stadtplanungsverantwortliche legen hohen Wert
darauf, dass die Oberfläche der Fassade möglichst wenig Angriffsfläche für
Schmutz aufweist.
Aufgrund ihres modularen Designs passen die 3D-gedruckten Fassadenelemente
in gängige hinterlüftete Fassadensysteme und lassen sich bei Bedarf
unkompliziert herausnehmen und reinigen. Dank dieser Wartungsfreundlichkeit
bleiben die Nistplätze auch langfristig nutzbar.
Für Fassaden, die leben
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In den kommenden drei Jahren wird der Münchner Prototyp wissenschaftlich
begleitet. Dabei beobachten die Forschenden, wie die Tiere die Nistplätze
nutzen und wie sich das Mikroklima entwickelt. Dazu messen sie beispielsweise
Temperaturverläufe oder die Oberflächenfeuchtigkeit an verschiedenen Stellen
der Fassade. Zudem dokumentieren Kameras das Verhalten der Tiere über mehrere
Brutzyklen hinweg. Diese Daten liefern die Grundlage, um die Geometrie der
Module weiter zu verfeinern und den ökologischen Impact zu bewerten.
Für ABB Robotics unterstreicht dieses Projekt, wie zukunftsweisende
Applikationen über die klassische Industrie hinauswachsen. „GoFa wurde für
genau solche flexiblen, kooperativen Einsatzfelder konzipiert“, sagt Robert
Löbach, Cobot-Experte bei ABB Robotics. „Gerade wenn es darum geht, Mensch,
Maschine und Material in neuartige Workflows zu integrieren, spielen Cobots wie
GoFa ihre Stärken aus.“
Der kollaborative Roboter GoFa von ABB ermöglichte eine präzise additive Fertigung und sensible Nachbearbeitung der zerbrechlichen Tonelemente.Technische Universität München
Die modularen Nistfassaden treffen den Zeitgeist. Denn Europa saniert – und
zwar im großen Stil. Millionen Gebäude sollen im Zuge der EU-weiten
Renovierungswelle, einer Kerninitiative des Green Deal, energetisch
modernisiert werden. Genau hier setzt das Konzept der Nistfassade an: Es nutzt
die ohnehin anstehenden Bauarbeiten, um zugleich neue Lebensräume für Tiere zu
schaffen – ohne zusätzlichen Flächenbedarf. Die vorgefertigten Module lassen
sich einfach in bestehende Fassadensysteme integrieren und eignen sich damit
ideal für die Sanierung von Bestandsbauten oder die Verdichtung in der Stadt.
So entsteht ein doppelter Mehrwert: besseres Klima für Menschen, mehr
Rückzugsorte für Tiere.